Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Wir sind für die Opfer da“

Psychische Folgen von Einbrüchen werden oft unterschätzt. Weißer Ring hilft

Auf die oft unterschätzten psychischen Folgen von Einbrüchen weist der Einbruch-Report des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) hin. Über 45 Prozent der Betroffenen fühlen sich auch noch zwölf Monate nach der Tat in ihrer gewohnten Umgebung unsicher. Der Verlust der Sicherheit in den eigenen vier Wänden ist für Opfer meist schlimmer als der finanzielle Schaden. So fühlen sich fast 40 Prozent macht- und hilflos oder leiden langfristig unter Angst.

Eine 86jährige rüstige alte Dame will im Schlafzimmer das Bett richten. Sie hatte gelüftet, die Fenster stehen offen. Ihre Kinder sind längst arbeiten gegangen, sie ist allein in dem einsam stehenden Haus. Doch als sie die angelehnte Tür aufmacht, stößt sie ein junger Mann fast um und rennt blitzschnell die Treppe hinauf. Ein Einbrecher – offenbar so überrascht, daß er nicht geradewegs aus der Haus-tür floh, sondern den falschen Weg nahm.

Nun packt die sonst so beherzte Dame die pure Angst: Was, wenn der Mann gewalttätig wird?! So schnell sie kann, läuft sie aus dem Haus. Ihr Ziel sind die Gartennachbarn. Außer Atem trifft sie ein paar hundert Meter weiter bei ihnen ein, völlig aufgelöst und ängstlich. Erst Stunden später wird die Polizei gerufen, ein Spürhund findet keine verwertbaren Spuren mehr. Mitgenommen hatte der Einbrecher kaum etwas.

Es vergehen Tage und Wochen – die alte Dame kann den Vorfall nicht vergessen. Sie ist krank geworden, lebt jetzt ständig in Sorge, es könnte wieder passieren. Sobald die Kinder das Haus verlassen, wird es besonders schlimm. So viele Stunden allein zu sein, das erträgt sie fast nicht.

Die Geschichte ist nicht erfunden, sie ist leider real. Nicht jedes Opfer eines Einbruchs begegnet dem Täter. Doch vielen machen weniger die materiellen Verluste, sondern die psychischen Folgen zu schaffen. „Leider suchen sich zu wenige Einbruchsopfer professionelle Hilfe“, ist Gisela Raimunds Erfahrung. Die pensionierte Lehrerin arbeitet seit neun Jahren beim Opferbetreuungsverein Weißer Ring in Berlin (www.weisser-ring.de) und bekleidet das Amt der Pressesprecherin. Wer Opfer einer kriminellen Tat geworden ist, kann sich dort oder auch bei anderen Betreuungsorganisationen Unterstützung und Rat holen. Unbürokratisch und unentgeltlich.

„Viele, die einen Einbruch erleiden, sind traumatisiert. Denn wenn das eigene Zuhause von wildfremden Menschen betreten, verwüstet und durchsucht wurde, ist das ein extremer Eingriff in die Privatsphäre“, stellt die Pädagogin fest. Manche Opfer versuchten darüber mit der Familie, den Freunden oder Kollegen zu reden, die Ängste zu teilen. Keine schlechte Idee. Doch oft heiße es nur „Wird schon wieder“ oder „Reiß dich zusammen, mußt doch mal drüber wegkommen“. Manche werden dann zunehmend von Schlafstörungen, Grübeleien und wachsendem Mißtrauen gegenüber ihren Mitmenschen geplagt.

So weit muß es nicht kommen. „Keiner muß in dieser Situation allein fertig werden“, stellt Gisela Raimund fest. Etwa 3200 ehrenamtliche Mitarbeiter des Weißen Rings kümmern sich bundesweit in 420 Außenstellen um betroffene Menschen. 120 Ehrenamtliche sind es allein in Berlin. „Wir verstehen uns als Wegweiser, zeigen, wo sie Hilfe bekommen, ob psychologische Beratung oder juristische Betreung“, erzählt die 69jährige. Viele gute Kontakte habe man zu Psychologen, Anwälten, auch zum Traumazentrum an der Charité. Steht jemand aufgrund einer kriminellen Tat plötzlich mittellos da, könne der Weiße Ring mit Sofortzahlungen über das Gröbste hinweghelfen.

Seine ehrenamtlichen Mitarbeiter kommen aus allen Schichten und Altersklassen, erzählt die Sprecherin. Bevor sie selbständig in der Opferbetreuung arbeiten dürfen, begleiten sie zunächst einen erfahrenen Mitarbeiter und können entscheiden, ob es das Richtige ist. Später durchlaufen sie eine gründliche Ausbildung und qualifizieren sich weiter. Unvoreingenommen auf Menschen zugehen und ihnen zuhören zu können, diese Eigenschaft müsse man freilich schon mitbringen, betont Gisela Raimund. Der Weiße Ring finanziere sich ausschließlich von Spenden, staatliche Gelder flössen nicht, sagt sie nicht ohne Stolz. Daß die Organisation unverzichtbar ist, daran läßt sie keinen Zweifel: „Die größte mediale Aufmerksamkeit gehört leider immer noch den Tätern. Verlierer, Unterlegene, Schwächere sind in unserer Gesellschaft nicht gerade wohlgelitten. Umso mehr braucht es Menschen, die ihnen zur Seite stehen. Wir nehmen uns die Zeit, die sie brauchen. Wir sind für die Opfer da.“

Kerstin Große

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