Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Aus Grün wird Grau

Hamburg: Immer mehr Kleingärten und Behelfsheime verschwinden

Behelfsheim, das nach dem Zweiten Weltkrieg von Hamburger Bürgern genutzt wurde, die nach den Bombenangriffen eine neue Bleibe brauchten. Anschließend bot das Behelfsheim italienischen Gastarbeitern von 1961 bis zum Tod der Pächter 2001 ein Zuhause. 2003 wurde das Behelfsheim wieder genutzt und weiter verpachtet, jedoch nicht mehr mit der Genehmigung zum dauerhaften Wohnen. Insgesamt befinden sich auf dem Kleingartengelände des Vereins Westende 26 Behelfsheime und 11 Lauben unter Bestandsschutz. Alle Behelfsheime und teilweise Lauben boten nach dem 2. Weltkrieg Bürgern der Stadt Hamburg ein Zuhause, die ihr Dach überm Kopf im Bombenhagel verloren hatten. Auch Flüchtlinge kamen damals hier unter. Da Wohnraum schon in den 60er Jahren knapp war, bekamen junge Familien die Möglichkeit, im Kleingarten dauerhaft zu wohnen.

Manch Spaziergänger oder Fahrradfahrer wundert sich bis heute, wenn er durch einen Kleingarten spaziert und teils richtige Häuser entdeckt, die bewohnt werden oder im Sommer von Kleingärtnern genutzt werden.

Es handelt sich um Behelfsheime, die das Kleingartenwesen durch ihre Vielfalt und geschichtliche Symbolkraft bereichern. Der Hamburger Volksmund spricht auch von Trümmerhäusern. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie vielen Hamburgern, Flüchtlingen und Gastarbeitern ein Dach über den Kopf gegeben. Mit allem zur Verfügung stehenden Material wurden sie nach dem Krieg errichtet und sorgten für ein Zuhause im Kleingartenverein. Bis heute wohnen noch Bürger der Stadt Hamburg in ihren Behelfsheimen mit Dauerwohnrecht.

Doch die Zeit der Trümmerhäuser in Hamburg geht zu Ende. 2005 gab es noch 1.156, 2015 nur noch 765. Dahinter steckt eine desolate und verfehlte Politik Hamburger Kleingartenfunktionäre. Hamburg ist eine Stadt, die wächst und die Wohnungen braucht. Folgerichtig gibt es in Hamburg eine Wohnungsbauoffensive, die jedoch derzeit auf Kosten der Grundfläche der Hamburger Kleingärtner geht. Immer mehr Kleingärten verschwinden aus dem Stadtbild von Hamburg. Eine „Grüne Stadt“, wie Sie der Hamburger gerne beschreibt. Das „Grün“ wandelt sich jedoch in „Grau“, und einer der größten Vereine der Stadt mit 43.000 Mitgliedern und weit über 100.000 Sympathisanten schaut zu und agiert als Bittsteller.

Seitens des Landesbundes der Gartenfreunde hofft man, durch den Abriß der unter Bestandsschutz stehenden Behelfsheime deren Grundstücke zu verdichten. Bedeutet, man reißt ein Behelfsheim ab und teilt die Parzelle mindestens in zwei neue Grundstücke auf, für Lauben in der Größe gem. Bundeskleingartengesetz. In der Regel wird hier aber auch ein Großteil an Kleingärtnern untergebracht, die durch die Wohnungsbauoffensive ihren Kleingarten verloren haben. Sie sind auch diejenigen, die Wartelisten in einem Kleingartenverein größer werden lassen, anstatt sie zu verkleinern. So bildete sich sogar beim stellvertretenden Chef-redakteur der Hamburger Morgenpost die Meinung heraus, daß es sich bei Kleingärtnern in Hamburg „um privilegierte Hobbygärtner“ handelt.

Das ist keine Politik im Sinne der Hamburger Kleingärtner. Die Vorteile des Kleingartenwesens scheinen vollkommen abhandengekommen und in Vergessenheit geraten zu sein. Es muß eine Wohnungsbau- und Kleingartenoffensive geben. Eine Stadt, die in der Bevölkerungszahl wächst, muß auch einen Rückzugsraum haben. Eine bis heute unangefochtene und bewährte soziale Idee, mit ideellem Mehrwert für die Gesellschaft innerhalb einer Großstadt, ist der Kleingarten und er muß es bleiben. Recht auf Grün, Recht auf Flächen, die dem Bürger gehören und nicht der Stadt. Die Stadt verwaltet die Flächen lediglich, der Bürger sollte darüber entscheiden.

Die Parzellenanzahl in Hamburg liegt derzeit bei ca. 35.000. Eine Zahl, die hätte schon längst erheblich steigen müssen im Einklang zur wachsenden Stadtbevölkerung, wenn es die Politik mit dem Kleingartenwesen in Hamburg ernst meinen würde. Dann könnten Behelfsheime auch erhalten bleiben, mit ihrer Bedeutung für die Geschichte in Hamburg nach dem Feuersturm. Man müßte sich dann auch nicht auf die Baupolizeiverordnung für Hamburg von 1938 berufen, um gut erhaltene Behelfsheime mit tadelloser Bausubstanz abzureißen. Die Geschichte sollte uns eine Lehre sein: Auch Kleingärten mit zum Wohnen geeigneten Gebäuden können helfen, die Wohnungsknappheit in Großstädten zu mildern. Aus heutiger Sicht sogar völlig „Mainstream“, im Einklang mit der Natur und mit einem erheblichen Anteil am Stadtklima.

Roland Spahr

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