Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Streiten bis aufs Messer?

Auseinandersetzungen unter Nachbarn nehmen zu. Man sollte ihnen auszuweichen versuchen

Von Holger Becker

Können Sie sich das vorstellen: Ein Mann stellt auf seinem Grundstück Katzenfiguren auf, nur um damit den Hund der Nachbarn und in der Konsequenz das Frauchen und Herrchen zu ärgern? Doch das gibt’s.

Wenn die Nachbarrechtsexperten des VDGN zu Telefonaktionen von Regionalzeitungen in Dresden, Schwerin, Erfurt, Halle, Marl oder Frankfurt an der Oder ausschwärmen, um die Fragen der Leser zu beantworten, glühen ihnen zumeist die Ohren von den verrücktesten Geschichten. Gegen manche davon wirkt die Sache mit den Katzenkeramiken regelrecht harmlos. Denn Nachbarn streiten sich manchmal bis auf das sprichwörtliche Messer und gar nicht selten auch innerhalb der Familie. Da geht dann der Bruder gegen die Schwester oder die Tochter auf den Vater los, daß es dem Teufel graust.

Woher kommt das? Warum nehmen die Streitereien zu? Wie kann man sich davor schützen? Wir wollen uns an ein paar Antworten versuchen.

Daß Streitigkeiten unter Nachbarn häufiger vorkommen, jedenfalls ist kein Streitgegenstand. Nicht nur die Erfahrungen des VDGN bestätigen das, sondern auch die von Schiedsleuten in den Kommunen, von Rechtsanwälten und Gerichten. Bis zu 10.000 Fälle landen jährlich vor deren Schranken, 27 pro Tag, Sonnabende, Sonn- und Feiertage mit eingerechnet.

Wenn es um die Besitzer von Eigenheimen geht, läßt sich ein Zusammenhang mit recht großer Sicherheit herstellen: Mit abnehmenden Grundstücksgrößen nimmt das Streitpotential zu. In den Siedlungsgebieten hat es in den letzten Jahrzehnten einen Schub der Verdichtung gegeben, der am stärksten in den Ballungsgebieten und deren Umland ausgefallen ist. Wer zum Beispiel heute im sogenannten Speckgürtel von Berlin ein freistehendes Einfamilienhaus baut, erwirbt dazu ein Grundstück von 800 bis 900 Quadratmetern. In den ländlichen Regionen Brandenburgs sind es 1.000 bis 1.100 Quadratmeter. Bei Reihen- und Doppelhäusern sind es nur noch 400 bis 470 Quadratmeter rund um Berlin und 650 bis 800 Quadratmeter auf dem platten Lande.

Wo aber die Menschen enger aufeinander hocken, nehmen die Anlässe für den Zoff am Gartenzaun zu. Bäume und Sträucher, die dicht an der Grundstücksgrenze stehen, entfalten bedrohlichere Wirkungen als bei Grundstücken, deren größere Fläche eine stärkere Flexibilität der Nutzung begründet. Und wenn mal die Katze vom Nachbarn über den Zaun kommt und vielleicht noch ihr Geschäft verrichtet, fällt das bei einem größeren Grundstück kaum auf, bei einem kleineren wird es leicht zum Alarmfall. Vervielfacht hat sich gegenüber Urgroßmutters Zeiten die Zahl der Lärmquellen. Ob Waschmaschine oder Laubsauger, Handkreissäge oder Schlagbohrmaschine, Heimkinoanlage oder Gitarrenverstärker pubertierender Möchtegernrockstars – je näher die Geräuschquelle dem Ohr des unfreiwilligen Hörers kommt, desto größer fällt der Ärger aus. Dasselbe, nur auf das Verhältnis Duft – Nase bezogen, gilt für Gerüche, die ein Grill oder ein Komposthaufen zu erzeugen vermag.

