Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Vom letzten Polyhistor

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 28): Bei Arno Peters

Von Holger Becker

Er war einer der wirklich interessanten und wichtigen Deutschen des 20. Jahrhunderts. Auch wenn seinen Namen nur noch wenige kennen, zählt er zu den Menschen, die uns besondere Möglichkeiten gegeben haben, unseren Blick auf die Welt zu schärfen und, wo nötig, zu ändern. Wir reden von Arno Peters, der am 22. Mai 1916 in Berlin geboren wurde und der am 2. Mai 2002 in Bremen starb. Man kann nicht früh genug mit der Erinnerung daran beginnen, daß sein 100. Geburtstag bevorsteht. Vielleicht merkt es ja noch die eine oder der andere. Die Hoffnung liegt vor allem auf der Freien und Hansestadt Bremen, den Historiker und Kartographen zu würdigen, der recht lange in ihren Mauern lebte. Fritz Fischer jedenfalls – an seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ über die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkrieg arbeiteten sich jüngst Historiker und Politologen mit ihren Theorien ab, nach denen 1914 alle Parteien quasi schlafwandelnd in die große Katastrophe geschlittert seien – nannte ihn den „letzten Polyhistor“.

Der Polyhistor, so wissen wir, ist ein Universalgelehrter, der auf verschiedenen Gebieten bedeutende Leistungen vollbringt. Als Beispiele für solche Wunderknaben werden oft Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Wolfgang Goethe oder Alexander von Humboldt genannt. Warum Peters?

Nun, seine wohl wichtigste Erfindung ist eine Neuerung in der Geschichtsschreibung, wobei „Schreibung“ schon ein falsches Wort ist: Arno Peters´ „Synchronoptische Weltgeschichte“, die 1952 erstmals herauskam. Dabei handelt es sich um einen Zeitatlas, der die Jahrhunderte vom 30. vor unserer Zeitrechnung bis in die Gegenwart auf großformatigen, durch kunstreiche Falzung miteinander verbundenen Tafeln im immer gleichen Maßstab abbildet, auf farblich unterschiedenen Zeitbändern für Wirtschaft (inklusive Wissenschaft und Technik), Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen und das Leben bedeutender Personen. Auf diesen Bändern finden sich über 10.000 Eintragungen zu den wichtigsten geschichtlichen Tatsachen aus allen Ländern der Erde. Das 1970 um einen umfangreichen Indexband erweiterte Werk, ermöglicht es, per Anschauung zu erfassen, was in der Geschichte gleichzeitig sowie nacheinander passierte. Die Verknüpfung wird dem selbständig denkenden Betrachter überlassen, und das Merken von Geschichtszahlen erübrigt sich sowieso.

Peters, der dieses ungemein beeindruckende Anschauungsbuch zusammen mit seiner ersten Frau Anneliese entwickelte, revolutionierte mit ihm die Darstellung der Universalgeschichte. Denn aufgehoben sind hier:

• die in herkömmlichen Weltgeschichten geübte Verzerrung des Raums, die in der allgemein üblichen Konzentration auf die Geschichte Europas besteht,

• die bisher praktizierte Verzerrung der Zeit, die sich in der besonderen Aufmerksamkeit für die letzten 500 Jahre „abendländischer“ Geschichte ausdrückt,

• die Vernachlässigung der Kulturgeschichte, gegenüber der ansonsten immer die Beschäftigung mit Politik und Krieg den Vorrang hat,

• die Vorrangstellung der Reichen und Mächtigen als Akteure der Geschichte, die sich in herkömmlichen universalgeschichtlichen Werken unweigerlich findet.

