Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Brennendes Geheimnis

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 32): In einer Geschichtsfälscherei

Von Holger Becker

Das war dem kleinen Mann mit dem großen Einfluß bislang noch nicht passiert. Er, der seit langem nichts anderes als Huldigungen kannte, das Bundesverdienstkreuz und den Titel „Journalist des Jahrhunderts“ trug, sah sich plötzlich öffentlich geschmäht. Einen der bekanntesten deutschen Journalistenpreise sollte er bekommen, quasi für sein Lebenswerk, doch gerade zu diesem Lebenswerk tauchten ernsthafte Fragen auf. Rudolf Augstein (1923 bis 2002), Gründer und bis zum Tod Herausgeber des Magazins „Der Spiegel“, sah nicht gut aus.

Es war im Jahr 2000, als Augstein in Frankfurt am Main in festlicher Stunde mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet werden sollte. Preisjuror Frank Schirrmacher (1959 bis 2014), der Hipster unter den Herausgebern der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hatte ihn ausgewählt. Daß sich dieser Ehrung, die auch als Demonstration einer Allianz publizistischer Großmächte zu verstehen sein sollte, erhebliche Hindernisse in den Weg schoben, lag an einer kleinen Schar von Leuten, die sich mit Augsteins geschichtspolitischer Rolle nicht abfinden wollten. Es ging ihnen um die Darstellung der Brandstiftung im Reichstag 1933, die den Nazis als Vorwand gedient hatte, die bürgerlichen Freiheiten in Deutschland zu eliminieren und eine offene terroristische Diktatur zu errichten.

Augsteins Magazin war es gewesen, das in den Jahren 1959 und 1960 maßgeblich dafür gesorgt hatte, die braunen Banditen von der Schuld an der Brandstiftung freizusprechen. Eine vielteilige Artikelserie des bis dahin unbekannten Autors Fritz Tobias (1912 bis 2011) im „Spiegel“ schickte den am 27. Februar 1933 im Berliner Reichstag aufgegriffenen halbblinden holländischen Maurer Marinus van der Lubbe (1909 bis 1934) als „Einzeltäter“ noch einmal aufs Schafott. „Über den Reichstagsbrand wird nach dieser ‘Spiegel‘-Serie nicht mehr gestritten werden“, verkündete damals Augstein, dem es tatsächlich gelang, die Version vom alleinigen Täter van der Lubbe in der bundesdeutschen Historiographie fest zu verankern. Die wissenschaftliche Weihe verlieh ihr bald der Historiker Hans Mommsen (1930 bis 2015), seinerzeit Angestellter des Instituts für Zeitgeschichte in München.

Am 5. November 2000 sollte Augstein in der berühmten Paulskirche von Frankfurt am Main jenen Preis entgegennehmen, der nach dem jüdischen deutschen Schriftsteller Ludwig Börne (1786 bis 1837) benannt worden ist. Doch zwei Tage vorher landete auf dem Schreibtisch des Preisstifters Michael A. Gotthelf, der Banker und Journalist hatte im Auftrag des Münchner Mutterhauses die Schweizer Hypovereinsbank gegründet, ein Schreiben des Reichstagsbrandforschers Hersch Fischler, das ebenso an die Vorstandsmitglieder der Ludwig-Börne-Stiftung Salomon Korn und Marcel Reich-Ranicki (1920 bis 2013) gegangen war. Alle drei Adressaten erfuhren Dinge, über die Fischler und der Berliner Journalist Gerhard Brack zuvor schon den Juror Schirrmacher unterrichtet hatten, der darauf aber nicht reagierte. So mußte Gotthelf nun vom Vorwurf gegen Augstein lesen, mit der „Spiegel“-Serie zum Reichtagsbrand und der dort in Umlauf gebrachten geschichtsfälschenden Einzeltäterthese Nazi-Kriminalisten zu schützen, die zu den Ermittlern bei der Brandstiftung gehört und sich dann am Judenmord beteiligt hatten, in den Sicherheitsapparaten der Bundesrepublik aber wieder Verwendung fanden.

