Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Jauche, Grünkohl und Protest

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 34): In Hohenschönhausen

Rostocker Bauarbeiter im Juli 1986 auf der Baustelle von Neu-Hohenschönhausen. Große Teile der Plattenbausiedlung errichtete das Wohnungsbaukombinat Rostock. Deshalb erfolgten viele Benennungen nach Orten an der Ostsee: Prerower Platz, Ahrenshooper Straße usw. Foto: Foto: Bernd Settnik, ADN-Zentralbild, Bundesarchiv Bild 183-1986-0710-024

Von Holger Becker

Hohenschöngrünkohl – wer schon länger in Berlin lebt, weiß, wo das liegt. Früher war da mal ein Dorf nordöstlich der Stadt, das Kolonisatoren im Zuge der deutschen Expansion nach Osten im 13. Jahrhundert angelegt hatten. Weil diese Siedler vermutlich aus der Gegend bei Schönhausen in der Altmark stammten, soll es den Namen Schönhausen bekommen haben, der dann um ein Hohen- erweitert wurde, aus Gründen der Abgrenzung zum nicht weit entfernten und tiefer gelegenen Niederschönhausen. In den meisten Nachbardörfern von Hohenschönhausen – diese hörten später auf Namen wie Malchow und Marzahn – lebten Slawen.

Hohenschöngrünkohl nannten die Berliner den Ort so etwa ab Ende des 19. Jahrhunderts. Denn von dort bezogen sie einen großen Teil ihres Gemüses. Zwar war es da um die Dorfidylle bereits geschehen, weil Berlin als Metropole kapitalistischen Aufschwungs seine Krakenarme in die Vororte ausgestreckt hatte, Villenkolonien, Arbeitersiedlungen und Friedhöfe für die Berliner entstanden waren. Doch die Landwirtschaft erlebte in Hohenschönhausen dennoch eine Blüte, allerdings eine mit besonderem Duft.

Als nämlich Berlin die Pläne des Ingenieurs und Baumeisters James Hobrecht (1825 bis 1902) für eine Kanalisation verwirklichte, bekam Hohenschönhausen viel ab von den Verdauungsergebnissen der Menschen in der großen Stadt. Strafgefangene und Saisonarbeiter legten in der Gemarkung mit Hacken, Spaten und Schaufeln ein schachbrettartiges System terrassenartiger Flächen von je einem viertel Hektar an, die mit Gräben und Wegen verbunden wurden. Dorthin wie auf andere Rieselfelder rund um Berlin pumpte die Stadt ihre mit Industrie- und Regenwasser vermischten Fäkalien durch ein System unterirdisch verlegter Rohre. All das, was früher auf Hinterhöfen in Gruben gesammelt und nachts von Frauen, den „Druden“, eimerweise in die Spree gekippt bzw. von spezialisierten Fuhrunternehmern in tropfenden Fässern auf die Felder hinter der Stadt gefahren worden oder einfach über die Rinnsteine in den Fluß gelaufen war, rieselte nun in den sandigen märkischen Grund. Dort hielten Bodenteilchen die Inhalte des Abwassers als Futter für seßhafte Mikroorganismen fest.

Aber auch verschiedene Gemüse, außerdem Getreide, Gras und Obst, deren Anbau die Planer des Verrieselungssystems von Anfang vorsahen, fanden im Abwasser gute Zehrung. Um die Landwirtschaft in großem Stil zu betreiben, entstanden Stadtgüter, so 1875 als eines der ersten Falkenberg in der Nähe von Hohenschönhausen. Die Berliner Fäkalien verrieselten dort im Rhythmus der landwirtschaftlichen Kulturen. Bis zu sechs Mal pro Jahr floß die Jauche auf Felder für den Gemüseanbau.

Berlin hatte so das Problem unerträglicher Gerüche nach außen verlagert. Die Metropole sei von einem „Gürtel des Gestanks“ umgeben, meinten Kritiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für nicht wenige Menschen wurde es zur Strafe, dort zu arbeiten. Denn ab 1925 schickte die Stadt zwangsweise Obdachlose, Bettler, Prostituierte und Strafgefangene auf die Rieselfelder. Da war auch Hohenschöngrünkohl schon eingemeindet, so wie es mit sieben vorher selbständigen Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken bei der Schaffung Groß-Berlins 1920 geschehen war. Auch wenn die Wuchskraft der Rieselfelder u. a. wegen Überdüngung nachließ, versorgten sie Berlin bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Grünzeug.

