Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Sehr schnell flach

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 29): Bei den Zeitnahen und den Rasanten

Von Holger Becker

Wer Verfallserscheinungen der deutschen Sprache beklagt, gerät schnell in den Verdacht, zur nervenden Spezies der Oberlehrer zu gehören, zu jenem Schlag von Menschen, die ihr Gegenüber gern mit gezücktem Beckmesser einschüchtern und in die Flucht schlagen. In vielen Fällen trifft dieser Verdacht zu. Denn der Besserwisser, der seine Gelahrtheit nicht nur mit Löffeln, sondern gleich mit Kellen gefressen und der für die Unwissenheit der Mitwelt nur ein müdes Runzeln der Hinterbacken übrig hat, stirbt nicht nur nicht aus, nein er vermehrt sich, man könnte sagen karnickelartig, wenn denn die Bestände der Wildkaninchen in Deutschland nicht so gefährdet wären.

Schuld ist das Internet oder richtiger, die für jedermann gegebene Möglichkeit, dort anonym herumzustrolchen. Wer je versucht hat, im weltweiten Netz sich Rat zur Lösung eines plötzlich aufgetauchten Alltagsproblems zu holen, wird wissen, wovon die Rede ist. Sehr, sehr oft trifft der Suchende in den einschlägigen Foren auf Zeitgenossen, die sich zum Abkanzler geboren sehen und helmutschmidtartig ihren Mitmenschen soetwas von Bescheid geben über deren nichtswürdigen Zustand von Unwissenheit, daß man’s eigentlich beim Amt für Freiheitsentzug melden möchte, was aber nicht geht, weil a) sich dieses Amt in Bern befindet und nur für die Schweiz zuständig ist, und b) der Delinquent nur unter unverhältnismäßig hohem Aufwand zu ermitteln wäre.

Mit diesen trübtassigen Protzen vorgeblicher Intellektualpotenz wollen wir also nicht verwechselt werden, wenn wir uns auf einen kurzen Ausflug in das Reich der deutschen Sprache begeben, um einigen Erscheinungen nachzuspüren, die zwar für sich genommen nicht unbedingt den Unter- oder auch nur Niedergang des deutschen Idioms bewirken werden, aber mindestens so häßlich anmuten wie Soßenflecken auf einer weißen Tischdecke.

Wir wollen hier übrigens nicht langgezogen einstimmen in die Klage über jene Rechtschreibveränderung, die der Staat unter spitzen Wollustschreien der Eigentümer von Schul- und Wörterbuchverlagen den Deutschsprechenden insoweit verordnet hat, als sie Schüler sind oder dem öffentlichen Dienst zugehören. Sondern nur ganz kurz sagen: Freiwillig Schiffahrt mit fff schreiben oder Mißstand mit sss? Och nö, da machen wir nicht mit.

Wo fangen wir an mit unseren vollkommen unsystematischen Betrachtungen? Vielleicht bei einem Wort, das in den letzten Jahren Karriere gemacht hat. An seinem Beispiel sehen wir: Wie im wirklichen Leben geht es auch in dessen Spiegelwelt der Sprache zu. Der Refrain „Was gut ist, setzt sich durch“ aus dem zum Glück längst verklungenen Bier-Werbelied der Puhdys stimmt unter den Bedingungen eines real existierenden Konformismus so einfach nicht. Ansonsten nämlich wäre das Adjektiv „zeitnah“ ein schüchternes Wörtchen, das still und zusammengekauert in einer Ecke sitzt und sich schämt ob seiner Einfalt, Häßlichkeit und Faulheit.

