Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Mehr Respekt fürs Alter!

Wie ein lebenswertes Umfeld für Senioren aussehen könnte und was dafür zu tun ist Von Stephan Richter, Bezirksstadtrat Bürgerdienste und Facility Management Berlin Marzahn-Hellersdorf

Was sich in seinem Stadtbezirk ändern muß, damit alte Menschen in vertrauter Umgebung bleiben können, das beschreibt Stephan Richter (SPD) im folgenden Gastbeitrag. Unser Autor ist Bezirksstadtrat im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf. Doch gleich, wo man lebt in Deutschland – viele der angesprochenen Probleme sind, gerade für Siedlungsgebiete mit überwiegend Ein- und Zweifamilienhäusern, verallgemeinerungswürdig und sollten die Politik weitaus mehr beschäftigen als es bisher geschieht.

Wer in Marzahn-Hellersdorf wohnt, weiß sehr gut, daß der Bezirk quasi durch die Bundesstraßen B1/B5 in zwei doch sehr unterschiedliche Teile getrennt ist. Im Norden wird er durch die zu DDR-Zeiten errichtete Großsiedlung urban geprägt, südlich der B1/B5 gibt ihm das dort befindliche Siedlungsgebiet mit seinen Ein- und Zweifamilienhäusern seinen großstadtuntypischen ländlich-ruhigen Charme. Noch deutlicher wird diese Aufspaltung des Bezirks beim Blick auf die Sozialdaten. Während im südlichen Teil eine stabile soziale Situation mit guten Durchschnittseinkommen und einer Arbeitslosigkeit zwischen 0,5 und 4 Prozent anzutreffen ist, liegt in Marzahn Nord-West und Hellersdorf Nord die Quote der Arbeitslosigkeit bei mehr als 25 Prozent und annähernd 70 Prozent der dortigen Kinder leben in Familien mit SGB-II-Bezug (Hartz 4). Vor diesem Hintergrund wurden in den zurückliegenden Jahren ungezählte Millionen Euro zur Stabilisierung der sozialen Lage in die Großsiedlung gepumpt, während öffentliche Investitionen aufgrund der vermeintlich guten und stabilen Situation im Siedlungsgebiet eher selten waren.

Bevölkerungsprognose eindeutigIm Hinblick auf die Bevölkerungsprognose des Senats bis 2030 besteht nunmehr jedoch die Notwendigkeit von dieser Investitionspraxis abzurücken und öffentliche Investitionen zumindest gleichmäßig im Bezirk einzusetzen. Zukünftige Investitionen sind eigentlich sogar vorrangig im Siedlungsgebiet einzusetzen, da hier der Nachholbedarf in der öffentlichen Infrastruktur erheblich ist.

Die in Bezug genommene Bevölkerungsprognose stellt die erwartete Entwicklung insbesondere in der Altersgruppe der über 65jährigen mit einem deutlichen Zuwachs (mehr als 29 Prozent) dar. Vor allem wird ein großer Zuwachs von Menschen über 80 Jahren erwartet, in Marzahn-Hellersdorf liegt dieser mit 120 Prozent im Spitzenbereich, wodurch der Bezirk ein weiteres Mal zum Vorreiter werden wird.

Diese demografische Entwicklung erfordert aber, die öffentliche Infrastruktur auf ein deutlich besseres Niveau zu heben. Hier liegt das Siedlungsgebiet eindeutig im Rückstand, befinden sich letztlich nicht sogar viele Kilometer Straßenland in einem unbefestigten Zustand. Wenn in der Großsiedlung über die Absenkung der Bordsteine an den Fußwegen diskutiert wird, geht es im Siedlungsgebiet zunächst einmal um die Errichtung von benutzungsfähigen Gehsteigen, um auch mit dem Rollator zum Bus oder zum Einkaufen zu gelangen.

Die zur Verfügung stehenden Investitionsmittel müssen den anstehenden Bedarfen gerecht eingesetzt werden. Zu beachten ist aber, daß Menschen über 65 Jahren nicht automatisch gebrechlich oder pflegebedürftig sind. Im Gegenteil, wer heute mit 65 Jahren (oder dann 67) in den Ruhestand geht, geht aktiv in den Ruhestand. Die Nachfrage der „jungen Alten“ nach Sport- und Freizeitmöglichkeiten, Kultur- und Weiterbildungsangeboten wird zunehmen. Hier reicht also der bisherige Stand bei weitem nicht aus. Die wenigen Stadtteilzentren und anderen kulturellen Orte im Siedlungsgebiet kann man an einer Hand abzählen. Im Vergleich zur Großsiedlung ist das Siedlungsgebiet also kulturelles Entwicklungsland. Insbesondere bei den Bibliotheken sieht die Lage sehr schlecht aus.

Zu entwickeln wären auch niedrigschwellige Sportangebote, etwa in die Grünzüge zu integrierende Spiel- und Sportgeräte für Erwachsene, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen und in Marzahn Nord bereits existieren. Spricht man mit Bürgerinnen und Bürgern im Siedlungsgebiet, so wird oft beklagt, daß überhaupt viel zu wenige Sportanlagen im Siedlungsgebiet vorhanden seien. Vorhalteflächen gebe es zwar, es müsse aber auch einmal eine entwickelt werden. Die Bereitstellung von Bewegungs- und Sportangeboten in den Kiezen trägt zum Erhalt der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit bei und fördert das gesunde Altern. Vielfältige Sportangebote tragen außerdem zur Lebensqualität bei und prägen das Bild einer vitalen Stadt.

