Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Preisspirale dreht sich weiter

Wasser- und Abwasser-Kunden zahlen für das Versagen der Politik

Der Berliner Müggelsee
Die Idylle trügt: Die Folgen des Braunkohletagebaus führten zum stetigen Anstieg der Sulfatkonzentration in Spree und Müggelsee. In den Oberflächengewässern sind die Grenzwerte längst erreicht. Während die Wasserversorger in Berlin und Brandenburg um die Qualität des Trinkwassers fürchten, flüchtet sich die Politik in Ausreden und unzählige Gutachten Foto: Monika Rassek

Ein Bauer aus Halver (Nordrhein-Westfalen) steht seit dem 12. September vor dem Landgericht Hagen. Er verseuchte mit etwa 1,7 Millionen Litern abgelassener Gülle – entspricht annähernd der Füllmenge (2,5 Millionen Liter) eines olympischen Sportbeckens mit den Mindestmaßen 50 mal 25 Meter und einer Tiefe von zwei Metern – das Wasser des Neye-Bachs und der Neye-Talsperre. Die Folge: biologische Verödung, mit Absterben des kompletten pflanzlichen und tierischen Lebens.

Das Urteil ist rechtskräftig, jetzt geht es um das Strafmaß. Die Stadtwerke Remscheid (als Betreiber der als Trinkwasserreserve betriebenen Talsperre) bezifferten die Höhe des wirtschaftlichen Schadens mit weit mehr als 200.000 Euro – ohne daß sich in dieser Summe die Umweltschäden finanziell niederschlagen. Nach sechs Verhandlungstagen soll über das Strafmaß entschieden werden, welches sich zwischen Geldstrafe und Freiheitsstrafe bis zu mehreren Jahren bewegen kann.

Eine Ausnahme. Für die meisten großen Schweinereien blechen die Verbraucher – über die Wasser- und Abwasserpreise. Kürzlich warnte gar das Umweltbundesamt (UBA) die Verbraucher vor steigenden Wasserpreisen, anstatt die Verursacher in die Pflicht zu nehmen.

Mehr als 27 Prozent der Grundwasserkörper überschreiten aktuell den Grenzwert für Nitrat von 50 Milligramm je Liter (mg/l). Als Hauptverursacher für 63 Prozent dieser Einträge sieht die Bundesregierung die Landwirtschaft verantwortlich – insbesondere in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Aber auch in Gebieten von Thüringen, Sachsen u.a. liegt die Belastung über dem Grenzwert. Über Jahre hinweg wurde die Bundesregierung ermahnt gegenzusteuern. 2016 verklagte letztlich die EU-Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof. Eine echte Verschärfung der Düngerechte hätte das wahrscheinlich verhindert, doch die Gesetzgeber ließen diese Chance – wegen Widerstand des Landwirtschaftsministeriums – ungenutzt verstreichen (Heft 2/3-2017). Wird Deutschland verurteilt, ist mit einer saftigen Geldstrafe zu rechnen. In der Diskussion stehen Beträge zwischen drei und sechs Milliarden Euro.

Allein die hohen Nitrateinträge können die Trinkwasserpreise laut einer UBA-Studie um bis zu 76 Cent je Kubikmeter in die Höhe schnellen lassen – für eine vierköpfige Familie jährliche Mehrkosten von knapp 135 Euro.

„Tätigkeitsbericht” erstellt
Aber auch der Braunkohletagebau in Mitteldeutschland hinterläßt Spuren: Sulfat. Im Resümee der „Sulfatgespräche“ zwischen den Ländern Berlin und Brandenburg hieß es, daß durch die steigende Sulfatkonzentration in der Spree eine Gefährdung der Berliner Trinkwasserversorgung bestehe. Basierend auf dem Verfahren der Uferfiltration wird Sulfat aus der Spree in das Grundwasser geschleust, welches zur Trinkwasserproduktion gefördert wird. Sulfat aber läßt sich mit naturnahen Aufbereitungsverfahren nicht aus dem Grundwasser entfernen. Und der Grenzwert von 250 mg/l Sulfat ist in Spree und Müggelsee längst erreicht und wird hin und wieder auch überschritten.

