Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Hilflose Person angetroffen“

Leben und Wohnen im Alter: In dieser Situation sind Angehörige ohne Vorsorgevollmacht selbst ziemlich hilflos

Mit ihren 95 Jahren lebte Helene L.* noch zu Hause, in ihrer vertrauten Wohnung. Sie war stolz darauf, ihren Alltag weitgehend selbst bestimmen zu können. Ihre Kinder waren schon Mitte 70 und nicht mehr ganz gesund. So sprang der in der Stadt wohnende und beruflich stark eingespannte Enkel Andreas L.* oft ein, wenn Hilfe nottat.

Wann immer es möglich war, besuchten die Angehörigen die alte Dame, luden sie zu einer kleinen Ausfahrt oder zum gemeinsamen Essen ein. Das ging ewig gut so und keiner konnte sich vorstellen, daß jemals eine andere Situation eintreten könnte.

Bis bei Enkel Andreas L. mitten in der Nacht das Telefon schrillte: Die Polizei teilte dem noch schlaftrunkenen Mann mit, seine Oma sei in verwirrtem Zustand hilflos in der Wohnung aufgefunden worden. Tabletten, die sie wegen einer akuten Bronchitis einnehmen mußte, hatten wohl dazu geführt, daß die sonst recht fitte Frau zusammengebrochen war. Noch eine Woche zuvor waren sie zusammen essen gewesen.

Und nun mußte sie ins Krankenhaus. Sie verstand nicht, was mit ihr geschah, wo sie war. Den Ärzten und Pflegern konnte sie keine Auskunft über sich geben. „Haben Sie eine Vorsorgevollmacht für Ihre Großmutter?“ fragten die Ärzte Andreas L., der nun im Interesse seiner Oma entscheiden sollte. Nein, die konnte er nicht vorweisen. Lediglich eine Betreuungsverfügung hatte  Helene L. vor längerer Zeit ausgefüllt und dem Enkel übergeben – damit nicht irgendwann einmal ein fremder Betreuer für sie vom Gericht eingesetzt würde.

Doch die Betreuungsverfügung nutzte im Krankenhaus rein gar nichts. Dort waren ganz andere, medizinische und pflegerische, auch soziale Fragen zu klären: Welche Behandlung ist angebracht, wie können Beschwerden gelindert werden? Und wie sollte es nach dem Krankenhausaufenthalt weitergehen?

So wollte Helene L., als es ihr etwas besser ging, unbedingt nach Hause – gegen den dringenden Rat ihrer Ärzte und ohne Einsicht in ihre gesundheitliche Situation.

Angesichts der sich abzeichnenden Pflegebedürftigkeit empfahlen die Mediziner, die Patientin im Pflegeheim unterzubringen. Der Platz war relativ schnell gefunden – ein großes Glück. Doch nun ging der Ärger für Andreas L. erst richtig los: Ein Antrag auf Pflegestufe mußte für die Großmutter gestellt werden. Für die Aufnahme im Heim waren Formulare auszufüllen und ein Vertrag abzuschließen. Die Mietwohnung von Frau L. mußte gekündigt werden. Nicht zu vergessen: Bank, Telekom, Kabel-TV und und und – alle wollten sie Unterschriften sehen. Helene L. war damit überfordert. Und Enkel Andreas L. wollte vieles regeln, kam ohne notarielle Vorsorgevollmacht aber oft nicht weiter: „Das ist schwer auszuhalten: einerseits der seelische Streß, den die Krankheit und Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen in der Familie auslöst, andererseits ein wachsender Berg ungeklärter Fragen – und keine rechte Lösung in Sicht“, schildert er die vertrackte Situation. Ohne den guten Willen und das unbürokratische Herangehen manches Beteiligten hätte es überhaupt keinen Fortschritt gegeben, betont er.

Schließlich wurde ein Betreuungsverfahren vor Gericht eingeleitet. Es sollte dafür sorgen, Andreas L. mit den nötigen Befugnissen auszustatten, anstelle seiner Großmutter zu handeln. Auch das zog sich über viele Wochen hin.

Eine notarielle Vorsorgevollmacht hätte die Familie und vor allem Andreas L. vor mancher Belastung bewahren können – und dafür gesorgt, daß nur die wirklich wichtigen Fragen im Vordergrund stehen.

Eine Erfahrung, die er anderen ersparen möchte. Sein Rat an alle – jung oder alt –, die sich um ihre Angehörigen oder auch nahen Freunde kümmern wollen, wenn diese dringend Hilfe brauchen: „Nicht zögern! Am besten noch heute eine Beratung zur Vorsorgevollmacht vereinbaren – und das Dokument dann auch ausfüllen. Die Zeit sollte man sich nehmen.“

Kerstin Große

(* Namen von der Redaktion geändert)

 

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