Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Selbstbestimmt im Alter

Am Puls der Zeit: Der VDGN schenkt seine Aufmerksamkeit der älter werdenden Stadt

Von Mario Czaja, Berliner Senator für Gesundheit und Soziales

Berlin wächst, wird älter und bunter. Laut der aktuellen Bevölkerungsprognose wird bis zum Jahr 2030 die Zahl der Berliner um rund 265.000 ansteigen. Dieses Wachstum haben wir vor allem der guten wirtschaftlichen Lage Berlins zu verdanken, denn mit den neuen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen kommen auch viele junge Berlinerinnen und Berliner in die Stadt. Dadurch steigt auch die Altersgruppe der unter 18jährigen um 20 Prozent.

Noch rasanter wird sich die Zahl von Frauen und Männern ab dem 80. Lebensjahr entwickeln. Bis 2030 klettert dieser Wert von heute 160.000 auf zukünftig 260.000. Im Vergleich: In Hamburg und Bremen wird die Gruppe der Hochaltrigen bis 2030 nur um rund 40 Prozent zunehmen.

Althergebrachte Vorstellungen vom Altern in Krankheit und geringer sozialer Teilhabe sind überholt. Im Gegensatz zu früheren Generationen sind ältere Menschen heute gesünder. Sie zeigen ein höheres Wohlbefinden und sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben. Zudem sind viele Seniorinnen und Senioren aktiv, engagieren sich zivilgesellschaftlich und bringen sich ins Stadtgeschehen ein.

Dennoch steigt mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit, wegen gesundheitlicher Einschränkungen Hilfe und Unterstützung zu benötigen. Nach eigener Einschätzung leidet rund die Hälfte der über 70jährigen Frauen und Männer an einer chronischen Krankheit. Aus der Pflegeversicherung wissen wir, daß ein Drittel aller über 80jährigen eine Pflegestufe haben.

Genau hier setzt auch der VDGN an. Seit Jahren steht unser Verband für die Begriffe Verantwortung, Verläßlichkeit und Sicherheit. Verantwortung für ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen ist das erklärte Ziel des VDGN. Die neuen Möglichkeiten der Unterstützung und Betreuung in den eigenen vier Wänden wird durch das geplante Musterhaus der Pflegeangebote ebenso unterstützt, wie durch aufsuchende Beratung zum Umbau der eigenen vier Wände mit Assistenzsystemen, die bis zu 4.000 Euro auch von der Pflegeversicherung bezahlt werden können.

Verläßlichkeit und Sicherheit bedeutet zudem, daß auch im Fall eines Pflegebedarfs alle Rechte gegenüber der Pflegeversicherung, beispielsweise zur richtigen Einstufung des Pflegegrads, erreicht werden. Mit dem neuen Versicherungsangebot des VDGN ist hier eine wichtige Unterstützung gegeben.

In Berlin und andernorts wird der Anstieg von Anteil und Zahl der Älteren – bei gleichzeitiger Abnahme der Jüngeren – Auswirkungen auf die Versorgungsbedarfe und Versorgungsangebote haben. Vor allem unser hochspezialisiertes und differenziertes Gesundheits- und Pflegesystem muß besser ineinandergreifen. Wir haben exzellente Nationalspieler, aber noch keine Nationalmannschaft im Gesundheitswesen, hat jüngst ein Gesundheitsökonom gesagt. Denn was nützt die beste Schlaganfallversorgung, wenn die anschließende Rehabilitation nicht gleich erfolgt oder der Arztbrief zu spät dort ankommt?

Dies war der Grund, daß ich im Jahr 2014 mit meiner Senatsverwaltung den Dialogprozeß 80plus begonnen habe. Denn es gibt für Patientinnen und Patienten einige Proble-

me, insbesondere an den Übergängen und Schnittstellen, beispielsweise zwischen Fachkrankenhaus und Hausarzt oder Reha-Einrichtung und entlassender Klinik. Aber gerade Menschen im hohen Alter sind auf übergreifende aufeinander abgestimmte Hilfesysteme angewiesen.

Das Ziel ist, bis Sommer 2016 eine Rahmenstrategie zur Verbesserung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung hochbetagter Menschen in Berlin vorzulegen. Hierfür werden neue Lösungsansätze für die Versorgung hochaltriger Menschen, neue Wege der verbindlichen Zusammenarbeit zwischen Akteuren der verschiedenen Versorgungsbereiche sowie Anstöße zu landes- und bundesrechtlichen Gesetzesreformen gesucht.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein breit angelegter Dialogprozeß notwendig. Den Startpunkt setzte eine Auftaktveranstaltung im Mai 2015. Im Anschluß daran haben sich pro Handlungsfeld kleine Teams gebildet. Ihnen gehören Vertreterinnen und Vertreter der stationären geriatrischen und pflegerischen Bereiche, der Krankenkassen, der Wohlfahrtsverbände, der Alzheimer-Gesellschaft, der Versorgungsforschung sowie der Senatsverwaltung an. Sie haben zum jeweiligen Handlungsfeld die im Diskussionspapier 80plus aufgeworfenen Fragen unter Berücksichtigung des Feedbacks der Auftaktveranstaltung geprüft, überarbeitet und gegebenenfalls priorisiert.

Zugleich sind aber auch ältere Menschen als Expertinnen und Experten in eigener Sache aufgefordert, den Dialogprozeß durch ihre Alltagserfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis zu bereichern. Wie kann das gelingen? Es ist geplant, im Mai eine „Konferenz der Älteren“ durchzuführen. Dort sollen die vorläufigen Ergebnisse der drei Fachdialoge älteren Menschen vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. Der VDGN und alle seine Mitglieder sind herzlich eingeladen, sich auch daran aktiv zu beteiligen. Ich würde mich über die weitere Zusammenarbeit auch auf diesem Feld freuen.

PS.: Das Diskussionspapier finden Sie auf der Internetseite der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales:

www.berlin.de/sen/gessoz/

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