Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gefährliches Spiel um Sulfat im Wasser

Angesichts alarmierender Werte müssen Verantwortliche endlich handeln

Unsichtbar, aber nicht unbedenklich: Sulfate (Salze oder Ester der Schwefelsäure). Zu hohe Konzentrationen im Trinkwasser können beim Menschen zu Durchfall und Erbrechen führen. Der Geschmack verändert sich zu süß bis bitter. In Gewässern kann es zu verstärktem Algenwachstum kommen, die Badequalität sinkt. Und zudem verursachen mit Sulfat angereicherte Gewässer Schäden an Betonbauwerken und führen zur Korrosion im Leitungsnetz.

Für Trinkwasser ist laut Trinkwasserverordnung ein Grenzwert von 250 Milligramm Sulfat je Liter (mg/l) vorgeschrieben, den es nicht zu überschreiten gilt. Doch seit geraumer Zeit beobachten Wasserversorger eine steigende Tendenz der Sulfatbelastung des Wassers. Und weil Sulfat nicht einfach herausgefiltert werden kann, schlugen Wasserversorger in Brandenburg und Berlin im vergangenen Jahr Alarm.

Im August 2015 wandte sich der VDGN angesichts der alarmierenden Werte im Trinkwasser schriftlich an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin, das Bundesministerium für Umwelt und an das Brandenburger Ministerium für Umwelt (Das Grundstück, Heft 11/12-2016).

Die Antworten nichtssagend, aber optimistisch hinsichtlich der Lösung des Problems.

Ein einberufener „Krisengipfel“ der Staatssekretäre im November 2015 enttäuschte: Informationen vom Geheim-Treffen mehr als dürftig, lediglich weitere Gutachten wurden in Aussicht gestellt. Die Politik scheint vom Sulfatproblem lediglich genervt. In der Antwort auf eine Schriftliche Anfrage (17/17489) der Linken Jutta Matuschek zu weiteren Treffen bzw. zur Kontrolle vereinbarter Maßnahmen heißt es im Dezember vom zuständigen Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Christian Gaebler: „Der Senat sieht grundsätzlich keinen Anlaß, interne Verwaltungsabstimmungstermine öffentlich bekanntzugeben.“ Vom Büro des Staatssekretärs wurde inzwischen jedoch bestätigt, daß es im ersten Quartal eine weitere Zusammenkunft gegeben habe.

Aber die Maßnahmen greifen nicht, von Entwarnung kann keine Rede sein. Bei den Berliner Wasserbetrieben (BWB) wird die Konzentration von Sulfat im Wasserwerk Friedrichshagen mit 162 und in Wuhlheide mit 190 mg/l angegeben – durchschnittlich. Zwischenzeitliche Spitzenwerte liegen weit darüber. Bei der FWA Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft mbH (Trinkwasserversorger der Städte Frankfurt (Oder) und Müllrose sowie weiterer Gemeinden) liegen die Werte derzeit im Durchschnitt bei 193 mg/l mit Spitzen bis zu 238 mg/l.

Im Februar warnte Stephan Natz (Sprecher der BWB) über die Presse: „Wenn ein drittes unterdurchschnittliches Niederschlagsjahr kommt, können wir ein Problem bekommen.“ Laut BWB kommt die Spree derzeit mit einer Sulfatkonzentration von etwa 300 Milligramm/Liter (mg/l) in Berlin an.

Da könne es bei ungünstigen Witterungsverhältnissen zu Problemen mit dem Trinkwasser kommen, soll eine namentlich nicht genannte Sprecherin des Senators Andreas Geisel (SPD) der Presse gegenüber gesagt haben.

Auch in Frankfurt (Oder) beobachten die Wasserwirtschaftler die Entwicklung mit Besorgnis. „Wir gewinnen unser Trinkwasser aus der Spree und reichern damit das vorhandene, aber knappe Grundwasser an, so Anne Silchmüller, Pressesprecherin der FWA mbH. Das Klima habe die Situation verschärft: Der Sulfatgehalt der Spree steigt, weil es weniger regnet. Und auch die Grundwasserneubildung blieb in den letzten Jahren nahezu aus. Seit längerem versuche die FWA neue Grundwasserressourcen zu erschließen. Vattenfall unterstütze die Wasserwirtschaftler dabei mit Gutachten. Wir plädieren für eine verursachungsgerechte Verteilung der Kosten, betonte die Pressesprecherin.

Einfacher wäre es das Wasserwerk Müllrose zu sanieren und wieder in Betrieb zu nehmen, da eine Betriebsgenehmigung (wasserrechtliche Erlaubnis) bereits vorliegt. „Die Finanzierung für die Sanierung ist bisher aber an der Ablehnung der LMBV gescheitert“, erklärt Frau Silchmüller.

Während Vattenfall und das Land Brandenburg sofort die finanzielle Beteiligung an der Sanierung des Wasserwerkes Müllrose zugesagt hatten, lehnte die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) eine Beteiligung ab. Auf Nachfrage bei der LMBV für die Gründe der ablehnenden Haltung verwies man seitens der Pressestelle auf das Bundesministerium der Finanzen (BMF). Auskunftsbefugt sei zu dieser Problematik seit dem

1. Februar nur noch das Fachreferat VIII A3 unter der Leitung von Dr. Claus-Peter Pietras.

Die Anfrage an das BMF leitete Pressesprecherin Ingeburg Grüning an das Referat für Bürgerangelegenheiten und von dort kam: „…die zuständigen Landesbehörden würden, da für die Entwicklung der Sulfatfrachten derzeit keine gesicherten Aussagen existieren, im ersten Halbjahr 2016 eine Studie zur Prognose der Sulfatfrachten in Auftrag geben. Erst nach den Ergebnissen der Studie kann ggf. eine Mitverantwortung der LMBV festgestellt werden. Ein Fertigstellungszeitraum für die Prognosestudie wurde nicht benannt….“

Anne Silchmüller von der FWA beschreibt den Zustand treffend: „Es passiert schon etwas, aber es ist eine Politik der Langsamkeit.“

Bleibt zu hoffen, daß etwas passiert, bevor es zu spät ist.

Monika Rassek

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