Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Mit und ohne Hintergrund

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 25): Auf dem Revier der Sprachpolizei

Von Holger Becker

Am Abend des 22. März 2015: Vor einem auch an diesem Sonntag geöffneten Laden im östlichen Teil der Berliner Brunnenstraße sitzt eine ältere Frau, recht offensichtlich obdachlos, und raucht eine Zigarette. Aus dem Laden kommt ein drahtiger, vielleicht vierzigjähriger Mann mit tiefschwarzem Haar und dunklem Teint, vermutlich ausländischer Herkunft. Er bedeutet der Frau, sie solle nicht vor seinem Schaufenster herumlungern. Die Frau schimpft: „Du spinnst wohl. Ick koof doch ständich bei euch ein.“ Sie bleibt einfach sitzen, nichts weiter passiert.

Ginge es nach dem von der Herbert-Quandt-Stiftung, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und auch der Bertelsmann-Stiftung hochrangig gesponserten Verein „Neue Deutsche Medienmacher“ (NDM), wollte die Szene aus dem Skizzenbuch Berliner Zustände mit anderen Worten beschrieben sein. Dann wäre es ein Mann bzw. Deutscher mit Migrationshintergrund gewesen, der den Versuch unternahm, eine Frau bzw. Deutsche ohne Migrationshintergrund vom Gehsteig, der dem Geschäftsinhaber übrigens nicht gehört, vor seinem Laden zu vertreiben.

Was der NDM mit den Medien und deren Konsumenten machen möchte, hat er 2014 in einem „Glossar“ niedergelegt, das „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ enthält. Darin empfiehlt der Verein tatsächlich, in Fällen wie der berlinernden obdachlosen Berlinerin von „Deutschen ohne Migrationshintergrund“ zu sprechen und zu schreiben. Für die anderen, die mit dem „Migrationshintergrund“, sind nach Meinung der Glossar-Verfasser auch  Fügungen wie „Menschen aus Einwandererfamilien“ oder gar „Menschen mit internationaler Geschichte“ zulässig. Das soll zu einer Berichterstattung ohne sprachliche Diskriminierung führen.

Wird sich danach jemand richten? Es ist zu befürchten, wenn man daran denkt, wie schnell Deutschlands Zeitungen bei der von den meisten Deutschen abgelehnten Rechtschreibveränderung parierten, die letztlich nur den Geschäftsinteressen der Schulbuchverlage dienten, die konnten, juchhei, alles neu drucken, und des Hauses Bertelsmann, die sogenannte Reform brach, hurra, für seine Wahrig-Wörterbücher das Duden-Monopol.

Oder wenn man immer wieder lesen und hören muß, wie blödsinnig Medien das Adjektiv „international“ gebrauchen, so zum Beispiel, wenn sie vermelden „internationale Journalisten“ hätten dieses oder jenes aus Syrien oder China berichtet, obwohl sie doch sagen wollen, es seien Journalisten, die aus syrischer oder chinesischer Sicht aus dem Ausland stammen. Die Angst, Wörter wie „Ausland“, „ausländisch“ oder „Ausländer“ politisch unkorrekt zu verwenden und damit karrieretechnisch einen schweren Fehler zu begehen, wächst und entwickelt sich offenbar umgekehrt proportional zu den durchschnittlichen professionellen Fertigkeiten.

Oder wenn man daran denkt, wie peinlich genau Deutschlands führende Tageszeitung seit Jahren darauf achtet, Abkürzungen wie USA (United States of America) oder US (United States) aus den Spalten ihres Politikteils und Feuilletons zu verbannen. Offensichtlich gibt es bei der „Frankfurter Allgemeinen“ eine  Direktive, statt USA  „Amerika“ zu schreiben. Weiß der Fuchs warum, vielleicht soll es ja Good Vibrations, also gute Schwingungen erzeugen, trotz NSA, Guantanamo und alledem. Es führte jedoch dazu, daß neulich ein Korrespondent berichtete, in Ländern Südamerikas, wo die Gringos unbeliebt sind, grassiere der Antiamerikanismus.

