Verband Deutscher Grundstücksnutzer

"Wir wollen mitbestimmen, wie die Zukunft aussieht!"

Windpark-Projekt in Königs Wusterhausen: Bürger fordern Rücksicht und Ausgleich


Windkraft ist in Königs Wusterhausen, 30 Kilometer südlich von Berlin gelegen, kein neues Thema.

Im Jahre 2004 erregte der Plan, zehn Windräder mit einer damals spektakulären Höhe von 150 Metern in dem kleinen Ortsteil Kablow zu errichten, die Gemüter. Protestierende Bürger verschafften sich Gehör. Die Stadt bediente sich gerade noch rechtzeitig der Bauleitplanung, verhängte eine Veränderungssperre. Man wolle Zeit gewinnen, um auf einen Ausgleich zwischen den „berechtigten Interessen der Einwohner” und dem Investor hinzuwirken, hieß es. Schließlich hörte man nie wieder etwas von Windrädern in Kablow.

Nun gibt es ein neues Projekt. Die Ausmaße sind gigantisch. 47 Windräder, jedes an die 190 Meter hoch, sollen nach den Vorstellungen des Investors Enertrag in einem Kiefernwald aufgestellt werden. Die Ortsteile Wernsdorf, Zernsdorf und Niederlehme am nordöstlichen Rand von Königs Wusterhausen wären betroffen. Und auch das im Nachbarkreis gelegene Neuzittau soll etwas abbekommen. Für den Windpark müßten massenweise Kiefern abgeholzt werden. Um die Kolosse an ihren Standort zu bringen, sie zu warten, werden riesige Schneisen geschlagen werden müssen. Ein Landschaftsschutzgebiet soll für den Standort geopfert werden – bislang ein K.O.-Kriterium für Windkraftanlagen im Land Brandenburg.

Der Investor sagt, er wolle für Transparenz sorgen, eine offene Kommunikation pflegen. Punkt 1 der vertrauensbildenden Maßnahmen: Mehrere Busse standen für Interessierte bereit, um im Dorf Schönfeld in der Uckermark, weit im Norden Brandenburgs, einen Windpark zu besichtigen und von den Schönfeldern zu hören, wie gut es sich mit und von den Windrädern leben läßt. Indes: Ein ganzer Bus blieb leer. Dafür ist einen Tag später der Stadtsaal bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, mit mehr als 200 Einwohnern. Die Stadt hatte zum Bürgerforum geladen und viele kamen, meist mit Wut im Bauch. Etliche unter ihnen waren vor Jahren von Berlin aufs Land gezogen, um mehr Ruhe und Natur zu haben. Zwei Hiobsbotschaften stören diesen Traum: Flugzeuge vom nahen, noch im Ausbau befindlichen Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) sollen künftig in wenigen hundert Metern Höhe über ihre Häuser donnern. Im Minutentakt. Und nun die Nachricht vom Windpark vor der Haustür.

Mit Werner Diwald schickte der Investor einen demonstrativ gelassenen Vertreter ins Bürgerforum. Punkt 2 der vertrauensbildenden Maßnahmen. Diwald stellt die Vorzüge der Windkraft im allgemeinen dar: „Es gibt nichts Günstigeres in Deutschland“, „Zukunft für Brandenburg“. Und er zeigt sich verständnisvoll: „Ja, wir wissen, es gibt große Akzeptanzprobleme, Sorgen, Ängste...“

Die artikuliert Thomas Kubisch stellvertretend für einen Großteil der Betroffenen im Saal. Damit landet er den Coup des Abends. Das war in der Tagesordnung nicht vorgesehen, daß die Bürger derart wohlorganisiert und -überlegt ihre Sorgen und Ängste, aber auch ihre Erwartungen und Forderungen benennen. Sie hatten sich bereits im zeitigen Frühjahr zusammengetan und das weitere Vorgehen beraten, sich schließlich gemeinsam auf das Bürgerforum vorbereitet. So wird das anfangs ausgegebene Motto, Pro und Contra zu diskutieren, auf wunderbare Weise wahr: Die Bürger kommen nicht als Bittsteller, sondern auf gleicher Augenhöhe, als ernstzunehmender Partner! Sie wollen mitbestimmen, wie ihre Zukunft aussieht, fordert Kubisch.

