Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Sonderzug mit Särgen

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 43): An Potsdamer Gräbern

Adolf Hitler (am Pult stehend) eröffnet am 21. März 1933 in der Ganisonkirche den „Tag von Potsdam“, im Sessel sitzend Reichspräsident Paul von Hindenburg     Foto: Archiv DSF
Adolf Hitler (am Pult stehend) eröffnet am 21. März 1933 in der Ganisonkirche den „Tag von Potsdam“, im Sessel sitzend Reichspräsident Paul von Hindenburg Foto: Archiv DSF

Von Holger Becker

„Traurigkeit hat keinen Zweck, Grieneisen schafft die Leiche weg“, rief einer der Fotografen und erntete den großen Lacher bei den Journalistenkollegen. Die schauten von der mit alten Waggons improvisierten Pressetribüne auf die Güterrampe des „Kaiserbahnhofs“ Wildpark in Potsdam, vor der sich ein Trupp uniformierter Bediensteter des alten Berliner Bestattungsunternehmens Grieneisen aufgebaut hatte: in Zweierreihen, einige der Beerdigungsspezialisten mit Brecheisen, die sie schulterten, als ob es Karabiner wären. Dann, gegen 11 Uhr, lief der Sonderzug ein. Was heißt Zug? Die in Schwarz und Rot lackierte Dampflokomotive der Deutschen Reichsbahn mit der Nummer 74-1230 zog fünf Wagen, darunter einen alten Packwaggon. Hinter dem hing ein „Salonwagen“, an den sich einige aus der Fernsehsendung „Bios Bahnhof“ erinnern konnten.

Die Grieneisenkolonne setzte sich in Bewegung,  verschwand Mann für Mann in dem grünen Frachtwaggon, in dem ein Rumpeln anhob. Das dauerte etwa eine Viertelstunde. Fernsehteams aus aller Welt nutzten die Zeit, um noch einmal ihre Kameraeinstellungen zu prüfen. Dafür boten sich die Hintern der insgesamt acht schwarzen Pferde an, die parallel zum Auftritt der Grieneisenkolonne zwei Wagen mit eisenbeschlagenen Rädern vor den Zug gezogen hatten. Und wie nutzen Pferde die Zeit, in der sie stillestehen müssen? Na ja. Endlich öffnete sich eine Tür. Das Heeresmusikkorps I aus Langenhagen bei Hannover trompetete „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Und die Grieneisenmänner hievten zwei Särge auf die Pferdewagen, in dem einen die Reste des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhem I. (1688 bis 1740), in dem anderen die Überbleibsel von dessen Sohn Friedrich II. (1712 bis 1786), auch Friedrich der Große oder Alter Fritz genannt. Man schrieb den 17. August 1991.

15 Stunden hatte die Fahrt aus dem schwäbischen Hechingen, wo die Gebeine der beiden bekanntesten Preußenkönige auf dem Stammsitz der Hohenzollern seit 1952 lagerten, bis nach Potsdam gedauert. Einige Nachfahren der toten Hauptpersonen begleiteten die verlöteten Särge. Die lebenden  Hohenzollern stiegen aus dem sogenannten Kronprinzenwagen, den der ihn pflegende Eisenbahnverein in Hameln ansonsten auch an Kegelklubs oder an den Fernsehunterhalter Alfred Biolek verlieh. Gebaut worden war das Luxusgefährt 1905 in Breslau für den letzten kaiserlich-preußischen Kronprinzen namens Wilhelm – jenen Mann, der sich im Januar 1933 zusammen mit anderen seines Schlages beim Reichpräsidenten Paul von Hindenburg für die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler einsetzte.

„Aktion Umtopfung“ steht auf der Mappe, die der Berichterstatter zu dem Tag angelegt hat, an dem die beiden Preußenkönige in Potsdam Ruheorte bezogen, in denen sie sich Zeit ihres Todes noch nie aufgehalten hatten. Der „Soldatenkönig” bekam einen Platz neben Anverwandten im Kaiser-Friedrich-Mausoleum der Potsdamer Friedenskirche. Dem Alten Fritz wurde endlich der Wunsch erfüllt, bei seinen Lieblingshunden auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci und nicht neben seinem gehaßten Vater begraben zu werden.

