Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Auf den Tropfen genau

Fluch oder Segen: Digitale Wasserzähler auf dem Vormarsch

Der Wasserzweckverband Bad Königshofen-Gruppe Mitte tut es, die Stadtwerke Rotenburg a. d. Fulda, der Zweckverband Staudenwasser und auch der Wasser- und Abwasserzweckverband „Nieplitztal“ – sie alle setzen auf hohe Genauigkeit, geringen Verwaltungs- und Personalaufwand und sinkende Kosten: durch den Einsatz von fernablesbaren digitalen bzw. elektronischen Wasserzählern. Obwohl die neuen Zähler um die 80 Euro kosten (die bisherigen mechanischen Zähler etwa 25 bis 30 Euro), fielen für die Verbraucher keine zusätzlichen Kosten an. Gerd Uhl, Geschäftsstellenleiter des Wasser- und Abwasserzweckverbandes Nieplitztal Treuenbrietzen, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wir sind der Überzeugung, daß, vorausgesetzt auch die Nachbarverbände stellen auf die neue Technik um, sich der technische Fortschritt positiv auf die Gebührenstabilität auswirkt.“ Das hänge unter anderem mit den Vorschriften zur stichpunktartigen Überprüfung der Eichgenauigkeit zusammen.

Und so weichen Stück für Stück die mechanischen Flügelradzähler, die wegen des Eichrechts alle sechs Jahre ausgetauscht werden mußten, der neuen Generation digitaler Geräte, deren Lebensdauer bis zu 15 Jahren beträgt. Ein Mitspracherecht gibt es für die Wasserkunden allerdings nicht.

In der hessischen Stadt Liebenau beschloß die Stadtverordnetenversammlung über die Haushaltssatzung für 2015 den Austausch der mechanischen Wasserzähler gegen elektronische und setzte diesen um. Ziel war es, die Kosten für die Erstellung der jährlichen Wassergebührenabrechnung um 8.000 Euro zu senken. Wieviel Geld tatsächlich eingespart wurde, kann der zuständige Bauamtsleiter Georg Flörke noch nicht sagen, aber die anfängliche Skepsis ist nach und nach den positiven Aspekten gewichen. „Früher haben mehrere Mitarbeiter über sechs Wochen am Telefon gesessen und Zählerstände für die jährliche Gebührenabrechnung notiert. Ablesefehler und Übertragungsfehler beim Erfassen sorgten für zusätzlichen Zeitaufwand. Jetzt fährt ein Mitarbeiter durch den Ort und hat in 2,5 Stunden alle Zählerstände erfaßt“, berichtet Flörke. Und: „Zudem werden die Daten bei der Erfassung gleich eins zu eins ins System übertragen und Ablesefehler vermieden.“

Auch der Wasserkunde profitiere von den digitalen Zählern: „Er muß sich nicht mehr darum kümmern, wie der Wasserversorger zu den Daten kommt und auch für die Ablesung keine Zeit mehr einplanen.“ Der Bauamtsleiter ergänzt: „Wir haben auch schon Anwohner anrufen können, weil wahrscheinlich wegen eines Defekts die Wasserspülung ununterbrochen lief. Die Betroffenen haben sich gefreut, weil so die Wasserrechnung nicht unnötig hoch ausfällt.“ Aber auch mögliche Manipulationen von Wasserzählern (wie früher beispielsweise bei mechanischen Zählern das „Rückwärtslaufen“ oder gar der Ausbau des Zählers) würden jetzt schnell bemerkt. Bislang sei das in seiner Zuständigkeit jedoch noch nicht vorgekommen.

In Liebenau stand der Umrüstung auf digitale Technik nur ein Anwohner (von 1.500) ablehnend gegenüber – wegen des Elektro-smog. „Bei solchen Fällen kann man die Antenne aber auch nach außen legen, damit es im Haus kein Funksignal gibt“, sagt Flörke.

Im Informationsblatt der Stadt stand, daß sich die Stärke dieses Funksignals über einen Zeitraum von 15 Jahren lediglich auf die Höhe eines 30minütigen Telefonats summiert. Ein Klacks – vorausgesetzt, es ist das einzige Signal. Doch in welchem Haushalt kommt das schon vor? Im Zeitalter moderner Technik verzichtet kaum jemand bewußt auf Kühlschrank, Herd, Telefon, Radio, Fernseher, Computer usw.

Und so wundert es nicht, daß die Verfasser der „Leitlinie 2016 zur Prävention, Diagnostik und Therapie EMF‐bedingter Beschwerden und Krankheiten“ von der Europäischen Akademie für Umweltmedizin diesbezüglich für Sensibilität plädieren: „Ärzte werden immer häufiger mit Beschwerden unbekannter Ursache konfrontiert. Studien, empirische Beobachtungen und Berichte von Patienten weisen ganz eindeutig auf Wechselwirkungen zwischen Beschwerden und der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) hin. Die individuelle Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen wird jedoch meist außer Acht gelassen. Neue Funktechnologien und Funkanwendungen wurden eingeführt, ohne daß vorher ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hinreichend geklärt wurden, was die Medizin und Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellt.“ Auch gebe es starke Hinweise dafür, daß Langzeitexpositionen gegenüber bestimmten elektromagnetischen Feldern einen Risikofaktor für verschiedene Krankheiten, wie z. B. verschiedene Arten von Krebs, Alzheimer-Krankheit und männliche Unfruchtbarkeit darstellen. Sicher werden nicht die Impulse eines einzelnen Wasserzählers für furchtbare Erkrankungen sorgen – es ist vielmehr die Summe aller schlechten Umwelteinflüsse, die den Menschen krank machen. Zu überlegen wäre, wie sich der Einzelne einer permanenten Reiz-überflutung entzieht.

Nicht das einzige Problem: Bedenken gibt es seitens der Verbraucherschützer auch bezüglich des Datenschutzes. Selbst wenn beispielsweise die Stadtwerke Rotenburg in ihrem Informationsblatt darauf verweisen, daß datenschutzrechtliche Vorgaben weiterhin beachtet werden und die Auslesung mit doppelter Verschlüsselung erfolgt – die nahe Vergangenheit beweist anhand zahlreicher Beispiele, daß kein System wirklich sicher ist.

In Berlin werden die Eigenheimer vorerst noch von der neuen Technik verschont. „Es gibt zwar bereits 5.500 Meßstellen für digitale Wasserzähler, diese sind aber den Wohnungsgesellschaften zuzuordnen“, erklärt Astrid Hackenesch-Rump, stellvertretende Pressesprecherin der Berliner Wasserbetriebe. Das Berliner Datenschutzgesetz untersage die Fernablesung von Daten für Objekte mit weniger als drei Abnahme- bzw. Ablesestellen.

Monika Rassek

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