Inwieweit sie tatsächlich Einfluß nehmen können, wird auch an diesem Abend nicht klarer. Der Bürgermeister Dr. Lutz Franzke sagt nur, die Stadt werde „nicht alles durchsetzen können“. Sind die Erwartungen der Bürger an ihre Stadt, ihre gewählten Vertreter wirklich zu hoch?

Sie wissen inzwischen, daß es schwer wird, den gigantischen Windpark vollends aus der Landkarte zu radieren. Bereits vor Jahren gab es von der Regionalen Planungsgemeinschaft Lausitz-Spreewald, wo Bürgermeister und Landräte der Region Stimmrecht haben, grünes Licht für einen Teil des geplanten Windrad-Territoriums. Damit hat der Investor schon einen Fuß in der Tür. Geht es nach dem Unternehmen, sollen weitere Flächen hinzukommen, damit das Projekt in der geplanten Dimension realisiert werden kann. Denn, Diwald gibt es freimütig zu, es sei ihre „Pflicht, wirtschaftlich zu handeln“. Und setzt noch eins drauf: Für die vorgesehene „Flächenkulisse“ sei das „Konfliktpotential am geringsten“.

Die Mehrheit im Saal quittiert das mit wütenden Kommentaren. Tosender Beifall dagegen für Thomas Kubisch, der sagt, daß kaum einer etwas gegen die Nutzung der Windenergie hat. Was ihnen fehlt, ist Rücksichtnahme auf ihre Interessen. „Jeder hat ein Recht auf den Schutz seiner Unversehrtheit!“ sagt Kubisch und listet den Katalog an Forderungen auf: Vor dem Lärm, den Windräder erzeugen, sollten die Menschen besser geschützt werden. Ein Abstand von 1.000 Metern von den Häusern, wie ihn das Land empfehle, sei bei 190 Meter hohen Anlagen viel zu wenig. Deshalb regen die Betroffenen eine Untersuchung der zu erwartenden Lärmemissionen an.

Pflicht sei es, Argumente zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Infraschalls, den Windräder erzeugen, ernstzunehmen.

Beim Brandschutz offenbaren sich viele Risiken, auf die Windkraftbetreiber bislang keine befriedigende Antwort haben. Keiner sage, wie viele Kiefern dem Windpark weichen müssen. Für den Aufbau der Windkraftanlagen müßten tragfähige Trassen im Wald entstehen. Boden werde in Größenordnungen verdichtet, ernste Auswirkungen auf den Wasserhaushalt stehen zu befürchten.

Die Bäume binden zudem große Mengen an Kohlendioxid, ein Abholzen wäre Frevel. Ihre natürliche Umgebung zu erhalten ist auch angesichts des zu erwartenden Fluglärms und möglicher Kerosinbelastung für die Bürger unverzichtbar. An anderer Stelle Bäume zu pflanzen, nützt den Betroffenen nichts, stellen sie klar.

Seeadler, Kranich und andere seltene Tiere haben ihren Lebensraum in dem Gebiet, Windräder würden sie stören und vertreiben. Kubisch pocht auf die im Erlaß des Landesumweltministeriums festgelegten Schutzzonen gerade für bedrohte Flora und Fauna.

Sein Resümee: Die Risiken des Projektes für Mensch und Natur sind immens. Dazu kommt, daß Windpark-Anrainer große Verluste des Wertes und der Funktion ihrer Grundstücke und Häuser erwarten.

Wie können diese Schäden ersetzt werden? Mit dieser Frage beschließt der Vertreter der Interessengemeinschaft Wernsdorfer Bürger seinen Vortrag. Eine Antwort darauf bleiben die Befürworter des Windparks an diesem Abend schuldig. Zu gegebener Zeit wird das Thema wieder auf den Tisch kommen. Die kämpferische Stimmung der Betroffenen läßt daran keinen Zweifel.

Kerstin Große

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