Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wunsch und Wirklichkeit

Alters- oder behindertengerecht wohnen – für viele ein unerfüllbarer Traum

Alters- oder behindertengerechte, barrierearme oder -freie Wohnungen sind Mangelware. In manchen Gegenden müssen Umzugswillige lange darauf warten. Doch die meisten älteren Menschen, so die Erfahrung von Wohnberaterin Bärbel Hälbig in Leipzig, möchten gar nicht ausziehen, sondern in ihrem gewohnten Umfeld bleiben.

Was das Leben lehrt, wird auch von Studien bestätigt, wie der repräsentativen Erhebung „Wohntrends 2030“ im Auftrag des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. (GdW). Danach möchten Senioren am liebsten in ihrer jetzigen Wohnung, so wie sie ist, alt werden. Das sagen 60,6 Prozent der 60- bis 69jährigen, 65 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und sogar 84 Prozent der über 80jährigen. Diesen Wunsch haben von den unter 60jährigen nur 44 Prozent.

Wenn der Verbleib so nicht möglich ist, würden Senioren größtenteils lieber ihre jetzige Wohnung auf die spezifischen Bedürfnisse im Alter anpassen als umzuziehen. Nur die über 80jährigen würden es bevorzugen, in eine speziell altersgerecht ausgestattete Wohnung zu ziehen, anstatt ihre jetzige umbauen zu lassen.

Doch zwischen Angebot und Bedarf klafft eine schier unüberbrückbar scheinende Lücke. Zirka 40 Millionen Wohnungen bundesweit stünden bisher nur 1,4 Millionen weitgehend barrierefreie Wohnungen gegenüber, also etwa 3,5 Prozent, konstatierte kürzlich Dr. Jörg Lippert vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen BBU auf einer Tagung. „In Brandenburg liegt der Bedarf an barrierearmen und barrierefreien Wohnungen nach der genannten Studie bei 79.000 Wohnungen und der heutige Bestand bei 45.000 Wohnungen. Dies ergibt einen rein rechnerischen Fehlbedarf von 34.000 Wohnungen.“

Doch wie sollte eine alters- bzw. behindertengerechte Wohnung aussehen, damit man dort noch viele Jahre leben kann? Unrealistisch hohe Ansprüche an Bestandsbauten sind in der DIN-Norm 18040-2 für barrierefreien Wohnraum vorgesehen. Graue Theorie, die keiner bezahlen oder umsetzen kann, meinen Vertreter vom BBU und Wohnberaterin Hälbig: Und neu erbaute barrierefreie Wohnungen nach DIN-Norm könnten sich Leute, die bei ihr anklopfen, nicht leisten.  Mancher muß von einer schmalen Erwerbsminderungsrente leben oder hat sozialrechtliche Ansprüche. Acht bis zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter seien entschieden zu viel.

Was auf der Wunschliste steht
Die Praktiker pochen auf machbare Lösungen, gerade im Altbaubestand, die weder Mieter noch Vermieter überfordern. „Eine bodengleiche Dusche steht ganz oben auf der Wunschliste. Unüberwindbare Schwellen müs-sen entfernt, manchmal sogar Türen und Eingänge verbreitert werden“, sagt Wohnberaterin Hälbig. Seit 20 Jahren macht sie diesen Job – mit Leidenschaft, wie sie betont. Sie kennt die Bedürfnisse älterer oder gehandicapter Mieter aus dem Effeff: „Damit Menschen mit Rollator oder Rollstuhl sich frei in ihrer Wohnung bewegen können, sollte der Bewegungsradius 1,20 bzw. 1,50 Meter betragen. Oft werden für mehr Selbständigkeit im Alltag auch erhöhte WC-Sitze benötigt, Halte- und Stützgriffe im Bad, Handläufe in der Wohnung, Badewannenlifter.“

Am tatsächlichen Bedarf ihrer älteren Mieter hat sich in Berlin die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE orientiert, als sie ein früheres Studentenwohnheim komplett sanierte und umbaute: 83 Wohnungen und eine Senioren-WG sind entstanden. Nach kurzer Zeit war alles vermietet. Das spreche für den hohen Bedarf und die Zufriedenheit der Mieter, betont die stellvertretende HOWOGE-Pressesprecherin Rilana Mahler.

