Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Kalter Krieg und Krokodile

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 33): Im Reich der Schatten

Von Holger Becker

„Der hat doch ’nen Schatten.“ Dieses despektierliche Urteil über einen Mitmenschen bedeutet so viel wie: Der hat ein Rad ab. Oder: Der hat nicht alle Latten am Zaun. Oder: Der hat nicht alle Hühner auf der Leiter. Woher die Redensart stammt, war nicht aufzuklären. Vielleicht diente sie ursprünglich dazu, Leute mit einer Persönlichkeitsspaltung zu bezeichnen, also Frauen oder Männer, die sich in ihrem Bewußtsein mindestens verdoppeln, so wie der Mensch, der Sonne oder anderen Lichtern ausgesetzt, sich verdoppelnd einen Schatten wirft.

Uralt sind die Vorstellungen, daß es mit dem Schatten eine besondere Bewandtnis habe. Nicht wenige Naturvölker sahen im Schatten des Menschen einen Teil seiner „Seele“. So vermieden es sibirische Tungusen, auf den Schatten eines anderen Menschen zu treten.

Die Papua auf der indonesischen Insel Wetar in der Nähe von Osttimor erzählten sich von Magiern, die Menschen Krankheiten anhexen konnten, indem sie mit Schwertern in deren Schatten stachen. Und bei den Yuin, einem Stamm der Aborigines im australischen New South Wales, durften Männer es nicht wagen, ihren Schatten auf die Schwiegermutter fallen zu lassen, während bei den Sotho im südlichen Afrika die Vorstellung geisterte, ein Krokodil könne einen Menschen an seinem Schatten packen und in den Fluß ziehen. In den frühen Formen der griechischen Mythologie schließlich ist es das modrige Reich des Hades, in das die Seelen der Verstorbenen einziehen müssen, um als scheue Schatten zu existieren.

Solche Vorstellungen vom Seelenhaften des Schattens ziehen sich bis in die neuere Zeit. In der Literatur sind es u.a. der „Peter Schlemihl“ des Romantikers Adalbert von Chamisso (1781 bis 1838) und Hans Christian Andersens (1805 bis 1875) Märchen „Der Schatten“, die das Motiv aufgreifen. Bei Chamisso verkauft Schlemihl seinen Schatten an den Teufel und muß erkennen, daß ihn, den Schattenlosen, die anderen Menschen meiden. Während in Andersens Geschichte der Schatten eines Gelehrten den Spieß umdreht, sich zum Primus aufschwingt, seinen Herrn als Schatten denunziert und eine Königstochter heiratet.

Fast immer haftet dem Schatten die Vorstellung des Unheimlichen an. Orson Welles (1915 bis 1985) verstand es, in seinem Filmklassiker „Der dritte Mann“ grandios damit zu spielen. Der 1949 gedrehte Thriller mit der berühmten Zither-Musik des hochmusikalischen österreichischen Werkzeugschlossers Anton Karas (1906 bis 1985) nach einem Drehbuch von Graham Greene (1904 bis 1991) findet sein dramatisches Finale mit einer Verfolgungsjagd in der Wiener Kanalisation – quasi in einem Schattenreich. Und unheimlich wurde es ja im Kalten Krieg, der gerade begonnen und in dem unter die vormaligen Kriegsalliierten UdSSR, USA, Großbritannien und Frankreich bis 1955 aufgeteilten Wien einen seiner Brennpunkte hatte.

Wahr ist leider: Bis heute haben wir es mit den Folgen der Beleuchtung entzogener Aktivitäten aus den Jahrzehnten der für beide Seiten verlustreichen West-Ost-Auseinandersetzung zu tun. Noch vor zwei Jahren hätte es den heutigen Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker fast den Rest seiner politischen Karriere gekostet, mit Vorgängen um die NATO-Schattenarmee „Stay behind“ in Verbindung gebracht zu werden. 2014 geriet Juncker nämlich in den höchst begründeten Verdacht, in seiner Zeit als luxemburgischer Ministerpräsident die Aufklärung der sogenannten Bombenleger-Affäre behindert zu haben. Dabei geht es um 20 Bombenattentate auf Strommasten in Luxemburg, das Hauptquartier der Gendarmerie, den Justizpalast, eine Zeitungsredaktion und andere Ziele zwischen 1984 und 1986. Die Hintergründe konnten bis heute nicht aufgeklärt werden.