Angebote entwicklungsbedürftigDie länger lebende Gesellschaft stellt neue Anforderungen an die soziale und technische Infrastruktur. Das macht eine Umorientierung von spezialisierten, monofunktionalen Infrastruktureinrichtungen und öffentlichen Dienstleistungen (zum Beispiel im ÖPNV) auf flexibel nutzbare und demografisch anpaßbare Einrichtungen und Dienste notwendig. Das bedeutet, keine reinen Jugendfreizeiteinrichtungen mehr zu betreiben, sondern Einrichtungen, die allen Altersgruppen offenstehen. Schulen könnten in den Abendstunden oder an Wochenenden als Kultur- und Weiterbildungseinrichtungen genutzt werden. Wichtige Aufgaben sind in diesem Zusammenhang der Erhalt einer wohnungsnahen Versorgungsinfrastruktur (insbesondere Einzelhandel und Ärzteversorgung) und die Gewährleistung eines möglichst barrierefreien Zugangs älterer Menschen zur Mobilität, wie auch die Sicherstellung der Qualität und Barrierefreiheit der öffentlichen Räume.

Dies fängt natürlich mit der Entwicklung der Straßeninfrastruktur an. Wer dann tatsächlich nicht mehr mit dem eigenen Pkw oder Fahrrad fahren kann, ist zunehmend auf den Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Hierfür wäre es also erforderlich, überhaupt erst einmal zum Bus oder zur Bahn zu gelangen. Investitionen in den Straßenbau sind daher unumgänglich.

Aber auch das derzeitige Angebot der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist entwicklungsbedürftig. Es scheint, als ob die BVG aktuell ihre Leistungen lediglich auf die Zuführung aus den einzelnen Kiezen zu den großen U-Bahn- und S-Bahn-Stationen ausgerichtet hat. Wer von Süd nach Nord möchte oder einfach nur innerhalb des Bezirkes fahren möchte, muß heute quasi erst einmal in die Innenstadt, um dann wieder auf anderer Route herauszufahren und seine Fahrt in den anderen Teil des Bezirkes fortzusetzen. Hier kann kostengünstig der Service deutlich verbessert werden, wenn die BVG einmal die alten, heute abgeänderten Fahrverbindungen vorholt und sich anschaut, wie es zuvor doch besser ging.

Anspruch auf die eigene WohnungFür die Kommunalpolitik besteht eine der großen Herausforderungen im Rahmen der demografischen Entwicklung, den älteren Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen, solange wie möglich in ihren eigenen Häusern oder Wohnungen zu bleiben. Dies entspricht sowohl dem überwiegenden Interesse der älteren Menschen als auch dem Konzept zur begrenzten Kostenentwicklung im Pflegebereich.

Die Hälfte der Haushalte, in denen ältere Personen leben (in Relation zu 31 Prozent Haushalten, in denen jüngere Personen leben) befinden sich in Wohnungen, die zwischen 1949 und 1979 fertiggestellt wurden. Diese sind oft nicht barrierefrei und aufgrund ihrer Grundrisse oder Wohnraumzuschnitte schwer und kostenaufwendig umzubauen. Pflegebedürftige Menschen haben ggf. Anspruch auf Zuschüsse der Pflegekassen für Maßnahmen der Wohnungsanpassung. Diese sind aber in der Summe begrenzt und bei weitem nicht auskömmlich. Hier müssen die Zuschüsse angemessen erhöht werden, im Zweifel müssen weitere Förderungen geschaffen werden, damit ein Verbleib in der eigenen Wohnung nicht am Geld scheitert.

Anspruch haben die Bürgerinnen und Bürger nicht nur aus der Tatsache, daß letztlich sie durch ihre frühere Arbeitskraft und ihre Abgaben den Wohlstand mit erarbeitet und geschaffen haben und es daher nunmehr an der Zeit ist, ein wenig dieser Solidarität zurückzuerhalten. Sie haben letztlich sogar einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf die notwendige Hilfe für den Verbleib in ihren Häusern. Artikel 28 Absatz 1 der Verfassung von Berlin begründet das Recht jedes Menschen auf angemessenen Wohnraum. Er verpflichtet das Land Berlin, die Schaffung und Erhaltung von angemessenem Wohnraum zu fördern.

Förderschwerpunkte sind bisher vordergründig die Wohnraumversorgung für Menschen mit geringem Einkommen. Hierbei darf aber der in Not geratene ältere Mensch nicht vergessen werden, der lediglich einen einmaligen Zuschuß zum Erhalt seiner Lebenssituation benötigt.

Die angesprochenen Problemlagen sind nur einige der zukünftigen Herausforderungen. Aber anhand der wenigen Beispiele wird deutlich, daß die aufgezeigten Schwierigkeiten das Siedlungsgebiet stärker treffen als die Großsiedlung. In der Großsiedlung besteht eine gute Infrastruktur bei der Versorgung mit Einzelhandel, Ärzten, Kultur und Weiterbildung. Es gibt deutlich mehr Sport- und Erholungsangebote. Über die Förderung der Wohnungsunternehmen bei der Einrichtung barrierefreier Wohnungen ist auch der Verbleib in den eigenen Wohnungen deutlich besser sichergestellt als im Siedlungsgebiet.

Dieser strukturelle Unterschied zwischen der Großsiedlung und dem Siedlungsgebiet muß von der kommunalen Politik zukünftig in der Investitionspolitik beachtet werden, damit das Siedlungsgebiet nicht zukünftig in der notwendigen Entwicklung abgehängt wird.

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