Wie kann einer auf soetwas kommen? Bei Arno Peters ist für die Antwort ein Blick in die Kindheit und die Jugend nötig: Der Sohn aus einem sozialdemokratisch/kommunistischen Elternhaus – seine Mutter Lucy hatte unter anderem August Bebel als Sekretärin gedient, sein Vater Bruno in der Novemberrevolution 1918/19 zu den Getreuen Karl Liebknechts gehört – fing sich Anfang der 1930er Jahre bei einer Reise in die Sowjetunion den Polio-Virus ein und erkrankte schwer an der Kinderlähmung. Lange mußte er im Bett bleiben, und als er wieder aufstehen konnte, waren die Nazis an der Macht. Statt des Abiturs nahm die Familie nun für Arno eine Fotografenlehre in Aussicht, was aber auch auf Hindernisse stieß. Denn die jüdischen Inhaber des Ausbildungsbetriebes mußten fliehen, meldeten sich aber aus New York und schlugen vor, die Ausbildung von dort aus zu organisieren. So schickten sie Geld, für das Arno sich 1936 Eintrittskarten für die Olympischen Spiele in Garmisch-Partenkirchen und Berlin kaufen sollte. Der Plan funktionierte. Der offenbar für die Kamera sehr talentierte Junge wurde Fotograf. Seine Negative schickte er aus Deutschland nach New York, wo seine Lehrmeister Bilder davon an große US-Magazine verkaufen konnten, erzählt Tell Schwandt, der in Berlin lebt und die Familiengeschichte kennt. Seine Großmutter war die Schwester der Mutter von Arno Peters.

Einen Teil der Honorare legte die Firma in New York für den jungen Mann zurück, der schließlich sogar über den Atlantik reiste. Eigentlich sollte er sich in den USA als Fotograf vervollkommnen. Doch Arno zog es zum Film. Es gelang ihm, in Hollywood eine Stelle als Produktionsassistent zu ergattern. In der Traumfabrik an der Pazifikküste lernte er nun die modernsten Techniken der Produktion von Tonfilmen kennen. Woraus er nach seiner Rückkehr nach Deutschland Kapital schlagen konnte. Denn nun machte er bei den großen deutschen Filmfirmen wie Ufa, Bavaria und Tobis die Hollywood-Methoden bekannt. Welche Rolle dabei Joseph Goebbels´ Propagandaministerium spielte, das für den Film zuständig war, wissen wir nicht. Aktenkundig ist: Seinen ersten Film produzierte Peters 1941 bei der Tobis, es war der Musikfilm „Immer nur du“ mit Johannes Heesters, Dora Komar und einigen anderen Berühmt- heiten als Darsteller. Noch immer bekannt ist das Lied „Man müßte Klavierspielen können“ aus diesem Streifen.

Nun, versehen mit Geld und wohl auch dem nötigen Vitamin B, gelang es Peters, das Abitur nachzuholen und an der Berliner Universität Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften zu studieren. Der Clou: Was er in Hollywood gelernt hatte, wandte er nun an. Wie in den Produktionsbüchern, die parallel zum Drehbuch eines Films aufzeichnen, welche Darsteller, welche Technik, welche Kulissen wo und wann sein müssen, zeichnete er sich Balkendiagramme, die sowohl die Gleichzeitigkeit wie das Nacheinander historischer Ereignisse veranschaulichten. Daraus sollte später die „Synchronoptische Weltgeschichte“ werden.

Wie Karl Valentin sagte: Bei jedem Schaden ist auch ein Nutzen. Ohne seine schlimme Erkrankung als Teenager hätte es Peters´ großes Geschichtswerk sicher nicht gegeben. Ansonsten aber bescherte die Kinderlähmung ihm für das weitere Leben einen Hinkefuß. Schwimmen, Segeln und Radfahren waren deshalb seine Sportarten, die er mit Inbrunst betrieb. Es war nicht so leicht, auf dem Drahtesel mit ihm gleichauf zu bleiben, wie der Reporter Mitte der 1990er Jahre bei einer scharfen gemeinsamen Spazierfahrt im Bremer Rhododendron-Park erfuhr.

