Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Pferdeäpfel und ein Schloß

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 42): Erinnerungen an ein Jubiläum

Mit vielen Pferden und Geburtstagstorte. Festumzug zur 750-Jahr-Feier Berlins in der Karl-Liebknecht-Straße
Mit vielen Pferden und Geburtstagstorte. Festumzug zur 750-Jahr-Feier Berlins in der Karl-Liebknecht-Straße Foto: Klaus Oberst /ADN, Bundesarchiv, Bild 183-1987-0704-012/ CC-BY-SA 3.0

Von Holger Becker

Was für schöne Pferdeäpfel. Wenn man von denen etwas abkommen könnte für die Rosen oder die Tomatenpflanzen im Garten. Nichts geht über Pferdemist.

Auch von der Pressetribüne richten sich begehrliche Blicke auf die Hinterteile der angeblich 750 Rosse, die am 4. Juli 1987 über den Asphalt der Berliner Karl-Liebknecht-Straße trappeln. Kein „Historischer Festumzug“ ohne Pferde. Dieser ist der größte und vielleicht auch der fröhlichste Umzug, den Berlin je gesehen hat. Riesig das Aufgebot an Menschen und Material. Die Straße belebt sich mit Bildern aus der Geschichte der Stadt, gestaltet nach den Vorgaben der Lehrbücher, gewiß, aber ein buntes Spektakel, bei dem die Leute an den Straßenrändern, auf den Tribünen und an den Fenstern auf ihre Kosten kommen. Marxistisch-leninistischer Bierernst macht hier mal Pause. Es gibt sogar Dinge zu sehen, die es nicht gibt, gab oder geben sollte. Die dänische Olsenbande zum Beispiel hat im Umzug einen eigenen Wagen und arbeitet sich ab an einem Tresor der Firma Franz Jäger, Berlin. Barbusige Nixen erinnern an den Stralauer Fischzug, ein altes Berliner Volksfest, das die Obrigkeit 1873 verbot, weil es angeblich immer wieder in Saufgelage, Schlägereien und Orgien mündete.

Für den Osten der geteilten Stadt markierte der große Festumzug vor nun gut 30 Jahren den Höhepunkt der Feiern unter der Losung 750 Jahre Berlin. Dabei war er nur eine von vielen Nummern eines Festprogramms mit beträchtlichem Ausmaß. Als Buch gedruckt wog es so viel wie drei Stück Butter. Ganz klar: Die DDR wollte sich mit ihrer Hauptstadt als Siegerin der Geschichte präsentieren. Sie machte das zur Sache der ganzen kleinen Republik, was ihr in Städten wie Leipzig und Dresden viel Unmut einbrachte. Denn das alles mußte ja auch bezahlt werden: die Wiedereröffnungen von Bode-Museum und Nationalgalerie, das neue alte Nikolaiviertel, Konzerte, Volksfeste, Bootsparaden, Feuerwerke, Ausstellungen, Konzerte mit Musikern aus Ost und West, darunter Klassik-Orchester wie Rockbands, und noch so viel mehr. Was wird allein das Treffen der Bürgermeister von 163 Städten (darunter die von Dortmund, Duisburg, Hamburg, Hannover, Köln, München, Neunkirchen, Nürnberg, Saarbrücken und Stuttgart) aus 83 Ländern gekostet haben? Die wollten alle gut beherbergt, betreut, herumgeführt und nobel beköstigt werden, nach einer überlieferten Menükarte mit „Geschabtem Kalbssteak“ schon zum Frühstück oder „Gebeizter Rehkeule in Wacholderrahm mit Edelpilzen und Wildfrüchten“ als Mittagbrot.

Berlins 750-Jahr-Feier wurde zu einer Party-Schlacht, einem „Zweikampf der Städte und Systeme“, wie „Der Spiegel“ damals meinte, in dem sich auch der Westen nicht lumpen ließ. Dort wurde der Gropiusbau vollständig restauriert, der Philharmonie ein Kammermusiksaal zugesellt, der Hamburger Bahnhof wieder aufgebaut, was ja alles feierlich eröffnet werden mußte. Es gab ebenfalls Konzerte, Volksfeste, Bootsparaden, Feuerwerke, Ausstellungen. Was im Osten der Umzug an historischer Selbstvergewisserung leistete, sollten im Westen die „SternStunden“ bringen, für die an der Siegessäule die „größte Freilichtbühne Europas“ entstand. An acht Abenden im August 1987 sahen dort jeweils 25.000 Zuschauer Historien-Revuen wie „Die Goldenen Zwanziger“ und „Preußen ein Traum“.