Immerhin befaßten sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß des kleinen Großherzogtums und die Luxemburger Kriminalkammer mit den Attentaten. Vor letzterer wurden zwei Luxemburger Polizisten als angebliche Täter angeklagt, die mit ihren „Umweltaktivisten“ in die Schuhe geschobenen Anschlägen und der Hilfe von zwei inzwischen verstorbenen Kollegen mehr Mittel für die Polizei hätten durchsetzen wollen. Doch die Verteidigung der beiden lenkten das Augenmerk in eine andere Richtung: zur geheimen NATO-Struktur „Stay behind“. Darin war sie sich sogar einig mit Angehörigen des Luxemburger Geheimdienstes SREL, der dem damaligen Premier Juncker sowie dem Justizminister Luc Frieden schon 2006 den Verdacht mitgeteilt hatte, „Stay behind“ habe mit den Anschlägen zu tun. Doch weder Juncker noch Frieden – heute Präsident der Deutsche Bank Luxembourg – informierten die Luxemburger Justiz.

Terroristen aus NATO-Einheiten, die in NATO-Ländern Anschläge begehen? Das läßt sich längst nicht mehr als „Verschwörungstheorie“ abtun. Es war Italiens Ministerpräsident Giulio Andreotti (1919 bis 2013), der 1990 die Existenz der NATO-Schattenarmeen bekanntmachte. Erdacht vom britischen Geheimdienst MI 6 und der US-amerikanischen CIA, sollte das „Stay behind“-Netzwerk mit seinen Ablegern in allen NATO-Ländern nach offizieller Lesart zum Einsatz kommen, falls sowjetische Truppen den Westen Europas überrollen. Dafür wurden Waffendepots angelegt und die geheimen Kämpfer in Techniken der Sabotage ausgebildet, zu denen auch das Bombenlegen gehörte. Doch wie wir aus Italien wissen, trieben diese Leute mangels Moskauer Überrollungswillens ganz anderes. Ob beim Sprengstoffanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand mit 17 Toten und 88 Verletzten 1969, ob bei der Entführung und Ermordung des italienischen Spitzenpolitikers Aldo Moro 1978 oder beim Bombenanschlag in Bologna mit 85 Toten und 200 Verletzten 1980 – überall fanden Ermittler um den Untersuchungsrichter Felice Casson Spuren zum „Gladio“-Netzwerk, wie die italienische „Stay behind“-Zelle hieß. Ziel des Ganzen war es, die Öffentlichkeit zu manipulieren, um das Land für einen Putsch von rechts reif zu machen bzw. eine Regierungsbeteiligung von Italiens Kommunisten zu verhindern. Als Täter wußten die involvierten Behörden erst einmal „Linksterroristen“ namhaft zu machen.

Wie tief im Schatten sich das alles abspielte, zeigt die Ahnungslosigkeit selbst einiger Leute, die formell an der Spitze der staatlichen Machtpyramide standen. Italiens sechsmaligem Ministerpräsidenten Amintore Fanfani (1908 bis 1999), einem Christdemokraten, wurde laut Felice Casson, der Andreotti zu dessen Geständnis genötigt hatte, nie etwas über die Existenz von „Gladio“ mitgeteilt. Auch der belgische Verteidigungsminister Guy Coëme von der sozialistischen Partei soll es 1990 erst aus der Zeitung erfahren haben, worüber er so empört war, daß er einen Untersuchungsausschuß forderte mit dem speziellen Auftrag, eine mögliche Verbindung von „Stay behind“ mit dem „Massaker von Brabant“ zu prüfen. Dabei handelte es sich um eine Serie anscheinend vollkommen unmotivierter Morde, denen zwischen 1982 und 1985 in jener belgischen Provinz 28 Menschen zum Opfer fielen. Allerdings ging die Untersuchung aus wie das Hornberger Schießen. Die Chefs der belgischen Geheimdienste verweigerten es, Namenslisten des belgischen Gladio-Zweigs SDRA8 an die Untersuchungskommission zu übergeben. Sie konnte es sich leisten, ausdrückliche Anweisungen des Verteidigungs- und des Justizministers zu mißachten.