Die Kraft, die er so aufbaute, brauchte er im permanenten Kampf für seine wissenschaftlichen Anschauungen. Fast vergessen ist heute: Um die „Synchronoptische Weltgeschichte“, die Peters als ein geschichtliches Lehrmaterial konzipierte, das im Westen wie im Osten nutzbar sein sollte, drehte sich in den 1950er Jahren der größte Buchskandal der Bundesrepublik. Hatte die US-amerikanische Besatzungsmacht die Herausgabe von Peters´ Zeitatlas 1949 mit 200.000 DM noch kräftig gefördert, drehte sich der Wind, als die McCarthy-Hysterie über den Atlantik griff. Nachdem die von den US-Behörden herausgegebene „Neue Zeitung“ das Werk anfänglich gelobt hatte, verriß sie es plötzlich 1952, weil sich durch den Zeitatlas ein „knallroter Faden“ ziehe. Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Westberlin, die es schon als Schulbuch eingekauft hatten, ruderten zurück. Ein heftiger öffentlicher Streit entbrannte, in dem Peters Thomas Mann zur Seite stand. Unterdrücken ließ sich sein Werk, von dem der Atomphysiker Otto Hahn meinte, es ersetze eigentlich ein großes Konversationslexikon, nicht. Aber Schulbuch wurde es nur in Frankreich, nicht aber auch in der DDR, deren Verantwortliche es ablehnten, weil es nicht mit den Schablonen einer vermeintlich marxistischen Sicht der Geschichte übereinstimmte.

Heute ist die „Synchronoptische Weltgeschichte“ auch in einer elektronischen Ausgabe als „Der Digitale Peters“ zu haben – was sich ganz sicher durchsetzen wird, bietet der Computer doch ganz neue Möglichkeiten der Darstellung und auch Verknüpfung mit Arno Peters‘ zweiter großer Innovation: der Peters-Projektion. Als Kartograph nämlich hatte er sich daran gemacht, sein Prinzip der Entzerrung von der Geschichte der Erde auf die Darstellung von deren äußerer Gestalt zu übertragen. Er entwickelte eine Karte unserer Welt, die diese plötzlich ganz anders aussehen ließ als bisher, weil sie Land und Meer weitgehend flächentreu abbildet. Afrika und Südamerika zum Beispiel zeigten sich nun in ihrer wahren Größe. Wie Peters selbst sagte, wollte er damit den Eurozentrismus in der Kartographie überwinden, dem die herkömmliche Mercator-Projektion gefolgt sei als „Ausdruck des geographischen Weltbildes im Zeitalter des Kolonialismus“. Die 1973 vorgestellte Peters-Karte erschien bald auf den Berichten der von Willy Brandt geleiteten Nord-Süd-Kommission und fand auch gegen den Widerstand fachidiotisch gepolter Kartographen weltweite Verbreitung. Ihr Schöpfer ergänzte sie dann 1989 um den Peters-Atlas, der alle Staaten und Kontinente im gleichen Maßstab abbildete und außerdem einen großartigen Mehrwert an Information bot: 246 „sprechende Weltkarten“, die einen bis dahin nicht gekannten Überblick ermöglichten, wie sich was auf unserer Erde verteilt: Niederschläge und Sonnenschein, Sprachen und Religionen, Wissenschaft und Bildung, Lebenserwartung und Gesundheit, Bodenschätze und Industrieproduktion, Arbeitslosigkeit, Kinderarbeit und Prostitution, Erwerbsstruktur und Gesellschaftsordnung.

Arno Peters scheint es immer um Fairneß gegangen zu sein: Damit Menschen auch ohne Notenkenntnis Klavier spielen können, entwickelte er eine 1984 am Mozarteum in Salzburg präsentierte neue musikalische Notation, die Töne in Farben übersetzte. Die Bundesrepublik mahnte er mit aufsehenerregenden öffentlichen Initiativen gleich zweimal – 1964 und 1989 –, ihre Schulden bei den DDR-Bürgern für die Reparationen zu begleichen, die der Osten Deutschlands allein an die Sowjetunion geleistet hat. Die Weltwirtschaft schließlich wollte er darauf ausrichten, für die Bedürfnisse der Menschen zu produzieren statt sich im Chaos von Angebot und Nachfrage einzurichten. Dazu forschte er nach einer Ökonomie, in der Waren streng nach dem in ihnen enthaltenen Wert ausgetauscht werden sollten („Äquivalenzprinzip“). Und mit einem Berliner Freund diskutierte er die Möglichkeiten, die das Computerzeitalter einer auf Planung statt auf Konkurrenz basierenden Wirtschaft eröffnen könnte. Konrad Zuse hieß der Mann, auf dessen Fachverstand Arno Peters baute, weil der ja den ersten funktionsfähigen Computer der Welt erfunden hatte.

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