Was ist es gegen seine in vielen Bedeutungs- und Stimmungsfarben schillernden, agilen Synonyme? Was gegen „schnell“ und „rasch“, „eilig“, „prompt“, „hurtig“ und das wienerisch näselnde „rapid“? Oder gegen die mauerstürzenden „sofort“ und „unverzüglich“? Aber „zeitnah“ plustert sich auf und schubst sie alle aus dem Spielfeld. Es wanzt sich ein in alle Arten von Texten: Reden, Beschlüsse, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Abhandlungen, Radiomoderationen, Sketche, Bedienungsanleitungen, Kochrezepte. Ausgerechnet das dümmste, trägste und langweiligste der Geschwister setzt sich durch.

Sein Geheimnis: Es drückt ausdrücklich nichts aus, ausgenommen die Bequemlichkeit derer, die es in Rede und Schreibe verwenden. Weil es irgendwie immer paßt, wenn es um ein Irgendwann geht, muß über seinen Gebrauch niemand nachdenken. „Zeitnah“ kann im nächsten Jahr heißen, aber auch in der nächsten Stunde. Mit „zeitnah“ eckt niemand an. Aber es klingt amtlich und wichtig, kann bücklingshaft dienernd geschrieben oder zackig fordernd gesagt werden. Deutschland mit seiner nie abgeschüttelteten Tradition des Obrigkeitsstaates ist der natürliche Lebensraum dieses Dietrich Heßling unter den Adjektiven. Hier ist es geboren, und keine andere Sprache will soetwas haben. Und indem es seine Synonyme totschlägt, bewirkt es Monotonie und Ungenauigkeit des Ausdrucks. Man traue also lieber keinem Klempner, der verspricht, das gebrochene Wasserrohr „zeitnah“ zu richten, besser ist es, er kommt schnell.

Eine bestimmte Art von Sprachwissenschaftlern, der offensichtlich Leidenschaft und Leidensfähigkeit abgehen, pflegt in solchen Fällen zu dozieren, man solle sich nicht so haben, die Sprache ändere sich eben, das sei eine Reaktion auf Veränderungen der Realität. Schon recht. Es gibt sogar Fälle, in denen Wörter ihre Bedeutung ändern. Fortlaufend kommen uns beispielsweise Beschreibungen zu Ohren oder vor Augen, die Vorgängen oder auch Sachen bescheinigen, „rasant“ zu sein. Mal ist es eine Abfahrt beim Skilauf, mal ein Auto, mal der Zuwachs beim Umsatz eines Unternehmens, mal die Handlung eines Films. Eigentlich ist nichts davon „rasant“. Das Wort entstammt tat-sächlich der Ballistik und bedeutet „flach“. Je flacher die Flugbahn eines Geschosses, desto rasanter ist sie. Der Abfahrtsläufer hingegen ist vielleicht schnell wie der Blitz, das Auto schnittig, der Umsatzzuwachs sprunghaft und der Film mitreißend. Alles „rasant“ zu finden, heißt aber der Vielfalt mit Einfalt zu begegnen.

Was allerdings durchaus als Reaktion auf Veränderungen in der Realität gedeutet werden darf. Das Verlegenheitswort „rasant“ nämlich gehört längst zu den Lieblingswörtern des Journalismus, in dem steigendes Arbeitstempo und sinkende Mitarbeiterzahlen in den Redaktionen an der Tagesordnung sind. Das geht auch auf Kosten der Sprache. Eine Regionalzeitung schickt einen ihrer Mitarbeiter sogar als „Rasanten Reporter“ auf die Piste, eine Flachheit, die sich auch nicht dadurch legitimiert, daß schon der „Rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch 1925 in einem Text über das Berliner Sechstagerennen von „rasanten Geschwindigkeiten“ der Fahrer meinte berichten zu können.

Ja, ja, „rasant“ steht als angebliches Synonym für „auffallend schnell“, „stürmisch“, „begeistern“ und was weiß der Fuchs noch alles längst im Duden und anderen Rechtschreibwörterbüchern, „zeitnah“ ebenso. Und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis unglaubliche Superlative wie „weitgehendst“ (statt weitestgehend) oder „weitgereistest“ (statt weitestgereist) dort Aufnahme finden. Sie müssen nur oft genug gedruckt oder gesendet werden, um irgendwann als Resultate von Sprachentwicklung Anerkennung zu finden. Das Einlagern von sprachlichem Müll in offenen Deponien ist in Deutschland eben immer noch erlaubt.

