Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Bezahlen für Verdunstetes?

Was bei den Entgelten fürs Niederschlagswasser berücksichtigt werden müßte

Seit Jahr und Tag wird die Frage nach den Belastungen der Grundstücksbesitzer und der Forderungen der zuständigen Anstalten des öffentlichen Rechts (AöR) durch die aus Niederschlägen in flüssiger Form für das öffentliche Kanalnetz anfallenden Wassermengen erörtert, und auch in unserer Zeitschrift spielt das Thema immer wieder eine Rolle, so daß ich hierzu als auch Betroffener einige Gedanken äußern möchte. Ausgangspunkt meiner Gedanken und  Überlegungen ist dabei die bislang vollkommen unberücksichtigt bleibende Überlegung, daß eine erhebliche Wassermenge aus Niederschlägen im Boden versickert und damit in das Grundwasser gerät und eine ebenfalls beträchtliche Wassermenge weder versickert noch in das städtische Kanalnetz gelangt, sondern vorher verdunstet (Vgl. hierzu: Dyck, Peschke: Grundlagen der Hydrologie, 3. Aufl. 1995, S. 180 ff., „Ermittlung der Verdunstung von Land- und Wasserflächen„ DVWK Merkblätter 238/1996, und das ATV-DVWK-Regelwerk, Merkblatt M 504 Verdunstung in Bezug zu Landnutzung, Bewuchs und Boden, 2002).

Nicht nur dieser Sachverhalt wird von den Anstalten, die sich mit dieser Frage zu beschäftigen haben, ignoriert, sondern auch der Sachverhalt, daß – zumindest gilt das für die Flächen, auf der mein Grundstück liegt – zwar Befliegungen beauftragt worden, aber auf den betroffenen privaten Kulturlandschaftsflächen nach der Befliegung vermutlich keine terrestrische Gegenkartierung erfolgte, um die Nutzung unklarer Flächen im Luftbild im Gelände genau zu bestimmen. Zumindest im Fall der mich betreffenden Luftbildaufnahme ist da sehr oberflächlich gearbeitet worden, und man kann gewiß davon ausgehen, daß solche hinsichtlich ihrer Nutzungen unübersichtliche Flächen kein Einzelfall sind. 

Da diese hier genannten Titel der Mehrzahl der Leser unserer Zeitschrift nicht zur Verfügung stehen dürften, wird hier in der Regel nur auf die Publikation von Dyck und Peschke zurückgegriffen. Die Autoren zitieren den Begriff der Verdunstung wie folgt: „Verdunstung ist der physikalische Vorgang, bei dem Wasser bei Temperaturen unter dem Siedepunkt vom flüssigen oder festen in den gasförmigen Aggregatzustand übergeht“ (a.a.O. S.180 f.). Dem Betrachter wird danach hier das Problem zunächst kurz vorgestellt.  Verdunstung ist ein Prozeß, der überall erfolgt. Von Dächern, von teil- und vollversiegelten Wegen, Straßen und anderen Verkehrsflächen, von Pflanzen, von unbewachsenen Böden, und selbst von Wasserflächen erfolgt sie – zwar hinsichtlich der Menge in Abhängigkeit von der Beschaffenheit der Fläche und der Temperatur, aber sie ist meßbar vorhanden, wenngleich die Messungen nicht einfach sind und ihnen gewisse Fehler innewohnen, wie die Autoren der genannten Arbeiten selbst anmerken, wenn die genaue Verdunstungsmenge erfaßt werden soll. Ist doch die Verdunstung im Gegensatz zum Niederschlag ein kontinuierlicher, ständig ablaufender Prozeß. In den genannten Publikationen wird darauf eingegangen. Veröffentlichte Zahlen zur Verdunstung sind Werte, die – genau wie Werte, die beim Niederschlag ermittelt werden – als Höhe in Millimeter angegeben, und 1 Millimeter (mm) entspricht damit einer Wassermenge von 1Liter/m². Alle veröffentlichten Werte sind damit quantifizierbar und für die Behörden berechenbar. Und diese verdunstete Wassermenge, die über den Grundstücken niedergegangen ist, kann den Bürgern nicht als anrechenbarer Abfluß in Rechnung gestellt werden, denn sie  läuft durch kein Abflußrohr vom Privatgrundstück in das öffentliche Netz. Diesen Sachverhalt habe ich der für mich zuständigen Anstalt mitgeteilt – allein sie will sich dem Thema offensichtlich nicht widmen.

Als Antwort erhielt ich die schriftliche Auskunft, daß dem Vorstand „kein Bundesland bekannt ist, welches den Verdunstungsfaktor berücksichtigt. Dieser ist auch unrelevant“. Warum er unrelevant sein soll, weiß ich bis heute nicht, wenn zum Thema der Verdunstung umfangreiches wissenschaftliches Material vorliegt. Schlimm genug, daß das so ist, schlimm genug, daß nicht eine AöR wenigstens einmal den Wetterdienst (siehe unten)  konsultiert. Zumindest ist dem Verfasser keine diesbezügliche Auskunft in die Hände geraten.

Berufsbedingt habe ich in meinem Landschaftsplanungsbüro vor einiger Zeit in der Nachbarschaft meines Firmensitzes Weißenfels für eine Planung Verdunstung ermitteln müssen. Um dem Leser eine Vorstellung von den Wassermengen zu verschaffen, die verdunsten, werden für diese Planung zwei Zahlen genannt, wenngleich die Standorte nicht identisch sind, liegen sie in so geringen Entfernungen voneinander, daß die Zahlen für die Zeitreihen 2001/2010 einen brauchbaren Eindruck über die Menge an Wasser vermitteln, die wieder „verschwindet“. Danach wurde an der Station Hohenmölsen-Webau ein mittlerer Jahresniederschlag von 665 Millimeter ermittelt, der mittlere Jahreswert der realen Verdunstunghöhe über einem Hydrotop Grünland auf Lehm nahe Weißenfels lag bei 526 mm. Ähnliche Relationen dürften sich auch bei anderen Stationen ergeben.

Hilfreich war dabei der Deutsche Wetterdienst, dessen Abteilung Hydrometeorologie  die „mittleren Jahreswerte der korrigierten Niederschlagshöhe in mm” und die „mittleren Jahreswerte der realen Verdunstungshöhe in mm” zur Verfügung stellte. Auch für die AöR stünde diese Institution gewiß zur Verfügung.

Natürlich ist der Erhalt dieser Werte gebührenpflichtig, aber im Vergleich zu den wertvollen Aussagen, die die entsprechenden AöR damit erhalten, sind die Kosten im Interesse der betroffenen Bürger vertretbar. Man wird von dieser Dienststelle nicht für jedes Stückchen Bundesrepublik eine Angabe der Verdunstungshöhe erwarten können – was aber auch nicht notwendig ist. Es genügt, wenn die Anstalten, die die Bürger abkassieren wollen, für ihren Entsorgungsraum einige Zahlen enthalten, damit sie einschätzen können, welche Wassermenge des anfallenden Niederschlages durch ihr Abwasserleitungsnetz läuft und welche Niederschlagsmenge sich vorher durch Verdunstung wieder in die Atmosphäre verflüchtigt.

Mit diesem Beitrag soll den interessierten Lesern unserer Zeitschrift ein Einblick in die Problematik vermittelt werden und zugleich gezeigt werden, daß das Problem wohl im Interesse betroffener Bürger lösbar ist.

Max Linke

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