Peng! Es dauerte nur Stunden, da hieß es, die sonntägliche Feierstunde in der Paulskirche sei abgesagt, Rudolf Augstein schwer erkrankt. Was aber schwerstvermutlich nicht stimmte. Denn kurz darauf meldete die Zeitung „Die Woche“, Augstein sei am Montag, dem 6. November 2000, „putzmunter“ in der Redaktionskonferenz des „Spiegel“ erschienen. „Der Spiegel“, in seiner Selbstdarstellung ein „Nachrichtenmagazin“, hat über die Vorwürfe gegen Augstein nie informiert, kolportierte aber in seinem Bericht von der nachgeholten Preisübergabe am 13. Mai 2001 erneut die Krankenbett-Story.

Die Teilnehmer des Festakts in der Paulskirche allerdings konnten um die Zusammenhänge wissen. Denn der Autor dieser Zeilen hatte sie 2001 im Aprilheft der Zeitschrift „journalist“, dem Blatt des Deutschen Journalistenverbandes, ausführlichst dargelegt. Wogegen nichts mehr zu machen war. Ein recht wütender Leserbrief erreichte aber die Redaktion. Er stammte von Gerhard E. Gründler (1930 bis 2012), der früher als Journalist für „Die Welt“ und den „Stern“, als Chefredakteur der SPD-Zeitung „Vorwärts“ und von 1981 bis 1991 als Chef des NDR-Landesfunkhauses Hamburg gearbeitet hatte. Er warf dem Autor vor, ein „Revisionist“ zu sein, also einer, der eine allseits anerkannte Erkenntnis in Frage stellt, und sprach von „Leichtfertigkeit“, mit der die These von einer „kardinalen Geschichtsfälschung“ des „Spiegel“ verbreitet worden sei.

Das war schon damals verwegen. Ließ sich doch an den dargestellten Tatsachen nicht kratzen. Lebte Gründler noch, müßte er eingestehen: Als die These vom alleinigen Brandstifter van der Lubbe in Umlauf kam, ging es nicht nur bunt, sondern geradezu kriminell zu. Das entnehmen wir jetzt detailgenau dem Buch „Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens“, das endlich auf deutsch vorliegt. Der US-amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett, Professor an der City University of New York, hat sich darin dem Thema unbefangen genähert und überraschende Sichten auf Bekanntes entwickelt, vor allem aber viel bisher Unbekanntes herausgefunden. Letzteres betrifft vor allem die Methoden des Fritz Tobias und die Hintergründe sowie Zusammenhänge seines umtriebigen Wirkens.

Tobias, der sich gern als „Hobbyhistoriker“ darstellen ließ, fungierte als leitender Beamter im Verfassungsschutz Niedersachsens. Seine Aktivitäten in Sachen Reichstagsbrand entwickelte er nicht im Nebenberuf. Hett sieht den Schlüssel für Tobias‘ Rolle vielmehr darin, „daß er ein Angehöriger des westdeutschen Inlandsgeheimdienstes war“. Und das in Hannover, das bis 1952 nicht nur die Redaktion des „Spiegel“ beherbergte, sondern in jener Zeit laut Hett auch die Hochburg alter Nazis in der Bundesrepublik darstellte. Der beginnende Kalte Krieg bekam denen wie eine Badekur. Wurde doch der Antikommunismus zur politischen Klammer des westlichen Deutschland, das sich forciert einen Sicherheitsapparat schuf. So konnte selbst der einstige Gestapochef Rudolf Diels (1900 bis 1957) darüber nachdenken, sich als erster auf den Präsidentensessel des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu setzen. Daraus wurde zwar nichts. Einige frühere Ermittler beim Reichstagsbrand aber schafften unter Fürsprache des Diels-Freundes Rudolf Augstein im „Spiegel“ die „Integration“, so Walter Zirpins (1901 bis 1976), der sich auch als Kripo-Chef im Ghetto Lodz im Range eines SS-Sturmbannführers um Hitlers Sache verdient gemacht hatte. Zirpins durfte ab 1951 das Landeskriminalamt Niedersachsen leiten, geriet aber bald ins Rampenlicht, weil seine Vergangenheit als Gestapo-Kriminaler, der als einer der ersten van der Lubbe vernommen hatte, ruchbar geworden war.

Es drohte ein politischer Skandal, den abzuwenden Fritz Tobias an die Front geschickt wurde. Hier entwickelte sich der Dreh, wie die alten Nazi-Haudegen aus der Schußlinie genommen werden konnten. Tobias hat ihn selbst in einem Papier beschrieben, das Hett in dessen Nachlaß aufstöberte. Dort heißt es, daß diese „geschichtliche Korrektur“, also die Darstellung van der Lubbes als einzelner Täter, eine „ebenso ungerechtfertigte wie unerschöpfliche Quelle“ der kommunistischen Propaganda zum Versiegen bringen könne. Seine Auftraggeber, so Tobias, hätten ihn ermutigt und bestärkt, „die notwendigen weiteren Untersuchungen durchzuführen“ – das Ganze „naturgemäß ohne schriftliche Fixierung“.

