Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wirtschaft dirigiert die Politik

Berliner Altglassammlung vor Umstrukturierung

Trennen, recyceln, Energie und Ressourcen sparen – was vor ein paar Jahren noch „in“ und ganz im „Trend“ war, empfinden heute immer mehr Berliner als nervig, viel zu kompliziert und aufwendig. Und es soll noch umständlicher werden. In drei Bezirken gibt es bereits einen kleinen Vorgeschmack auf die Zukunft. Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH (DSD) zog als Systembetreiber Ende 2013 nach und nach Glassammel-Container aus Wohnanlagen in mehreren Stadtbezirken ab, stellte vom Hol- auf das Bringsystem um und erschwerte tausenden Mietern die Entsorgung ihrer Glasflaschen und -gläser.

Vorausgegangen war eine Beschwerde von DSD und Ardagh Group (Glasindustrieunternehmen) über gravierende Probleme bei der Aufbereitung des in Berlin gesammelten Altglases wegen der schlechten Qualität – und, gleichzeitig wurde die Verwertbarkeit des Sammelguts als Sekundärrohstoff künftig in Frage gestellt.

Das Duale System und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vereinbarten ein Experiment: Im Vertragsgebiet BE 104 (Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick) wurden tausende Müllgroßbehälter aus Wohnanlagen abgezogen, verbleibende Behälter abschließbar ausgestattet und kontrolliert sowie zusätzlich 26 neue Container-Standplätze auf öffentlichem Straßenland geschaffen.

Die Firma cyclos GmbH bekam den Auftrag, die Ergebnisse der Umstellung im Laufe des Jahres 2014 in einem Gutachten zusammenzustellen.

Der VDGN wandte sich daraufhin mit einem Offenen Brief an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses und an die Chefs der dort vertretenen Fraktionen und forderte sie auf, in der Sache aktiv zu werden. Auch zahlreiche Wohnungsgesellschaften protestierten dagegen und Mieter erklärten, daß sie Gläser und Flaschen nun der Einfachheit halber gleich in den Restmüll entsorgten. Die Wege zu den Sammeliglus waren vor allem älteren Menschen zu weit.

Viel Spielraum für Spekulationen
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erhielt den Gutachterbericht mit Datum vom 13. Mai 2015. Dieser ging mit Vorbemerkungen der Verwaltung am 10. Juni 2015 als Mitteilung – zur Kenntnisnahme – (Drucksache 17/2359) an das Berliner Abgeordnetenhaus.

Ein Resultat: Die Menge des im Versuchsgebiet BE 104 gesammelten Altglases ging rapide zurück: Von 14.102 Tonnen im Jahr 2013 auf nur noch 11.419 Tonnen im Jahr 2014. Ein Minus von satten 19 Prozent! Zum Vergleich: In Berlin ging die gesammelte Menge an Altglas insgesamt um durchschnittlich 4,5 Prozent zurück, schwankte innerhalb der anderen drei Gebiete zwischen einem Plus von 8,1 (BE 102) und einem Minus bis zu 5,5 Prozent (BE 103). Das Testgebiet fällt mit der Minus-Bilanz von 19 Prozent deutlich aus dem Rahmen.

Warum? Haben die Verbraucher schon beim Einkauf von Getränken, Konserven etc. gezielt auf Glasverpackungen verzichtet? Oder wurde das Glas von den Hausbewohnern tatsächlich im Restmüll entsorgt?

Das Gutachten besagt „Nein“ – so interpretiert es jedenfalls die Senatsverwaltung und schreibt in den Vorbemerkungen zum Gutachten unter dem Punkt „Verlagerungseffekte“: „Ein Verlagerungseffekt von Glas in die Restmülltonne ist anhand der Ergebnisse der Sortieranalysen durch den Gutachter nicht zu erkennen.“ Und weiter: Nach den von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben in Auftrag gegebenen Sortieranalysen „Nullmessung Hausmüll“ (12/ 2013) und der Vergleichsmessung (12/ 2014) ist an den untersuchten Ladestellen, an denen im Zuge der Umstellung der Glaserfassung die Glasbehälter abgezogen worden sind, der Glasanteil im Restmüll von 7,9 Prozent auf 11 Prozent gestiegen.“

Zahlenspiele
Doch was bedeutet eine Zunahme von 3,1 Prozent genau?

Berlinweit wurden im vergangenen Jahr 63.634 Tonnen Altglas gesammelt. Auf das Vertragsgebiet BE 104 entfallen davon 11.419 Tonnen, das entspricht 17,95 Prozent der Gesamtglasmenge.

Setzt man dazu die Menge an angefallenem Restmüll ins Verhältnis und legt eine ähnliche Verteilung zugrunde, ergibt sich ein interessantes Bild. 2014 sind in Berlin insgesamt 815.650 Tonnen Restmüll angefallen. Legt man für das Vertragsgebiet BE 104 ebenfalls einen Anteil am Restmüll von 17,95 Prozent zugrunde, entspricht das in etwa einer Menge von 146.410 Tonnen. Und, bei dieser Masse bedeutet eine Steigerung von 7,9 auf 11 Prozent einen Zuwachs von 4.538 Tonnen! Ergebnis: Es wurden nicht etwa weniger Flaschen und Gläser gekauft – sondern lediglich die Glasverpackungen anders entsorgt. Summarisch ergibt sich damit für 2014 nahezu die gleiche Menge an Altglas wie in 2013 (siehe Grafik S. 12).

Nur ein Kriterium, das für die Rückkehr zur ursprünglichen Form der Sammlung spricht. Hinzu aber kommt, daß sich die bemängelte Qualität auch nicht exorbitant verbesserte.

Absichtserklärung wider besseren Wissens
Jedoch, Gutachter und DSD stimmen über-ein: Müllgroßbehälter bei verdichteter Wohnbebauung (Innenstadtbereich), Depotcontainer in weniger verdichteter Wohnbebauung. Der Grüne Punkt strebt zudem ein „zukunfts-orientiertes, mit einer grundlegenden Neuordnung der Erfassungssysteme verbundenes Glassammelsystem“ in Berlin an. Dabei sollen die Vertragsgebiete neu zugeschnitten werden. Nur im Innenstadtbereich (vornehmlich im S-Bahnring) soll das Hol- und Bringsystem parallel bestehen bleiben. Den Bewohnern der restlichen Stadtgebiete bleiben ausschließlich die Sammel-Iglus auf öffentlichem Straßenland. Der VDGN lehnt das strikt ab – und auch die Fraktionen im Abgeordnetenhaus. Die zuständige Senatsverwaltung schlägt versöhnliche Töne an, will darauf hinwirken, daß alle aufgezeigten Optimierungspotentiale für das verbraucherfreundliche Holsystem in vollem Umfange ausgeschöpft werden.

Eine Absichtserklärung wider besseren Wissens. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Marion Platta (Linke) heißt es seitens Staatssekretär Christian Gaebler (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt): „Mit der Verpackungsverordnung des Bundes aus dem Jahr 1991 wurde die Sammlung und Verwertung von Verpackungen, und dazu zählen auch Glasflaschen und sonstige Glasverpackungen, vollständig privatisiert. Die Länder können keine eigenständigen oder abweichenden Regelungen treffen.“

Im Klartext: Die Wirtschaft gibt die Richtung vor.

Monika Rassek

 

 

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