Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wasserschlacht am Gartenzaun

Vom Nachbarstreit ins Strafverfahren. Was eine Richterin lebensklug entschied

Wer Nachbarn hat, braucht kein Fernsehen. Oft ist es so, manchmal noch schlimmer als das Fernsehprogramm und im vorliegenden Fall sogar Gegenstand eines Strafverfahrens. Gewesen, darf man sagen. Mit glücklichem, ja überraschendem Ausgang.

Passiert war folgendes: Der eine Nachbar zeigte den anderen an, weil der mit seinem Gartenschlauch über den Gartenzaun – aus Ärger über provozierende Grillvorgänge auf dem Nachbargrundstück – gespritzt und dabei einen viermonatigen Säugling getroffen haben soll. Billigende Inkaufnahme der Säuglingsvernässung wurde dem mutmaßlichen Schlauchmißnutzer unterstellt und angegeben, daß der junge Erdenbürger einen Schock erlitt und lange nicht beruhigt werden konnte. Nach Angaben des Angezeigten allerdings handelte es sich um eine veritable Wasserschlacht, geführt von den Parteien beiderseits der Demarkationslinie. Die unfreiwillige Neptuntaufe des Säuglings gehörte wahrscheinlich zu den Kollateralschäden, wie heutige Militärs es nennen, dieser feuchten Bataille.

Körperverletzung stand dann – neben einer Forderung von 450 Euro – als Vorwurf auf dem Strafbefehl, den der beschuldigte Nachbar seinem Rechtsanwalt Jürgen Naumann in Berlin-Mitte vorlegte. Zum Glück für ihn. Denn der Anwalt reichte Widerspruch ein und führte so eine Verhandlung vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten herbei, bei der sechs Zeugen erschienen und eine umfangreiche Stellungnahme des Verteidigers auf dem Richtertisch lag, in der er nicht zuletzt auf folgendes hinwies: Im Falle dieser Streithähne mit gemeinsamer Grundstücksgrenze ist von einem langzeitgestörten Nachbarschaftverhältnis auszugehen. Schon öfter hatte man deshalb die Polizei und andere Schlichtungskräfte bemühen müssen.

Diese zu Verhandlungsbeginn noch einmal vorgetragene Auffassung zum Zerrütungszustand der nachbarlichen Relationen fand die Billigung der jungen Richterin, die zur Allgemeinverblüffung der Anwesenden nebst Staatsanwalt einen lebensklugen Vorschlag machte: Angehört werden sollten beide Streithähne, das aber nicht zum Vorwurf der angeblichen Körperverletzung, sondern zu den Ursachen für die Dauerstörung ihrer zwischenmenschlichen Beziehung. Gesagt, getan. Beide Herren, jeder mit seinen rund 60 Jahren dem Jugendalter inzwischen entwachsen, legten ihre Ansicht zu dem so temperamentvoll ausgetragenen nachbarlichen Kleinkrieg dar. Woraufhin die Richterin den Verblüffungszustand im Saale noch zu steigern wußte. Denn nun schickte sie die Kombattanten dorthin, wo ansonsten das Gericht seine Entscheidungen zu fällen pflegt, ins das „Beratungszimmer“.

Hochroten Kopfes verließen sie den Saal und kehrten erst nach fünfundzwanzig Minuten wieder, bedankten sich bei der Richterin und erklärten, sie könnten sich jetzt allein behelfen, wenn es zu nachbarlichen Problemverhältnissen doch wieder kommen sollte. Auch der Verteidiger, dem so etwas noch nicht passiert, war voll des Lobes für die Richterin, bestärkte sie, auch künftig so zu denken.

Der Angeklagte wurde also freigesprochen. Was sicher in der Allgemeinheit Beifall finden wird. Schon weil die Verurteilung des einen die Verlängerung des Streites zwischen beiden und außerdem den kostenreichen Weg durch weitere gerichtliche Instanzen bedeutet hätte. Insofern – und auch weil über den Erkenntniswert der polizeilichen Ermittlungsprotokolle besser kein Wort verloren werden soll – hat die Berliner Landeskasse, der das Gericht die Kosten des Verfahrens überließ, ihr Geld recht günstig angelegt.

hbe

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