Alles an diesem sommerlichen Sonnabend war auf feierliches Pathos gestimmt. Schon deswegen kippte die Sache oft genug ins Komische. Denn es gab nicht nur die Rumpelpanne beim Ausladen der Särge – wie sich herausstellte, war der Packwagen falsch herum an die Lokomotive gekoppelt worden, und die schweren Kisten aus Kupfer mit dem Vater und aus Zinn mit dem Sohn mußten erst einmal gedreht werden, um richtig auf die Pferdegespanne zu kommen. Nein, bei der Grablege des Flötenspielers von Sanssouci, also Friedrichs II – inszeniert zur Geisterstunde beim Scheine von vier Kutscherlaternen – rutschte der mit einer schwarz-weißen Preußenflagge drapierte Sarg mit seinem Fußende aus der Trageschlaufe und begab sich polternd auf Talfahrt. Manchen erinnerte es an die Beerdigung des gewesenen KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breschnew (1906 bis 1982), der am 15. November 1982 ebenfalls mit lautem Knall in seine Grube in der Nähe des Moskauer Lenin-Mausoleums fuhr.

In Potsdam wimmelte es an besagtem Augusttag vor Uniformen. Hohe Sicherheitsstufe. Denn Bundeskanzler Helmut Kohl nahm an dem Umbettungsfest teil, als „Privatmann“, der eigentlich im Urlaub sei, herübergekommen vom Wolfgangsee in Österreich, wie seine Sprecher zu betonen nicht müde wurden, aber eben doch mit hohem Schutzbedarf. Denn man konnte ja nicht wissen im wilden Osten, dem Kohl „blühende Landschaften“ versprochen hatte, wo die meisten Bewohner aber gerade „Betriebsstillegungen“, „Abwicklungen“, politische Säuberungen, die Bedrohung von Haus und Grundstück durch sogenannte Alteigentümer und andere Nettigkeiten erlebten. Erst wenige Wochen zuvor, am 10. Mai 1991, hatte Kohl in Halle unter „Lügner, Lügner“-Rufen ein Ei an den Kopf bekommen, was zu schweren Kanzlervorwürfen wegen „Sicherheitsmängeln“ an den Innenminister Sachsen-Anhalts führte. Damit sich der „Eierwurf von Halle“, wie der Vorfall heute im Internetlexikon Wikipedia heißt, im Brandenburgischen nicht wiederhole, übernahmen in Potsdam Recken des Bundesgrenzschutzes (BGS) das Heft des Handelns und die Kontrolle über die Stadt.

Doch als halbwegs subversive Akte ließen sich einzig die Auftritte schwuler Aktivisten vermelden, die in Rokoko-Kostümen durch den Park ginsterten und unter dem Motto „Du und Dein König“ völlig zu Recht Friedrich II. als einen der ihren reklamierten, sowie des „Büros für ungewöhnliche Maßnahmen“ aus Berlin, das mit einem satirischen Festzug an den so übelbegründeten wie wahrheitsgemäßen Ruf Preußens als Hort des Militarismus erinnerte. Was sich im übrigen auch gegen die demonstrative Anwesenheit der Bundeswehr richtete, die sich nicht auf die Güterrampe im Bahnhof Wildpark beschränkte. Stundenlang standen acht Offiziere „Ehrenwache“ am Sarg Friedrich II., und zwar Vertreter aller Waffengattungen, ergo auch der Luftwaffe und der Marine, so als hätte man schon mal von altfritzischen Luftflotten oder Seestreitkräften gehört.

Brandenburgs von der SPD geführte Landesregierung hatte sich gegen das militärische Gepränge gesträubt, wollte lieber ein rein ziviles Begängnis. Auf den Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, über den schon Gerüchte umgingen, er habe dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR gedient, sei aber Druck ausgeübt worden, hieß es damals. Es war ja eine seltsame Zeit, zu deren Umständen auch die weitere Präsenz sowjetischer Armee- und Geheimdiensteinheiten in Potsdam gehörte. Erst 1994 räumten sie ihre Standorte in Preußens alter Militärmetropole, die 1945 nicht ohne Grund Schauplatz jener Konferenz der Sieger der Zweiten Weltkrieges wurde, die zum „Potsdamer Abkommen“ führte. Sogar „Radio Wolga“, der Sender für die sowjetischen Truppen in der DDR und bis 1991 auch in der Tschechoslowakei, fuhr sein Programm bis zum 31. Juli 1994 aus Studios in der Potsdamer Menzelstraße.

Ob „die Russen“, wie sie auch die Bevölkerung nannte, wirklich verschwinden würden, wer wollte das im Jahr nach dem Beitritt der DDR zum vormaligen Feindesland  mit Garantien für das Eintreffen seiner Prognose sagen. „Jähe Wendungen“ jedenfalls schienen nicht ausgeschlossen. Nur zwei Tage nach der „Aktion Umtopfung“ gab es in Moskau jenen operettenhaften, bis heute nicht wirklich aufgeklärten „Putsch“ hoher KPdSU-Funktionäre um Geheimdienstchef Wladimir Krjutschkow, der sich dem Anschein nach gegen den längst gescheiterten Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow richtete und im Ergebnis den späteren russischen Präsidenten Boris Jelzin in den Sattel hob.

