Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Albträume im Anflug

Seit Mai dröhnen die Flugzeuge über die Dächer von Schulzendorf, doch der Schallschutz steckt weiter

Jörg Pohland

„Jedes Flugzeug ist für mich ein Albtraum“, sagt Jörg Pohland. Der 2. Mai dieses Jahres brachte für ihn einen harten Einschnitt im Lebensalltag. Punkt 5.55 Uhr überflog eine Maschine aus Antalya sein Grundstück auf dem Schulzendorfer Eichberg in einer Höhe von etwa 300 Metern. Für ein halbes Jahr wird der Flugverkehr in Schönefeld nun über die für den BER gebaute Südbahn abgewickelt, weil die Nordbahn saniert werden muß. Die Anrainer bekommen so einen kleinen Vorgeschmack auf das, was ihnen mit der nun für 2017 geplanten Eröffnung des BER blüht.

Etwa 100 Maschinen seien es jetzt täglich, die bei Westwind im Landeanflug auf die BER-Südbahn über sein Einfamilienhaus düsen. „Zu Spitzenzeiten als Rudel im Minutentakt“, sagt der 52-Jährige. Das Fahrwerk und die Landeklappen bereits ausgefahren, heulen sie ein letztes Mal auf, bevor sie in Schönefeld aufsetzen.

 Pohland zeigt auf ein weiteres Flugzeug, das gerade über Schulzendorf auf Schönefeld zusteuert. Er kennt alle Maschinentypen und weiß auch, welche von ihnen besonders laut sind. „Und die großen und schweren Flugzeuge kommen erst noch mit der Eröffnung des BER“, sagt er. Seit 2009 betreut der Schulzendorfer ehrenamtlich Fluglärmmeßstationen an elf Standorten im Umfeld des Flughafens, darunter auf dem Schulzendorfer Eichberg. Installiert wurden sie auf Privatinitiative von Betroffenen. Nachzulesen sind die Ergebnisse auf der Internetseite des bundesweit tätigen Deutschen Fluglärmdienstes (DFLD), der sich als eingetragener Verein für die quantitative Erfassung aller Luftverkehrsemissionen engagiert. Pohland versteht seine Messungen als Beitrag zu Transparenz und gegen Geheimniskrämerei.

Jörg Pohland weiß, daß der jetzige Flugverkehr nur ein Bruchteil dessen ist, was die Schulzendorfer und andere direkte Anrainer ab 2017 erwartet. Er rechnet damit, daß sich die Zahl der Maschinen im Landeanflug verdreifacht. Zusätzlich werden dann wohl auch von der Südbahn startende Flugzeuge bei Ostwind über den 7.600-Einwohner-Ort donnern. Denn für die jetzige Übergangsregelung gilt: Richtung Osten startende Flugzeuge folgen während der Bauzeit nicht den zukünftigen BER-Flugrouten, sondern schwenken nach dem Start auf die reguläre Abflugroute der Nordbahn ein.

Lärmschutz für sein Haus hat Pohland noch immer nicht und die Situation scheint verfahren. Vor über sieben Jahren hat der Bauingenieur mit eigenem kleinen Büro seinen Lärmschutzantrag gestellt. Im Januar 2011 erfolgte die Objektbegehung durch Beauftragte der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB). Anfang Februar 2012 flatterte dann das Angebot zum Abschluß einer Kostenerstattungsvereinbarung (KEV) für Schallschutzmaßnahmen vom FBB ins Haus, wenig später ein zweites mit teils anderem Inhalt. Warum es zwei gab, erschloß sich nicht. Lediglich 10.000 bzw. 11.000 Euro für Lärmschutzfenster und Lüfter wurden Jörg Pohland zugestanden. Eine von ihm beauftragte Kostenermittlung durch einen Architekten habe indes die Notwendigkeit von Schallschutzmaßnahmen im Wert von 70.000 Euro ergeben, sagt er. Dabei schlägt vor allem eine Dämmung des Daches zu Buche.

Im April 2013 dann das Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Berlin-Brandenburg, wonach das bereits im Planfeststellungsbeschluß fixierte Lärmschutzziel umgesetzt werden muß und weder von den Behörden noch von der FBB uminterpretiert werden darf. Dem Versuch, die Anrainer mit rechtswidrigen

Billig-Bewilligungen abzuspeisen, war juristisch ein Riegel vorgeschoben worden. Jörg Pohland hörte danach lange nichts von der FBB.

Im Januar 2015 erhielt er dann die sogenannte Anspruchsermittlung

auf der Grundlage einer Neubewertung. Zu spät, denn eigentlich sollten alle Anwohner mindestens sechs Monate vor der temporären Inbetriebnahme der Südbahn diese Ermittlungen bekommen. Diesmal wurden ihm Schallschutzmaßnahmen in Höhe von 18.000 Euro zugestanden. Eine Dämmung des Daches wird weiterhin für nicht notwendig erachtet. Zudem habe die Anspruchsermittlung plötzlich veränderte Angaben zur Nutzung der Zimmer, zu den Wandstärken und zum Material der Wände enthalten, so Pohland. Er legte Widerspruch ein. „So ist der Stand bis heute. In Sachen Schallschutz sind mir damit die Hände gebunden“, sagt er.