Mit einem Wort wie „Großkampftag“ hat dieselbe Zeitung übrigens keine Probleme, allenthalben geistert es durchs Blatt von der Politik bis zum Sport. Ausgemacht wird ein „öffentlich-rechtlicher Großkampftag“, ein „Großkampftag am hessischen Verfassungsgericht“ oder ein „Großkampftag an der Börse“. Dabei wissen wir seit Victor Klemperers Buch „LTI“ über die Sprache des Dritten Reiches: Seine große Zeit hatte der „Großkampftag“ zwischen 1933 und 1945. Wer LTI gelesen hat, benutzt das kontaminierte Wort nicht, das außerdem sehr häßlich ist.

Es gibt halt einen Unterschied zwischen dem ebenso bequemen wie gedankenlosen Befolgen sprachpolizeilicher Vorgaben und bewußtem Sprechen und Schreiben, für das es Kenntnisse, Liebe zur jeweiligen Sprache und vielleicht auch zu deren Literatur, Geist und Geschmack, praktische Erfahrung bis hin zu guter Routine und vielleicht auch ein bißchen Mut braucht.

Doch bleiben wir mal beim „Migrationshintergrund“. Diese Fügung klingt nicht weniger scheußlich als „Großkampftag“. Wer mag denn so etwas in den Mund nehmen. Soziologen vielleicht. Aber Journalisten, die sich in Zeitungen, Funk und Fernsehen an ein großes Publikum wenden? Allenfalls lassen sich schiefe Reime damit schmieden wie „Wallenstein stand vor Stralsund, er hatte einen tschechischen Migrationshintergrund“.  Für die Alltagssprache, mit der Journalisten umgehen und um deren Wohl sie sich im guten Fall sorgen, taugt der „Migrationshintergrund“ nicht – und übrigens auch nicht für die Unterscheidung von Menschen „mit“ und Menschen „ohne“ denselben.

Wer in Deutschland  ist denn ohne? Der sogenannte Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, dieser stinkige Franzosen- und Judenfresser, bildete sich ein, es zu sein. Er erfand das deutsche „Volksthum“ und postulierte, daß es im deutschen wie in jedem Volk ein „unnennbares Etwas“ gebe, das von anno dunnemals bis in alle Zukunft Bestand habe, also auch den Deutschen im Blut liege.  Welch ein Quatsch. Man muß ja nicht in die Zeiten der Völkerwanderung zurücksteigen oder die der römischen Expansion bis zum Rhein oder die der slawischen Besiedlung Ostelbiens nach dem Wegzug germanischer Stämme, um zu begreifen, auch die schon etwas länger hier wohnenden Deutschen sind ohne Wanderungsbewegungen in der Vergangenheit, verbunden mit Krieg, Flucht, sozialer Not oder auch politischem Asyl, nicht zu denken.

Schauen wir nach Berlin und in einige ihm nahe Regionen, wo die meisten Ortsnamen mit -ow oder -itz enden und so ihre slawische Herkunft verraten. Noch Mitte des 17. Jahrhunderts wohnten in der späteren Hauptstadt Deutschlands nicht mehr als 4000 Menschen. Der Bevölkerungszahl halfen sehr bald Vertriebene aus dem Ausland auf: jüdische Familien aus Wien, Hugenotten aus Frankreich, Protestanten aus Böhmen. Im 19. Jahrhundert kamen in der Zeit der Industrialisierung viele Polen und Russen dazu. Von den 1,7 Millionen Berlinern 1895 wurde 290.000 eine „nichtdeutsche Herkunft“ attestiert, rund 130.000 waren Polen, ca. 100.000 Russen. Den Statistikern zufolge lag der Ausländeranteil damals höher als heute. Und die richtigen deutschen Berliner, so wissen wir von Kurt Tucholsky, stammen entweder aus Posen (heute Poznan´) oder Breslau (heute Wrocław), Orten mit einer mehr (Posen) oder weniger (Breslau) polnisch geprägten Geschichte.

