Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Volk von hier, Elite von drüben“

Eine Studie und ein MDR-Film zeigen, wer den Osten beherrscht

„Ick wunder mir über jar nischt mehr!“, sang einst Otto Reutter. Das meinte er natürlich nicht ernst. Denn wer sich über nichts mehr wundern kann, wird wenig Spaß am Leben haben und Wunderbares wie die Spiele der Nationalmannschaft Islands bei der Fußball-EM nicht zu würdigen wissen.

Dennoch, wer eine jüngst vom Mitteldeutschen Rundfunk in Auftrag gegebene Studie zur Kenntnis genommen hat, dem fällt das Reutter-Couplet wieder ein. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete über das Thema unter der Überschrift „Volk von hier, Elite von drüben“.

Es ging um die Frage „Wer beherrscht den Osten?“, die auch ein gleichnamiger Film im MDR-Fernsehen stellte. Was herauskam: Nur ein Fünftel der Führungskräfte im Osten hat – mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem „Wiedervereinigung“ betitelten Ereignis vom 3. Oktober 1990 – seine Wurzeln im Osten. Studienleiter Olaf Jacobs vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Leipziger Universität, zugleich Autor der TV-Dokumentation, sieht partiell sogar eine noch zunehmende Verwestlichung im Vergleich zur letzten Studie von 2004. In den fünf Bundesländern, die sich ausschließlich auf ehemaligem DDR-Gebiet befinden, sei der Anteil der Politiker mit ostdeutscher Herkunft von 75 auf 70 Prozent gesunken. Auch von den insgesamt 60 Staatssekretären der Bundesregierung stammten – ungeachtet der DDR-Vergangenheit von Kanzlerin und Bundespräsident – nur drei aus dem Osten. 2004 seien es immerhin noch sechs gewesen.

Nicht besser sieht es in Wissenschaft und Wirtschaft aus: An Universitäten und Hochschulen hat sich der Anteil ostdeutscher Rektoren binnen zehn Jahren fast halbiert. An der Spitze der 100 größten ostdeutschen Unternehmen sank der Anteil Einheimischer von gut 35 auf 33,5 Prozent.

Sehr hell leuchtet das Licht des Westens ebenfalls in der Justiz: Nur 5,9 Prozent der Vorsitzenden Richter an den höchsten Gerichten des Ostens haben ihre Kindheit im Osten verlebt. In der gesamten Richterschaft Ost betrifft das 13,3 Prozent.

Alles in allem zeigt sich: Der übergroße Teil der „Eliten“ im Osten hat seine Kenntnisse über die Lebensumstände der DDR aus dem Fernsehen, Zeitungen, Büchern oder Lehrveranstaltungen beziehen müssen. Daß sich dieses Mainstreambild über das Leben östlich von Elbe und Oder, Werra und Neiße nur zu kleineren Teilen mit den Erfahrungen derer deckt, die es lebten, hat sich allenthalben erwiesen und sehr zur Entfremdung größerer Teile der Ostbevölkerung von allen Gewalten der bundesdeutschen Grundordnung beigetragen, die vielbesungene „vierte Gewalt“ in Gestalt der Medien eingeschlossen.

Viele Ostdeutsche zahlen einen hohen Preis für die verzerrten Vorstellungen der ihrer selbst so sicheren „Eliten“ über vergangene Wirklichkeiten. Die Betroffenen von Altanschließerbeiträgen zum Beispiel können ein Lied davon singen. Denn alle obersten Verwaltungsgerichte der fünf Ostbundesländer gingen in einschlägigen Urteilen davon aus, daß für die Ostler sich die Erde erst mit dem Einzug der bundesdeutschen Rechtsordnung zu drehen begonnen hat. Der besondere Vorteil, den sie mit oft fünfstelligen Eurobeträgen abzugelten haben, bestehe darin, nun in der Bundesrepublik erstmals über einen rechtlich gesicherten Anschluß an das Trinkwassernetz bzw. die Kanalisation zu verfügen.

Die Beschäftigung mit den Tatsachen der Leipziger Studie hat der Ex-Politiker Richard Schröder, er führte in der DDR-Volkskammer 1990 eine zeitlang die SPD-Fraktion, „ostdeutsche Wehleidigkeit“ und „zum Kotzen“ genannt. Von 1993 bis 2009 war der Mann Verfassungsrichter des Landes Brandenburg. Na ja, „da wunder ick mir über jar nischt mehr.“

H.B.

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