Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Heimat unter Wasser

Anlieger der Müggelspree wehren sich gegen Maßnahmen des Landes Brandenburg

Volker Schmohl, Lutz Ambrosius und Dieter Lahode von der Bürgerinitiative Müggelspree (v.l.)

„Wenn es so weitergeht, werden unsere Enkel hier nicht mehr leben können.“ Unüberhörbar ist der Unmut, mit dem Dieter Lahode über seine Heimat, die Müggelspree-Niederung zwischen Fürstenwalde und Erk-ner, spricht.

In Hangelsberg steht das Haus, in dem er groß wurde, gerade mal 100 Meter vom Wasser entfernt. „Ich kenne die Müggelspree seit 55 Jahren, aber was jetzt geschieht, macht mir und anderen große Sorgen“, sagt der Bauingenieur. Vor etwa zehn Jahren hatte das Land Maßnahmen zur Renaturierung des Flußabschnittes der insgesamt 400 Kilometer langen Spree eingeleitet. Sie sind umstritten bei vielen Bewohnern, deren Vorfahren oft schon an diesem Fluß lebten – und mit ihm.

Im August 2010 gab es Hochwasser. Und es war nicht, wie früher, nach spätestens 14 Tagen wieder weg. Nein, das Wasser blieb neun lange Monate! Noch in 500 Metern Entfernung vom Fluß stand es 1,20 Meter hoch, erinnert sich Dieter Lahode. In hunderten Kellern liefen die Pumpen rund um die Uhr, und das über Monate. Die Elektrik und Heizung mußten viele Hausbesitzer für tausende Euro nach oben verlagern. An den Gebäuden zeigten sich Schäden. Versicherungen wollten nicht zahlen ... Und aus den artenreichen Wiesen und Auen an der Müggelspree wurde mehr und mehr ein stinkender Sumpf – mit Nachteilen für Mensch, Pflanze und Tier.

All das brachte das Faß zum Überlaufen. Betroffene gründeten die Bürgerinitiative Müggelspree. „Wir wollten es uns nicht länger gefallen lassen, daß unsere Heimat unter Wasser gesetzt werden soll“, erklärt ihr Pressesprecher Dieter Lahode.

Die Renaturierungs-Maßnahmen des Landes Brandenburg hätten das Fließverhalten der Müggelspree zum Nachteil verändert. So führe der Anschluß von vier ehemals abgetrennten Altarmen und das Einbringen von barrieregleichen „Sohlegleiten“ ins Flußbett dazu, daß große Mengen nicht mehr so schnell abfließen können. Selbst bei unbedeutendem Hochwasser wird das Gebiet nun viel, viel schneller und länger unter Wasser stehen, prophezeit Lahode. Wie schlimm wird es erst kommen, wenn ein wirklich bedrohliches Jahrhunderthochwasser die Gegend heimsucht?!

Das einschneidendste Ereignis dieser Art, an das sich Dieter Lahode erinnern kann, war 1973/74: „Die ganze Niederung war eine Eisbahn und wir Kinder nur auf Schlittschuhen unterwegs. Wenn da Keller unter Wasser standen, dann nur kurz und unbedeutend. Hochwasser gab es hin und wieder, aber es wurde damals besser beherrscht als heute“, unterstreicht der Sprecher der Bürgerinitiative seine Sicht.

Der dauerhaft gestiegene Grundwasserspiegel verschärft die Situation für die Anrainer der Müggelspree weiter. Auch kritisiert die Bürgerinitiative, daß die Gewässerunterhaltung längst nicht mehr so intensiv betrieben wird wie es zu DDR-Zeiten üblich war. Schöpfwerke wurden abgebaut. Viele Entwässerungsgräben seien trotz vereinzelter Maßnahmen in einem bedauernswerten Zustand, völlig verschlammt. Vermißt werden regelmäßige Kontrollen des Grabensystems und die Möglichkeit, daran mitzuwirken. Messungen der Wasserstände, die Rückschlüsse auf das Abfluß-Verhalten des Flusses zulassen, fänden nur noch an wenigen, für Anwohner und Unternehmen unbedeutenden Stellen statt, erklärt VDGN-Mitglied Frank Müller, der sich seit Jahren in der Bürgerinitiative engagiert.

Die Müggelspree-Niederung werde vor allem als Retentionsfläche angesehen, die zu jeder Zeit großzügig überschwemmt werden darf. Die Aufnahmefähigkeit des Bodens sei gleich Null, schildert Landwirt Volker Schmohl in Burig die Situation. Er hat in den neunziger Jahren groß investiert, doch die Pferdeboxen auf dem ehemaligen LPG-Gut sind jetzt leer, Sportreiter wollen ihren teuren Tieren nicht die morastigen Wiesen zumuten. Schmohls Bio-Rinder werden krank, weil sie auf durchnäßten Weiden stehen müssen. Das geht an die Existenz des Landwirtschaftsbetriebes. Er hat sich auch juristisch gegen das Vorgehen des Landes Brandenburg gewehrt, das die Renaturierungsmaßnahmen ohne Planfeststellungsverfahren durchsetzte, Betroffene nicht anhörte. Schmohl ist sich sicher: „Dieser Landstrich soll entsiedelt werden, hunderte Jahre kulturgeschichtlicher Entwicklung werden ad absurdum geführt.“ Er erinnert daran, wie wenige Kilometer ostwärts zu Zeiten Friedrich II. das Oderbruch trockengelegt und besiedelt werden konnte. Auf den fruchtbaren Böden gedeihen Obst und Gemüse fürs nahe Berlin. „Der Mensch muß in die Natur eingreifen, wenn er leben will!“

Kürzlich hatte Umweltminister Jörg Vogelsänger acht Vertreter von Bürgerinitiativen aus dem ganzen Land, die sich in einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen haben, zu einem Treffen in Potsdam eingeladen, unter ihnen Dieter Lahode von der Müggelspree. Eine Stunde hatten sie Zeit. Nicht viel, um die Probleme zu erläutern und Forderungen vorzubringen, so die nach intensiverer Gewässerunterhaltung, nach Wiederherstellung des Schutzes flußnaher Wohn- und Gewerbestandorte vor Hochwasser und Grundhochwasser sowie mehr Einfluß- und Kontrollmöglichkeiten bei Planungen.

Das wichtigste Ergebnis für den Sprecher der Bürgerinitiative: „Die haben gemerkt, daß wir nicht klein beigeben, gut vernetzt und eine Macht sind.“

Kerstin Große


 


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