Erst in den 1950er Jahren brach sich die Erkenntnis von Erregern Bahn, die mit dem Gemüse in die Stadt zurückkehrten. Es hatte schwere Magen-Darm-Erkrankungen, ja Todesfälle nach dem Verzehr von Gemüse aus den Rieselfeldern gegeben, entnehmen wir den interessanten Texten des Professors Dr. Reinhart Metz von der Agrarwissenschaftlichen Fakultär der Berliner Humboldt-Universität zu diesem Thema. Der Magistrat von Ost-Berlin verordnete deshalb 1969 ein Ende der Gemüseproduktion auf Rieselfeldern. Der Westberliner Senat ließ sich damit bis 1985 noch etwas Zeit, hatte aber das kleinere Problem, da die meisten West-Fäkalien auch nach dem Mauerbau im Osten verrieselten, für 7,3 Pfennig (West) pro Kubikmeter.

Auf den Rieselfeldern von Hohenschönhausen jedenfalls wuchs statt des sprichwörtlichen Grünkohls eine neue Stadt in der Stadt hervor. In den Plattenbauten Neu-Hohenschönhausens, die ab 1984 links und rechts der heutigen Hansastraße entstanden, fanden Zehntausende Menschen Wohnungen mit Fernheizung, Bad, warmem Wasser und meistens auch Balkon. Komfort, der ihnen zuvor im Regelfall nicht zur Verfügung gestanden hatte. Die meisten ließen Altbauwohnungen hinter sich, nicht selten in maroden Häusern. Hohenschönhausen mit seinen bald mehr als 100.000 Einwohnern, das seit 1920 zu Weißensee gehört hatte, sah sich 1985 in den Rang eines selbständigen Ost-Berliner Stadtbezirks erhoben, was es bis zum Anschluß an Lichtenberg 2001 blieb.

Eine Strafe oder Ausdruck sozialen Abstiegs war es also damals nicht, nach Hohenschönhausen zu ziehen, es sei denn, es ging um einen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit an der Großen Leegestraße. Doch diese Einrichtung spielte im Alltag der Menschen keine Rolle. Eher ärgerte man sich über das Fehlen des Kinos im Neubaugebiet und das Ausbleiben des Rathauses, beide waren vorgesehen gewesen, wurden aber bis 1989 nicht gebaut, oder über leere Brotregale zum Feierabend im „Handelszentrum“ am Prerower Platz, dort, wo heute das „Lindencenter“ steht. Am meisten vermißten die Menschen in den zugigen Häuserschluchten, die Bäume und Sträucher vor den Elf- und Sechsgeschossern waren noch recht klein, die Urbanität innerstädtischer Straßenzüge, in denen es Läden und Kneipen gibt.

Wie in anderen Plattenbausiedlungen auch kam aber niemand auf den Gedanken, nur deshalb am falschen Ort zu sein, weil der Nachbar einer anderen sozialen Gruppe angehörte. So lebten im Aufgang eines der Elfgeschosser am Prerower Platz, von dessen Geschichte wir nähere Kenntnis haben, der Vizedirektor eines Großbetriebes Tür an Tür mit einem Fensterputzer, dessen Frau als Lehrerin arbeitete. Auf dem Flur grüßten sich Klempner, Zeitungsredakteur, Sekretärin, Tiefbauingenieur, Kindergärtnerin, Schlosser, Buchhalterin, Kriminalpolizist und Vertreter vieler anderer Berufe mit ganz unterschiedlichen Bildungsanforderungen.

Was sich nach 1989 änderte, nicht sofort, aber allmählich. Wer von den Erstbewohnern des neuen Statdtteils um das Jahr 2000 noch in der Platte von Hohenschönhausen lebte, kannte nur noch wenige seiner Nachbarn. Die meistern derer, die nun in die noch gar nicht alten Häuser zogen, hatten sich das Leben in ihren angestammten Quartieren nicht mehr leisten können. Hohenschönhausen füllte sich mit den Opfern der „Gentrifizierung“, der Luxusmodernisierungen und Mietsteigerungen in Vierteln wie Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain und Pankow, wo das „Bionade-Biedermeier“ Einzug hielt, jener Lebensstil von Grünen-Wählern, die gegenüber den von ihnen Verdängten nicht selten eine „klassenrassistische Welt- oder Fremdwahrnehmung“ an den Tag legen, wie das der französische Soziologe Didier Eribon nennt. Die Logik der Verdrängung jedenfalls ließ die Plattenbausiedlung am Rande der Stadt zum Sammelbecken der Deklassierten werden. Ein Prozeß, der sich mit dem Sozialraub der Agenda-„Reformen“ beschleunigt hat.