Auftraggeber? Das waren laut Tobias Karl Hofman (SPD, 1901 bis 1959), damals oberster Verfassungsschützer Niedersachsens, Richard Borowski (SPD, 1896 bis 1954), Innenminister Niedersachsens, und Wilhelm Hinrich Kopf (SPD, 1893 bis 1961), niedersächsischer Ministerpräsident, der wegen seiner früheren Tätigkeit als „Treuhänder konfiszierter polnischer und jüdischer Güter“ nach 1939 in Polen auf der Kriegsverbrecherliste der Alliierten gestanden hatte.

Tobias legte los. Er schrieb nicht nur die Serie für den „Spiegel“ und sein 1962 erschienenes Buch zum Reichstagsbrand, sondern er nutzte auch seine geheimdienstlichen Möglichkeiten, um diejenigen niederzuknüppeln, die sich gegenüber seiner „geschichtlichen Korrektur“ widerspenstig zeigten. So ließ er den Studienrat Hans Schneider (1907 bis 1997) ausbremsen, der im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte Tobias` Darstellung überprüfte und dabei Verdrehungen und Verfälschungen in großem Stil nachwies. Dazu besorgte sich der Geheimdienstler aus dem für Wissenschaftler und Journalisten nicht zugänglichen Document Center der US-Besatzungsmacht in Westberlin Akten über den IfZ-Direktor Helmut Krausnick (1905 bis 1990). Darin stand, Krausnick sei von 1932 bis 1934 NSDAP-Mitglied gewesen. Tobias drohte mit Veröffentlichung, falls das Institut seine Haltung nicht ändere. Das IfZ knickte ein. Hans Mommsen (SPD), der schon zuvor auf Tobias‘ Seite gestanden hat, hielt in einer Aktennotiz fest, es sei „aus allgemeinpolitischen Gründen unerwünscht”, Schneiders Studie zu publizieren.

Zur Erpressung gesellte sich bei Tobias, der gewiß kein Zyniker war, sondern an seine Version der Geschichte inbrünstig glaubte, die Unterschlagung von Beweismaterial. Die betraf im schwersten Fall eine Aussage des Ex-Gestapo-Chefs Rudolf Diels. Über den hatte Tobias immer wieder steif und fest behauptet, er habe keine Insiderinformationen zum Reichstagsbrand, ja zu diesem Thema nicht einmal eine klare Meinung gehabt. Doch in Tobias‘ Fundus lagerte quasi als Brennendes Geheimnis ein Brief, den Diels 1946 an die britische Delegation am Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg gesandt hatte. Darin stand, er halte den ehemaligen SA-Führer Hans Georg Gewehr (1908 bis 1976) für „den Haupttäter bei der Reichstagbrandstiftung“. Eine Ansicht, die auch andere Sachkenner teilten, so Hans Bert Gisevius (1904 bis 1974), ein früherer Mitarbeiter Diels‘ bei der Gestapo, der sich später dem Widerstand des 20. Juli 1944 anschloß. Gisevius zahlte für die Benennung Gewehrs, der ein SA-Spezialist für den Einsatz selbstentzündlicher Stoffe war, 1969 über 26.000 Mark Schadensersatz.

Tobias, nach eigenen Angaben SPD-Mitglied, muß an den Brief von Diels wohl 1983 gekommen sein. Denn in diesem Jahr übergab Diels´ Witwe den Nachlaß ihres Mannes an das niedersächsische Staatsarchiv. Allerdings gelang es Tobias, sich die Akten zuvor im Haus der Witwe anzusehen. Dazu brachte er einen Freund mit. Der hieß Adolf von Thadden (1921 bis 1996), war Agent des britischen Geheimdienstes, für den auch Tobias nach eigener Aussage in den späten 1940er Jahren gearbeitet hatte, und Mitbegründer der NPD. Es geht schon merkwürdig zu, wenn Geheimdienste Geschichte schreiben.

Benjamin Carter Hett Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Rowohlt-Verlag. Reinbek 2016. 633 Seiten, 29.95 Euro            

 

 

zurück