Das Berliner Abgeordnetenhaus forderte vom Senat: „Gemeinsam mit anderen Bundesländern sind Konzepte und Maßnahmen zu erarbeiten, um die Sulfatbelastung insbesondere der Spree zu verringern und eine am Verursacherprinzip orientierte Kostenübernahme für die Folgen der hohen Sulfatbelastung durchzusetzen.“

Im Bericht zur Umsetzung (Drucksache 18/0468) vom 10. Juli steht dann zwar, daß durch die bergbaubedingten Stoffeinträge massive Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung Berlins hervorgerufen werden können… Und auch, daß die anzustrebenden ökologisch begründeten Zielwerte für Sulfat bereits im Mittellauf der Spree um ein Vielfaches überschritten werden und sich das relevante Belastungsniveau aktuell bis in den Berliner Raum ausdehnt…

Zur Pflicht der Verursacher aber heißt es lediglich: Eine am Verursacherprinzip orientierte Kostenübernahme an der Sulfatbelastung der Spree müßte – nicht muß – sich nach den Ländern Brandenburg und Sachsen richten (wobei seitens dieser Bundesländer mit erheblichem Widerstand gerechnet wird). Unterzeichnet haben diesen „Tätigkeitsbericht“ der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), und Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos).

Massenhaft Mikroplastik
Daß auch beim Abwasser die Preise anziehen werden, wundert angesichts der Berichterstattung in den Medien nicht: Mikroplastik, Röntgenkontrastmittel und Pestizide. Wobei gerade die Miniplastikkügelchen aus Zahnpasta und Peelingprodukten nur mit aufwendigen Schlußfiltrationen aus dem Abwasser entfernt werden können. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) belegten, daß in Abhängigkeit der Kläranlagengrößen jährlich zwischen 93 Millionen und 8,2 Milliarden Partikel in die Vorfluter und dann in die Flüsse gelangen. Selbst Klärschlamm enthält große Mengen Mikroplastik, je Kilogramm zwischen 1.000 und mehr als 24.000 Teilchen. Das entspricht etwa 1,2 und 5,7 Milliarden Plastikteilchen und Fasern je Kläranlage.

Kommt Klärschlamm als Dünger auf die Felder, gelangen die Partikel erneut in die Umwelt. Unerforscht ist bislang, ob Mikroplastik dem menschlichen Organismus schadet. Bei Fischen führen die Miniteilchen jedenfalls zu Leberschäden.

Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) werden in öffentlichen Kläranlagen jährlich etwa 10,07 Milliarden Kubikmeter Abwasser behandelt. Eine der größten kommenden Herausforderungen stellen bisher unbeachtete Schadstoffe im Abwasser dar wie Arzneimittelrückstände, Antibiotika aus der Tierzucht oder Chemikalien, die bereits in kleinsten Mengen hormonähnliche Wirkungen zeigen. Und diesen sogenannten Spurenstoffen ist mit herkömmlicher Klärtechnik nicht beizukommen. Die Entsorger müssen aufrüsten.

Kennzeichnungspflicht gefordert
Die neue Klärschlammverordnung schreibt vor, daß von 2025 an Klärschlamm nicht mehr als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt werden darf – um das enthaltene Phosphor zurückzugewinnen. Ein wirtschaftliches Verfahren gibt es dazu bislang aber nicht.

Aber auch ganz banale Verbrauchsgegenstände können den Abwasserfachleuten die Schweißperlen auf die Stirn und die Rechnung der Kunden in die Höhe treiben, wie zerreißfeste Faserstoffe und Feuchtreinigungstücher. Zu dieser Problematik gab es im Frühjahr in Hennef (Nordrhein-Westfalen) eigens ein von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) organisiertes Expertengespräch. Denn feuchte Toiletten-, Desinfektions-, Abschminktücher usw. erfreuen sich einer großen Beliebtheit. Der Umsatz stieg innerhalb von zwei Jahren um ganze 17,7 Prozent (19 Millionen Euro). Zum Ärger der Abwasserentsorger, denn selbst Tücher, die als nicht-wegspülbar deklariert sind, werden über die Toilette entsorgt. Das wiederum führte bei Pumpanlagen und im Kanalnetz zu Betriebsstörungen durch Verstopfungen und Verzopfungen – und so zu zusätzlichen Kosten (von ca. 500.000 Euro in 2009 bis aktuell 800.000 Euro/Jahr).

Für Vertreter der Berliner Wasserbetriebe würden vordergründig eine einheitliche Kennzeichnungspflicht und Rezeptänderungen seitens der Hersteller hilfreich sein.

Angesichts der neuen Herausforderungen ist es an der Zeit, daß die Politik konsequent – wie vom VDGN schon seit Jahren gefordert – die Verursacher wie Industrie und Landwirtschaft zur Kasse bittet. Das Versagen seitens der Politik ist nicht den Verbrauchern anzulasten. Diese sind vielmehr im Rahmen der Daseinsvorsorge zu schützen.

Monika Rassek

 

 

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