Ebenso bunt ging es zu im Oderbruch an der heutigen Ostkante Brandenburgs, wo Winfried und Barbara Junge zu DDR-Zeiten und danach ihre großartigen Filme über „Die Kinder von Golzow“ drehten. Preußens König ließ dort im 18. Jahrhundert Kolonisten aus der Pfalz, Schwaben, Polen, Franken, Westfalen, dem Vogtland, Mecklenburg, Österreich und Böhmen ansiedeln. Das waren nach der damaligen Staatenordnung alles Ausländer, die sich wie die nach Berlin Zugewanderten mit der übrigen Bevölkerung vermengten, manche sagen auch assimilierten. Und so ähnlich im Fläming, wo laut Theodor Fontane Leute bis ins 17. Jahrhundert altholländische Trachten trugen und sich im Flämingplatt bis ins 20. Jahrhundert niederländische Sprachreste erhielten, denn den Landstrich südwestlich von Berlin hatten nach dem 12. Jahrhundert auch flandrische Flamen besiedelt.

„Deutsche mit Migrationshintergrund“ – unzweifelhaft sind das auch die Nachfahren jener Umsiedler und Vertriebenen, die mit und nach dem Ende des von Hitlerdeutschland verbrochenen Zweiten Weltkrieges gen Westen strömten und in Teilen Brandenburgs und des heutigen Mecklenburg-Vorpommern fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachten, so daß die dortige Aufteilung des Großgrundbesitzes schon ihretwegen nötig wurde – oder auch die rund 200.000 bis 300.000 überwiegend jüngeren Leute, die im letzten Vierteljahrhundert wegen des Mangels an Verdienstmöglichkeiten aus ehemaligen DDR- Regionen allein nach Baden-Württemberg geflohen sind und dort ein Bruttoinlandsprodukt von 12 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften.

Nein, das alles führt zu nichts. Nur Journalisten werden den Anweisungen folgen, Otto Normalo aber wird die Schultern zucken, wie schon früher im Osten, als eine bestimmte Süßware plötzlich „Spreerosette“ heißen mußte, Mutter zum Vater aber sagte: „Bring’ mal ein paar Negerküsse mit.“ Was auch nicht so schlimm war. Wo aber die Sprachpolizei eingreift, bleiben, jede Wette, Realprobleme im Dunkeln. Zum Beispiel: Wo an Berliner Grundschulen weit über die Hälfte der Schüler die Unterrichtssprache erst erlernen müssen, haben auch jene Kinder ein Problem, die das Deutsche schon beherrschen. Eltern, die es sich leisten können, auch türkische, ziehen in andere Stadtbezirke, bevor ihre Kleinen in die erste Klasse kommen. Die Medien haben solche Zustände lange beschwiegen und berichten auch heute eher ungern davon.

Doch mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen aus Ländern, die im Namen der Menschenrechte mit Gewalt bis hin zum Krieg überzogen und destabilisiert worden sind, wird es mehr und schärfere Konflikte geben. Deutschland ist kein volles Boot. Aber wo sollen die Menschen bleiben, die aus verschiedenen Ausländern in dieses Land kommen?

Statt über die Pläne des talentlosen, aber geschäftstüchtigen Schauspielers Til Schweiger für ein Musterauffanglager zu schwätzen, wäre tatsächlich darüber zu reden, sofort den Abriß von Wohnraum zu stoppen, wie er weiterhin beim sogenannten Stadtumbau Ost (auch so eine Verhüllungserfindung der Sprachpolizei) geschieht. Oder über die nicht unsympathische Drohung des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, bewohnbare Häuser zu beschlagnahmen, die seit langem leerstehen, um dort Flüchtlinge unterzubringen. So könnte ja vielleicht auch der skandalöse Zustand beendet werden, daß in Deutschland zur Winterzeit immer wieder Obdachlose erfrieren.

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