Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Duales System spart auf Kosten der Berliner

Glassammlung muß wieder sicherer und bürgerfreundlich werden

Dienstag, 19. Mai 2015, 12.30 Uhr, Kaulsdorfer Straße im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Mehrere Kanister mit zweifelhaftem Inhalt – darunter einer mit dem Warnaufkleber für leicht entflammbare Flüssigkeiten – stehen neben den Glassammelbehältern für Weiß-, Grün- und Braunglas. Einen sprichwörtlichen Katzensprung entfernt die Merian-Oberschule. Zahlreiche Kinder passieren die sogenannten Glas-Iglus und die dort illegal abgeladenen Gefahrgutkanister auf ihrem Schulweg, zweimal täglich. Neugier, gepaart mit Experimentierfreude kann schnell zur Gefahr werden.

Kein Einzelfall. Standorte der Glassammelcontainer im Bereich des öffentlichen Straßenlandes mausern sich zu beliebten Müllabladeplätzen, für alles, was der Mensch schnell, bequem und kostenfrei loswerden will. Nur Glas scheint nicht dazuzugehören. Eine eigens für den Test mitgebrachte Flasche hinterließ ein hohl klingendes Geräusch – was natürlich auch auf eine kürzlich erfolgte Leerung der Behälter hindeuten könnte.

Doch die Angaben von Anwohnern aus dem Wohngebiet sprechen dagegen. Das Ehepaar Ilse und Kurt Meyer nutzt die Glas-Iglus nicht und steht damit auch nicht allein. „Die sind jetzt viel zu weit weg. Wir sind beide 81 Jahre, da schaffen wir es nicht mehr, das Glas bis zum Container zu schleppen“, so das Rentnerpaar. Und: „Die meisten Leute wohnen hier, genau wie wir, schon länger als 30 Jahre. Wir schmeißen jetzt fast alle das Glas in den Hausmüll und fertig.“

Hintergrund der Misere: Ende 2013 wurde damit begonnen, etwa 7.700 der insgesamt 14.000 Glassammelbehälter aus Wohnanlagen in den Stadtbezirken Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf abzuziehen. Von 2014 an sollte in diesen Bezirken nur noch an öffentlichen Standorten Glas gesammelt werden.

Zu weiter Weg zum Glas-IgluDer Köpenicker Karsten Lange hat Verständnis für die älteren Mieter und dafür, daß sie das Glas jetzt in den Hausmüll werfen: „Wegen dem Lärm beim Glaseinwurf stehen die öffentlichen Behälter nicht nah an den Wohnhäusern. Dadurch müssen jetzt die älteren Menschen nicht nur weiter laufen, sondern auch noch stark befahrene Straßen überqueren. Nicht gerade mieterfreundlich.“ Besonders gefährlich sei der Glassammelstandort auf der Verkehrsinsel Kaulsdorfer Ecke Gehsener Straße. Da halte sich keiner an die vorgeschriebe Geschwindigkeit.

„Das Recycling von Rohstoffen ist wichtig. Aber 100 verschiedene Sachen trennen? Dazu hat heute keiner mehr Zeit, Lust und Platz“, sagte Lange überzeugt. Auch sei das Trennsystem längst überholt. Es gebe moderne Anlagen, die das viel besser könnten.

Der VDGN wandte sich diesbezüglich vor etwa einem Jahr in einem Offenen Brief an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, sowie an die Vorsitzenden der Fraktionen – mit einer Forderung: Für die Erfassung und Wiederverwertung des Altglases in Berlin muß eine sichere und bürgerfreundliche Lösung gefunden werden.

VDGN-Kritik an SituationDie Dualen Systeme Deutschland (DSD) begründeten den Abzug der Container aus den Wohnanlagen mit der schlechten Qualität des gesammelten Altglases – weil die Trennung nur nach weißem und buntem Glas erfolgte. Hinter vorgehaltener Hand hieß es jedoch, daß die DSD so versuche, Einsparungen zu kaschieren – um dem gefallenen Glaspreis entgegenzuwirken.

Neben dem VDGN kritisierten auch Wohnungsunternehmen die Umstellung der Glassammlung auf öffentliches Straßenland. Vom Verband Berlin-Brandenburger Wohnungsunternehmen (BBU) beispielsweise hieß es: „Das wurde über den Kopf der Vermieter hinweg entschieden, ausbaden müssen es die Mieter."

Damit hatte der Senat nicht gerechnet und deklarierte die Umstellung auf Großcontainer kurzerhand als „Modellversuch bis 2015“. In dem Zusammenhang könne man auch über besseren Schallschutz der Großcontainer nachdenken, um die Lärmstörungen durch das dauernde Einwerfen von Glas für die Anwohner gering zu halten. In der Antwort auf eine Schriftliche Anfrage der Grünen-Abgeordneten Silke Gebel teilte zudem Umweltstaatssekretär Christian Gaebler mit, daß es im frei zugänglichen Verkehrsraum nur die Dreifarberfassung (nicht wie bisher weiß und bunt) des Glases in Depotcontainern geben wird und, daß sich Senatsverwaltung und DSD auf einen Sachverständigen geeinigt hätten, der das „neue Erfassungskonzept“ über das ganze Jahr 2014 begleitet. Im Januar 2015 solle es dann ein Gutachten geben, in dem die Maßnahmen im Hinblick auf ihren Beitrag zur Verbesserung der Glasqualität bewertet würden.

Doch ein Gutachten liegt noch immer nicht vor. Auf Anfrage bei den DSD nur eine unbefriedigende Antwort. „Die Arbeit der Gutachter ist noch nicht abgeschlossen. Eine Aussage dazu, wie es mit der Glassammlung in Berlin konkret weitergeht, ist daher noch nicht möglich“, so Norbert Völl, Pressesprecher der DSD, per Mail Ende April. Weiter heißt es: „Derzeit stehen in Berlin ca. 5.000 Depotcontainer an ca. 1.500 Stellplätzen. Bereits jetzt entsprechen die meisten der höchsten ‚Lärmschutzklasse 1‘.“

Politik in der PflichtEine magere Aussage, angesichts der katastrophalen Zustände, die sich durch die Umstellung für die Mieter ergeben haben. Kein Wort zur Qualität des gesammelten Glases und zur künftigen Verfahrensweise für Berlin. Nur eines war dann doch interessant: „Für die Reinigung der Depotcontainerstellplätze ist nach der Verpackungsverordnung der öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger verantwortlich“, schrieb Norbert Völl. Eine Aufgabe der Berliner Stadtreinigung (BSR) also?

Richtig. „Aus den sogenannten Nebenentgelten werden jährlich rund 850.000 Euro für die Umfeldreinigung der Depotcontainer aufgewendet“, teilte BSR-Pressesprecherin Sabine Thümler mit.

Die Glassammlung auf öffentlichem Straßenland bedarf dringender Überprüfung. Es kann nicht sein, daß die Eigentümer der DSD (mehrheitlich britische Finanzinvestoren) sich auf Kosten der Bürger sanieren. Die Politik steht hier in der Pflicht, wieder eine sichere und bürgerfreundliche Lösung zu schaffen.

Monika Rassek

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