Immerhin: Mit dem, was der „Spiegel“ 2005 „Die dunkle Seite des Westens“ nannte, hat sich schon einmal das Europarlament beschäftigt: Am 22. November 1990 protestierte es „scharf“ gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten und stellte fest, daß „die Militärgeheimdienste bestimmter Länder erwiesenermaßen in gravierende Terrorakte und kriminelle Aktivitäten verwickelt waren“. Ob der drohende Zeigefinger aus Straßburg etwas bewirkt hat? Unmöglich zu wissen und kaum zu glauben. Aber im Hinterkopf behalten wir in Zeiten, in der das Wort „Terror“ uns täglich aus allen Medien anbrüllt: Es ist meistens nicht so, wie es aussieht. Und das Verläßliche an Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen besteht darin: Sie erzählen uns, auf den Durchschnitt gesehen, das, was wir glauben sollen.

Wahrscheinlich hatten die Naturvölker doch recht mit ihrer Aufmerksamkeit für den Schatten und eventuell sogar mit dem Glauben an Krokodile, die sich in selbigem festbeißen können. Für die Annahme sprechen einige Nachrufe auf den Schriftsteller Hermann Kant (1926 bis 2016), der vor wenigen Wochen verstarb.

Geschätzt jeder zweite dieser Nekrologe auf einen der wichtigsten deutschen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthielt das Wort „Halunke“. Quasi von Grab zu Grab wurde es gerufen, indem die Blätter das einstige Großkrokodil der westdeutschen Literaturkritik, den ehemaligen Hauptmann der polnischen Staatssicherheit Marcel Reich-Ranicki (1920 bis 2013) mit dem Spruch zitierten: „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er.“ Wer in diesen Tagen bei Google als Suchwort „Halunke“ eingab, bekam als dazu passende Person an allererster Stelle den gerade verstorbenen Kant präsentiert.

Worauf der „Halunke“ anspielt, ist ja klar: Kants Wirken als Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und die Ausschlüsse von Autoren aus letzterem im Jahr 1979. Daß er dafür des geschichtlichen Lorbeers entraten mußte, wußte er selbst und zeigte das auch, indem er den Reich-Ranicki-Spruch in typisch Kantscher Formuliermanier für sich abwandelte. Er hoffe, sagte er, „daß ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“

Trotzdem: Im Nachruf der „Halunke“, was ja ein Synonym für Gauner, Spitzbube oder Betrüger darstellt? Seinem Westkollegen Günter Grass (1927 bis 2015), Inhaber des Literaturnobelpreises, konnte soetwas nicht geschehen, trotz jahrzehntelangen Verschweigens seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Literarisch immerhin könnte Kant den Grass überleben, weil er einfach das bessere Deutsch schrieb. Wer zum Beispiel Grass’ Novelle „Im Krebsgang“ liest, wird sagen: Soetwas wäre Kant nie passiert. Deshalb sollte sich Deutschland wohl wenigstens eines Erinnerungsortes für diesen Schriftsteller sowie eines ordentlichen Umgangs mit dessen Nachlaß versichern. Es müssen ja nicht gleich drei sein wie bei Grass, an den das Günter-Grass-Haus in Lübeck, das Günter-Grass-Archiv in Göttingen und das Medienarchiv Günter-Grass-Stiftung Bremen erinnern. Wie wäre es mit dem Hause Hermann Kants in Prälank bei Neustrelitz, in dem der Autor von „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ seit Mitte der 1990er Jahre mehr schlecht als recht wohnte?

Übrigens: Einen fairen Nachruf auf Hermann Kant brachte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in der Reich-Ranicki einst das Literaturressort dirigierte. Dietmar Dath attestierte dort dem Verstorbenen, er habe, wie Peter Hacks (1928 bis 2003), „Kunst zu bieten“ gehabt. Deshalb würden beide weiter gelesen. Ein Nekrolog ohne Beschimpfungen, der dennoch beschrieb, wo die Schwierigkeiten Kants mit sich selbst und von Teilen der Welt mit ihm liegen. Überschrift: „Im eigenen Schatten“.  

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