Bei durchschnittlich 6,50 Euro liegt laut Angaben von Mahler die Kaltmiete in der genannten Anlage. 2 Euro pro Quadratmeter müßten zusätzlich für Betriebskosten aufgebracht werden, die dank energetischer Sanierung in erträglichem Rahmen bleiben. Noch einmal 90 Cent pro Quadratmeter kommen hinzu für den Conciergeservice. Rilana Mahler: „Wir bauen für breite Schichten der Bevölkerung, so daß die Mieten für seniorengerechte Wohnungen in der Regel nicht höher als für ‘normale‘ Wohnungen sind.“

Reicht das Geld?
Bei Neubauprojekten favorisiert die Wohnungsbaugesellschaft generationenübergreifende Quartiere, wo jung und alt gemeinsam leben. Dort gebe die Landesbauordnung vor, wie viele Wohnungen barrierefrei errichtet werden müssen, erläutert Rilana Mahler. Darüberhinaus prüfe man ständig, ob sich Bestandsgebäude für seniorengerechte Wohnungen eignen.

In einer WBS-70-Wohnung, wie es sie in den neuen Bundesländern wohl hunderttausendfach gibt, sind alters- und behindertengerechte Umbauten besonders schwierig umzusetzen, sagt Bärbel Hälbig. Was machbar ist, das schaut sie sich vor Ort an, bespricht es mit den Mietern und Vermietern. Letztere  müssen ihre Zustimmung zu Umbauten geben, was nach Hälbigs Erfahrung oft gelingt. Sind Eingriffe in die Statik nötig, werden außerdem Bauingenieure zu Rate gezogen.

Ältere, gesundheitlich beeinträchtigte Menschen wenden sich genauso an sie, wie Jüngere mit einer Behinderung. Die Beratung und Begleitung der Baumaßnahme bis hin zur Abnahme ist in Leipzig kostenlos, Hälbig ist bei der Stadt angestellt. Das ist längst nicht überall so. Seit 2001 arbeitet sie ehrenamtlich im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung e.V. – dem Zusammenschluß der Wohnberater und Wohnberatungsstellen in Deutschland – mit, kennt die Bedingungen in anderen Bundesländern.

Ob der alters- oder behindertengerechte Umbau gelingt, ist oft eine Frage der Finanzierung. Ein Mix aus mehreren Quellen habe die größte Aussicht auf Erfolg, ist Bärbel Hälbigs Erfahrung: Dabei geben die umbauwilligen Mieter einen Teil ihrer Ersparnisse; die Vermieter finanzieren häufig auch einen Teil der Maßnahmen. Und wer eine Pflegestufe hat, kann seit 2015 mit einen Zuschuß von 4.000 Euro von der Pflegeversicherung für notwendige Umbauten rechnen. „Damit kommt man schon weit, kann auch mehrere Vorhaben stemmen.“

Für schwer umsetzbar hingegen hält Bärbel Hälbig die Förderprogramme der KfW für den altersgerechten Umbau der Mietwohnung: „Das sind meist Darlehen. Man muß die Hausbank fragen, und diese lehnt häufig ab; entweder, weil sie andere, eigene Produkte verkaufen will, oder auch, weil Kunden in fortgeschrittenem Alter grundsätzlich kaum noch Kredite gewährt bekommen.“ Für den Einzelhaushalt jedenfalls, für die individuelle Wohnungsanpassung erweise sich ein KfW-Darlehen als nicht hilfreich.

Nachdenklich stimmt das Resümee von Bärbel Hälbig: Trotz allen Engagements in der Wohnberatung müssen zwei Drittel aller Menschen, die bei ihr Rat suchen, den Traum von einer Wohnung ohne Barrieren aufgeben – viel zu oft, weil die persönlichen Finanzen das nicht zulassen oder der Wohnungsmarkt nichts entsprechendes bietet.     

Kerstin Große

 

 

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