Wer damals besser abschnitt? Wahrscheinlich gewann die DDR mit einer Nasen-, Hals- oder Pferdelänge. Aber das soll uns hier wurscht sein. Auch die Gründe für den Untergang des ärmeren deutschen Staates zwei Jahre später sind nicht das Thema, aber schon, welche Mühe man sich damals gab, ein großes Publikum in den Bann der Auseinandersetzung um die Geschichte Berlins und Deutschlands zu ziehen. Die Konkurrenz belebte da tatsächlich das Geschäft. So wie das ja auch im Wettstreit zwischen West- und Ostfernsehen war. Was gab es doch an den Feiertagen für pralle Filmprogramme auf allen Kanälen. Da konnte man sich kaum entscheiden, gerade in Berlin, wo die TV-Signale beider Seiten diesseits und jenseits der Mauer stets verläßlich ankamen.

Seitdem das deutsche Bürgertum wieder mit sich allein ist und ohne Angst vor denen, die sich ihm weggenommen hatten, wie sich der Schriftsteller Hermann Kant einmal ausdrückte, hat der Stumpfsinn wieder bessere Chancen. Und das nicht nur auf der Mattscheibe, auf der die Privatsender mit ihren DDAD-Formaten (Doof, doofer am doofsten) die Maßstäbe setzen, bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht enden wollende Quiz- und Talkshows mit den immer gleichen Pappnasen das Programm beherrschen, nebst stundenlang vor- und nachbequasselten Fußballübertragungen und Krimidutzendware der Marke Soko. Nein, auch im wirklichen Leben sieht’s für den Stumpfsinn besser aus. Baulicher Ausdruck dieser neuen Möglichkeiten ist die sich ihrer Vollendung nähernde Attrappe des Berliner Stadtschlosses.

Als 1980 die DDR das Reiterstandbild Friedrich II. (genannt auch „Alter Fritz“) wieder Unter den Linden aufstellen ließ – die 750-Jahr-Feier Berlins war da schon fest im Blick –, trabte der Gaul des Preußenkönigs immerhin auf einen „Palast der Republik“ zu. Der aber durfte nicht im Zentrum der Stadt und des Landes bleiben. Das bürgerliche Deutschland entschied sich dafür ein Bauwerk wiederzuerrichten, das Sinnbild einer jahrhundertelangen Misere ist, weil es nämlich an deren Anfang steht.

Es waren Hohenzollernherrscher, die – gerade ins Land gekommen – im 15. Jahrhundert den damals recht wohlhabenden Städten Brandenburgs ihre Rechte und ihre politische Unabhängigkeit nahmen. An der Doppelstadt Berlin-Cölln statuierte der seit 1437 regierende Friedrich II. (genannt „Eisenzahn“) damals ein Exempel. Er hob den Verbund von Berlin und Cölln auf und zwang die Bürger im Jahre 1442, innerhalb der Stadtmauern ein Schloß als fürstlichen Sitz aufzunehmen. Das führte zu einem Grummeln und 1448 zur Rebellion. Die Bürger fluteten die Schloßbaustelle mit dem Wasser der Spree. Das ging als „Berliner Unwille“ in die Geschichtsbücher ein, endete aber mit der Unterwerfung von Berlin und Cölln, die vergeblich auf die Hilfe jener anderen märkischen Städte hofften, mit denen sie sich 1431 und 1434 zu Schutz und Trutz verbündet hatten. Das Schloß wurde gebaut, und das Berliner Wappen zeigte nun einen Bären, auf dessen Rücken der Brandenburger Adler thront – und zwar in jener albernen Bodybuilderpose, mit der noch heute der Bundesadler angibt. „Es war der erste vollkommene Sieg des Fürstentums über das Bürgertum und führte auch in anderen Ländern des Reiches dazu, daß die Fürsten konsequent gegen die städtische Autonomie in ihren Territorien vorgingen" , schrieben Wolfgang Ribbe und Jürgen Schmädeke in ihrer „Kleinen Berlin-Geschichte“ von 1994.