Der Protest dagegen drückte sich nicht auf der Straße aus, sondern manierlich in den Wahllokalen. 2001 bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus erhielt die PDS im Plattenbaubezirk von Hohenschönhausen 55,1 Prozent der Stimmen. DIE LINKE als PDS-Nachfolgepartei ist dort immer noch einigermaßen stark, belegte aber 2016 mit 24,4 Prozent der Stimmen nur den zweiten Platz. Als Wahlsieger durfte sich die AfD feiern, die 26,1 Prozent erreichte – und das mit einem Kandidaten, dem die braune Brühe so sichtbar aus den Ohren schwappte, daß sich die AfD anschließend von ihm distanzieren mußte.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß viele der PDS-Wähler von 2001 im September 2016 der vorgeblichen Alternative für Deutschland ihre Stimme gaben. Wie kann das sein? Hinweise für eine Antwort mag uns der bereits genannte Didier Eribon geben, dessen autobiographischer Essay „Rückkehr nach Reims“ in diesem Jahr auch in Deutschland zu einem Bestseller wurde. Eribon stammt aus einer Arbeiterfamilie in Reims, in der früher alle mit größter Selbstverständlich die französischen Kommunisten wählten. Nun geben seine Mutter und seine Brüder ihre Stimmen dem Front National, der Le Pen-Partei, die programmatisch mit der AfD einiges gemein hat. Warum stimmen diese Menschen für eine Kraft, für die sie früher nur Verachtung übrig hatten? Eribon nennt es „eine Art politischer Notwehr“ von Menschen, deren Würde sogar von jenen mißachtet werde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hätten. „Entwürdigt fühlen sich die Menschen vor allem dann, wenn sie sich als quantité negligable, als bloßes Element politischer Buchführung und damit als ein stummer Gegenstand politischer Verfügungen vorkommen“, so der Soziologe, der sich selbst der „Klassenflucht“ bezichtigt, weil er alles dafür getan habe, sich von seinen kulturellen Wurzeln zu entfernen. Der Linken in seinem Land wirft er selbiges vor.

Ebenso deutlich wurde Eribon in einem Interview für das Portal „Zeit-Online“ vom Juli 2016: „Es ist natürlich wahr, daß es in der Arbeiterklasse Rassismus und Homophobie gibt. Das sind sicher keine Engel, auch meine Familie hat rassistische Ansichten. Aber meine Familie war auch schon rassistisch, als sie noch die Kommunisten gewählt hat. Sie sind heute nicht mehr oder weniger rassistisch als früher. Um also auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, warum meine Mutter gegen ihre eigenen Interessen stimmt: Wenn es eine linke Partei gäbe, von der sie sich repräsentiert fühlte, würde sie auch jederzeit für diese Partei stimmen, selbst wenn sie sich für die Rechte von Schwulen und ethnischen Minderheiten einsetzt. Niemand wählt eine Partei, weil er mit ihr in jedem einzelnen Punkt übereinstimmt.“

Jeder Vergleich hat einen Hinkefuß, so auch der zwischen deutschen und französischen Verhältnissen. In der Plattensiedlung von Hohenschönhausen ist es längst nicht so weit wie in den Banlieu, den Hochhaussiedlungen in Vororten französischer Großstädte, die von anfangs begehrten Wohnorten zum Auffangbecken für die Ausgestoßenen, ganz gleich ob Franzosen oder Einwanderer, und zum Schauplatz grassierenden Drogenhandels und -konsums, von Bandenkriminalität und verzweifelten Gewaltausbrüchen perspektivloser Jugendlicher geworden sind. Es geht um die Richtung, in die sich die Dinge bewegen. Und darum, ob es zur Strafe wird, an einem bestimmten Platz zu leben.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Suhrkamp. Berlin 2016, 240 Seiten, 18 Euro

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