Die Widerspenstigkeit märkischer Sozialdemokraten gegen die Betonung preußischer Militärtradition im Hier und Heute, auch Berlins damals Regierender Bürgermeister Walter Momper lehnte den Bundeswehreinsatz bei der „Aktion Umtopfung“ ab, hat sich inzwischen verflüchtigt. Seit ein SPD-Kanzler 1998 Deutschland in den NATO-Krieg gegen Jugoslawien führte und das von ihm regierte Land ab 2001 am Hindukusch verteidigen ließ, sind die Schranken gefallen. In Potsdam zeigt sich das mit dem begonnenen Wiederaufbau der Garnisonkirche, einer Zentraldevotionalie des preußischen Militarismus, die wieder alle anderen Bauten der Stadt überragen soll. Die Partei der Sozialdemokraten hat dabei die führende Rolle übernommen. Mit Manfred Stolpe und Matthias Platzeck sitzen zwei ehemalige SPD-Ministerpräsidenten im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche, dazu gesellen sich Brandenburgs Wissenschafts- und Kulturministerin Martina Münch und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, beide ebenfalls Sozialdemokraten. Ansonsten gehören dem Gremium vornehmlich evangelische Granden und die Milliardärswitwe Maren Otto („Otto-Versand Hamburg“) an.

Den Punkt aufs das I setzt Walter Steinmeier. Als Bundespräsident mit SPD-Parteibuch übernahm er die Schirmherrschaft über das von Potsdams Millionärs-Schickeria bejubelte Projekt, jenes Bauwerk wiedererstehen zu lassen, in dem die Gebeine der 1991er Umbettungsbetroffenen bis zum 20. März 1943 verweilt hatten.

Ob den Sozen wohl dabei ist? Manfred Stolpe zum Beispiel versucht sich selbst Mut zu machen, indem er über die Geschichte des Bauwerks einfach Unsinn erzählt, vor allem über den berüchtigten „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Nach Stolpes Erzählungen handelte es sich dabei nicht etwa um ein von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels durchgeplantes Ereignis, sondern um eine eher zufällige Begebenheit. Im Berliner „Tagesspiegel“ vom 29. Oktober 2017 schreibt der Ex-Premier: „Als nach dem Reichstagsbrand 1933 eine Versammlungsstätte für die Abgeordneten gesucht wurde, kam in der Garnisonkirche der neugewählte Reichstag zusammen. Bei dieser Gelegenheit begrüßte der Reichspräsident Hindenburg den Reichskanzler Hitler vor der Kirche.“

Aber hallo, Herr Stolpe: Paul von Hindenburg kam einfach so vorbeigelatscht und begegnete – guten Tag, was machen Sie denn hier? – Hitler vor der Kirche?

Nee, am 21. März 1933 zeigte sich Potsdam dicht beflaggt mit den schwarz-weiß-roten Fahnen des Kaiserreichs und den Hakenkreuzflaggen der Nazis. Und in der Garnisonkirche fand ein Festakt statt, über den das Deutsche Historische Museum festhält: „In der Kirche drängten sich Repräsentanten von Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie Offiziere der Reichswehr und uniformierte Angehörige der Sturmabteilung (SA). Anwesend waren die Reichstagsabgeordneten der rechten und bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokraten verzichteten demonstrativ auf eine Teilnahme. Nicht teilnehmen konnten die Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Sie waren, wie Innenminister Wilhelm Frick höhnisch bemerkte, ‘durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern’ am Erscheinen gehindert. Nach den Reden von Hindenburg und Hitler erfolgte die Kranzniederlegung in der Gruft Friedrichs des Großen.“

Den gesamten Sermon, der die neue Nazimacht in den Augen der Öffentlichkeit mit der Tradition des alten preußischen Militärstaates amalgamieren sollte, übertrug der Rundfunk des großdeutsch sein wollenden Reiches. Der seiner Irrelevanz entgegengehende Reichstag, der  zwei Tage später das Ermächtigungsgesetz beschließen sollte, konstituierte sich am Nachmittag in der Berliner Kroll-Oper.

Als Hitler fast genau zehn Jahre später – nach der Schlacht von Stalingrad – den Befehl gab, die Särge Friedrich II, des Soldatenkönigs und auch Hindenburgs  aus der Gruft der Garnisonkirche holen zu lassen und im Bunker des Luftwaffenhauptquartiers in Potsdam-Wildpark zu verstecken, begann die Odyssee der beiden royalen Leichen, die am 17. August 1991 endete. Oder?

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