Da hatte Deutschland den Salat, angemixt in Berlin-Brandenburg. Es wurde im Zuge der Reformation, des blutig niedergeschlagenenen Bauernaufstandes von 1525/26 und des Dreißigjährigen Kriegs ab 1618 ein zersplittertes Land der Fürstentümer, während Frankreich zum Beispiel früh den Weg zum einheitlichen Nationalstaat einschlug, in dem ein absolutistisches Königtum das Gleichgewicht zwischen niedergehendem Adel und aufstrebender Bourgeoisie halten sollte, bis sich ab 1789 die selbstbewußte bürgerliche Nation ihr Recht nahm. Deutschland hingegen haftet diese Tradition der Zersplitterung bis heute an – mit dem Bestand von 16 Bundesländern, von denen jedes ein eigenes Parlament hat, riesige eigene Beamtenapparate, Gesetze, Verordnungen, Bildungssysteme, Rundfunkanstalten. Dieser alliiert-verordnete föderale Aufbau der Bundesrepublik, so lernen die Kinder in der Schule, sei eine Lehre der Nazizeit mit ihrem Zentralismus und der Gleichschaltung der Länder. Ja wirklich? Hat Deutschlands Zersplitterung denn den Hitlerfaschismus verhindert?

Eine wirklich bürgerliche deutsche Nation hat es nie gegeben, sondern immer nur provinzielles Bürgertum, das seine Leitbilder von den „höheren Ständen“ bezog, vom Provinzadel also und den provinziellen Höfen. Das wurde mit Bismarcks „Reichseinigung“ unter preußischer Ägide nicht besser, nach der jeder Koofmich alles dafür tat, ein „von“ vor seinen Namen zu setzen. Und wer sagt, der Kompaß stehe ja heute ganz anders, der schaue mal am Rand der deutschen Autobahnen genau hin. Jedes Kaff, in dem mal ein Fürst regiert hat, wirbt für sich mit einem Schild „Residenzstadt“, das heißt mit der historischen Schmach, in jener Zeit die städtischen Freiheiten eingebüßt zu haben. Die meisten der konstitutionellen Monarchien in der Nachbarschaft sind republikanischer als Deutschland, wo adlige Abstammung immer noch als Türöffner wirkt.

Die Schloßattrappe im Zentrum Berlins an der Stelle der alten Zwingburg reiht sich hier ein. Sie ist so beängstigend in ihrer Rückwärtsgewandheit wie lächerlich in ihrer aus mangelnder Konkurrenz rührenden Einfallslosigkeit. Daß es 1999 mit Gerhard Schröder ein SPD-Bundeskanzler war, der mit einem sorgfältig ziselierten Interview für „Die Zeit“ dem Schloßnachbau zum Durchbruch verhalf, zeigte nur, wie hartnäckig sich das Verfahren freiwilliger Unterwerfung unter fremde Leitbilder seit Heinrich Manns 1914 veröffentlichtem Roman „Der Untertan“ gehalten hat. Den Palast der Republik, ein Bauwerk der Moderne, fand Schröder „monströs“, mit dem Schloß wollte er „dem Volke was für die Seele“ geben. Oder sich und seinesgleichen, wie es schon ein weitläufiger Verwandter von ihm getan hatte, der Schauspieler F. W. Schröder-Schrom (1879 bis 1956), der als Nebenrollenking im deutschen Film der 1930er und -40er Jahre laut dem Internetlexikon Wikipedia auf „höhergestellte Figuren wie Kommissare, Ärzte, Direktoren, Richter und Professoren“ abonniert war und in seinen letzten zwei Filmen – „Der gestiefelte Kater“ und „Rumpelstilzchen“ – 1955 dann Könige spielte.

Insofern können wir froh sein, wenn in jüngerer Zeit niemand Anstalten unternommen hat zu Berliner Jubiläumsfeiern. Da das Disneyland-Schloß nun einmal da ist, sollte es anständig gefüllt werden und nicht mit ethnologischen Sammelstücken der wilhelminischen Kolonialzeit. Die wunderbare Berliner Gemäldegalerie alter Meister mit ihren Boticellis und Tintorettos, Rubens’ und Rembrandts in der Mitte von Berlin bei freiem Eintritt – das wäre was. Und Pferdeäpfel besorgen wir uns anderswo.

 

 

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