So wie Jörg Pohland geht es vielen Anrainern. Nur ein Bruchteil der etwa 14.000 betroffenen Wohnungen im sogenannten Tagschutzgebiet besitzt bereits Schallschutz. „Vielen wird er aus fadenscheinigen Gründen ganz oder teilweise versagt“, berichtet Schallschutzexperte Professor Ulrich Geske von seinen Erfahrungen aus den Beratungen von VDGN-Mitgliedern.

Auch Gabriele Fröhlich aus Berlin-Bohnsdorf legt kopfschüttelnd ihre Anspruchsermittlung auf den Tisch. Lediglich für das Wohnzimmer soll sie zwei Schallschutzfenster bekommen. Alle anderen Räume sind laut dem beauftragten Ingenieurbüro „nicht anspruchsberechtigt“, weil sie nicht mindestens 2,40 Meter hoch oder wie die Küche mit weniger als zehn Quadratmetern angeblich zu klein sind. „Aber in diesen Räumen haben doch schon immer Menschen gewohnt, seit das einstige Sommerhaus 1956 mit behördlicher Genehmigung zum Einfamilienhaus umgebaut wurde“, sagt Gabriele Fröhlich, die beruflich als Lehrerin tätig ist. Ihren Schülern könnte sie das wohl mit Logik nicht erklären.

Einem Ehepaar aus Mahlow wurde schriftlich erklärt, ihr Wohnschlafzimmer im Dachgeschoß sei wegen zu kleiner Fensterfläche „nicht schutzwürdig“. „Da haben sie wohl gerade erst ein Bett reingestellt“, habe der Mitarbeiter des Ingenieurbüros beim Vorort-Termin gemutmaßt, erzählt der Ehemann. Ein junges Paar mit kleinen Kindern soll lediglich vier einfache Lüfter bekommen. Ihr Haus liegt nur im Nachtschutzgebiet, werde wahrscheinlich aber genau soviel Lärm abbekommen wie die Wohnungen im angrenzenden und höher bewerteten Tagschutzgebiet“, erläutert Ulrich Geske anhand von Lärm-Karten der FBB.

„Viele der geplanten Maßnahmen sind für die Bewohner vollkommen inakzeptabel und nicht realisierbar“, sagt der VDGN-Experte. Die vorgeschlagenen Schalldämmlüfter würden lediglich Luft ansaugen und dann angefeuchtet in die Wände pressen. Die Gefahr der Schimmelbildung erhöhe sich damit drastisch. Notwendig wären stattdessen Be- und Entlüftungsanlagen, die natürlich auch wesentlich teurer sind. Daß ihre Räume von innen mit zehn und mehr Zentimeter dicken Styropor-Platten gedämmt werden sollen, haben viele Hausbewohner aus der intransparenten Anspruchsermittlung des FBB noch gar nicht herausgelesen.

Der VDGN hat die Hausbesitzer im Mai deshalb dazu aufgerufen, geplante Klagen des Verbandes gegen die FBB finanziell mit jeweils 150 Euro finanziell zu unterstützen. Vorgegangen werden soll gegen die Ablehnung von Schallschutzmaßnahmen für niedrige Räume, Wohnküchen, Wintergärten und gegen die vorgesehene Dämmung von Wänden und Decken an der Rauminnenseite. Die Kosten für das Klageverfahren werden insgesamt etwa 50.000 Euro betragen. „Nach dem Ausschöpfen aller anderen Möglichkeiten, zahlreichen Gesprächen, Gutachten und Workshops, bleibt im Interesse der Anwohner jetzt nur noch dieser Weg“, so Geske.

Auch Jörg Pohland hat seit geraumer Zeit schon keine Freude mehr am Hausgarten, in dem seine 83-jährige Mutter noch immer liebevoll die Gemüsebeete pflegt. Nur drei Grundstücke weiter beginnt der Bereich, in dem die Bewohner eine pauschale finanzielle Entschädigung für den Fluglärm erhalten, den sie auf ihrer Terrasse oder im Garten erdulden müssen oder nicht mehr aushalten. Für Pohlands Grundstück ist schon nichts mehr vorgesehen.

Einfach wegziehen – wie einige ihm schon geraten haben – kann er nicht. „Meine Eltern stammen ursprünglich aus Guben, aus dem Teil, der heute in Polen liegt. Nach dem Krieg mußten sie flüchten. Schließlich bekamen sie hier in Schulzendorf eine eigene Scholle. Das Haus hat mein Vater als Maurer nahezu allein gebaut“, erzählt Pohland. „Das ist unsere Geschichte. Die ist nicht austauschbar, die läßt man nicht so einfach hinter sich“, sagt er nachdenklich.

Hagen Ludwig

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