Bei all dem bisher Beschriebenen handelt es sich nicht um die Ergebnisse absichtlicher Handlungen, sondern die Folgen von Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit, Zeitmangel, Unkenntnis, Konformismus und mangelndem Spaß an der Sprache. Am schlimmsten aber wird’s, wenn Absicht im Spiele ist. Das am meisten abschreckende Beispiel bieten nicht erst seit gestern Zeitgenossinnen und -genossen, die meinen mit erzwungenen Veränderungen des Sprechens und Schreibens „Geschlechtergerechtigkeit“ schaffen zu können, ohne die dem Geschlechterverhältnis zugrundeliegende Wirtschaftsordnung näher zu betrachten. Zum Standard in vielen Fakultäten der Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich tatsächlich das phallische Binnen-I emporgerappelt, mit dem angeblich sexistischer Sprachgebrauch vermieden wird. Seine Verfechter, nicht selten rührende Beispiele eines fehlgeleiteten Idealismus, schreiben „VerfechterInnen“ oder „PolizistInnen“, „VerbrecherInnen“ kommen eher selten vor.

Die Texte sind danach, aber immerhin noch entzifferbar. Doch selbst das endet, falls die Sprache der von Teilen des Wissenschaftsnachwuchses heftig befürworteten „Queer-Theorie“ folgt. Danach soll unser Schreiben und Sprechen auch all jenen gerecht werden, die sich weder dem Weiblichen noch dem Männlichen zuordnen wollen. Als Ausdrucksmittel dafür schlägt sie, die „Queer-Theorie“ den Gendergap vor, einen Unterstrich, den alle, die in der Geschlechterlücke zwischen Mann und Weib siedeln, selbst mit Inhalt füllen können. Die radikalere Form dessen heißt Genderstern, den gerade die Grünen zur Pflichtform für ihr Parteichinesisch machen wollen. Der Satzanfang „Liebe Leserin, die Du das hier liest…“ sieht dann entweder so aus: „Liebe_r Leser_in, der_die du das hier liest…“ Oder so: „Lieb* Les*, * du das hier liest …“

Das sind Probleme, von denen Johann Wolfgang Goethe, Karl Marx und Thomas Mann nichts ahnten. „Faust“, „Das Kapital“ und „Die Buddenbrooks“ mit Genderstern, gelesen von Claudia Roth, werden als Hörbücher sicher Bestseller werden. Und fast mag man froh sein, wenn Deutschlands Hauptstadt Berlin ihr Studentenwerk „geschlechtsneutral“ umbenennt, ohne dabei Gendergap oder Genderstern einzusetzen. „Studierendenwerk“ soll es künftig zum Preis von 800.000 Euro für neue Schilder, Stempel und Papiere heißen.

Der Schriftsteller Max Goldt hat das Nötige dazu gesagt: „Wie lächerlich der Begriff Studierende ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende. Oder nach einem Massaker an einer Universität: Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.“

Hinzufügen ließe sich allenfalls noch: Auch die deutschen Burschenschafter sahen sich von Beginn an als „Studierende“. Schon in der Verfassungsurkunde der Jenaischen Urburschenschaft von 1815, die sich im Geiste des großdeutschen Turnwüterichs, Franzosenfressers und Judenhassers Friedrich Ludwig Jahn gründete, bezeichneten sich die beteiligten Herren als „Studierende“. Das heißt also nichts. Wennschon, dennschon wäre Biertrinkende die passende Bezeichnung gewesen, auch wenn niemand 24 Stunden am Tag Bier trinken kann. Aber sie waren nahe dran.

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