Einher geht mit dem Trend zum kleineren Grundstück die Tendenz, dasselbige als Verlängerung des Wohnzimmers zu betrachten. Der Rasen muß wie ein Teppich sein, Bäume und Sträucher haben sich bei Strafe sofortigen Rückschnitts artig zu benehmen. Die Picobello-Blumenrabatten sehen aus, als würden die Flächen zwischen den Pflanzen mit Unkrautex gepflegt. Dieser Stil, ein Grundstück zu gestalten, zu dem am besten ein Sonntagskind im Matrosenanzug paßt, das sich nicht dreckigmachen darf, hat sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Verbunden ist er mit den Siegeszügen des Motorrasenmähers und des Rasensprengers in den Hausgärten, aber eben auch mit dem Bestreben, Störfaktoren möglichst auszuschalten. Zu denen aber gehören Laub oder Nadeln von den Bäumen des Nachbarn ebenso wie Samen von Wildkräutern oder der Schatten einer Hecke jenseits des Zaunes.

Schnell entlädt sich in solchen Verhältnissen an einem Zweiglein, das beim Schneiden der Sträucher über die Grenzmarkierung fiel, der Frust, der sich im Alltag aufgestaut hat. Denn das Leben vieler Menschen hierzulande ist ja nicht eben sorgloser geworden. Und Bewährung bei Zoff und Zickereien gilt vielen als „taff“ und „cool“, so wie es sich in den Scheinwelten des Fernsehens – und beileibe nicht nur des privaten – vom „Dschungelcamp“ bis hin zu vorgeblich seriösen Talkshows auslebt.

Wer kommt gegen all das an? Wer Nachbarn hat, sollte es zumindest versuchen. Denn eskalierender Streit kann dazu führen, daß einer der Kontrahenten die Walstatt verläßt, also wegzieht und sein Grundstück vielleicht sogar mit Verlust verkaufen muß. Großzügigkeit und Toleranz führen weiter als Engstirnigeit und Streithanselei. Selbst wer im Recht ist, muß nicht als Gewinner vom Platz gehen.

Ein Nachbarstreit beginnt meist mit Kleinigkeiten, wer in dieser Phase ein Auge zudrücken kann, verhütet oft Schlimmeres. Läßt es sich nicht vermeiden, das Problem anzusprechen, ist es ratsam, der Volksweisheit zu folgen, nach der das Gefallen an der Musik vom Ton abhängt, in dem sie vorgetragen wird. Schon die Einladung auf ein Bier oder Glas Rotwein kann das Gespräch aufs richtige Gleis bringen. Die Kenntnis von Regeln, wie sie die Nachbarrechtsgesetze der meisten Bundesländer festhalten, kann sehr hilfreich sein, ersetzt aber nicht Takt und auch Humor im Miteinander. Wenn zum Beispiel ein frischgepflanzter Baum des Nachbarn die vom Gesetz geforderte Mindestentfernung zur Grundstücksgrenze nicht einhält, kann man darauf bestehen, daß sich der Nachbar als gesetzestreuer Bürger bewährt. Man kann ihm aber auch anbieten, beim Ausbuddeln und Neupflanzen des Baumes zu helfen. Und das gemeinsame Werk hinterher gemeinsam begießen.

Selbstverständlich gibt es Belastungen und Belästigungen, bei denen Großmut Grenzen findet. Wer es ständig mit lautstarken Parties auf dem Nachbargrundstück bis weit nach Mitternacht zu tun hat und erlebt, daß auch mehrmaliges Einschalten der Polizei nichts hilft, kann an den Rand der Verzweiflung geraten. Zu verhelfen vermag ihm allenfalls noch ein Gericht, das saftige Strafen für den Verstoß gegen die Regeln zivilisierten Zusammenlebens verhängt.

Wer wirklich im Streit mit dem Nachbarn steckt, wird schnell merken, wie wenig ihm die ausführenden Organe des Staates helfen. Ordnungsamt und Polizei meiden die Beschäftigung mit nachbarlichen Zwistigkeiten wie der Teufel das Weihwasser. Meistens bleibt nur der Weg einer zivilgerichtlichen Auseinandersetzung. Wer keine andere Wahl als diese hat, sollte in jedem Fall versuchen, die örtliche Schiedsstelle einzuschalten, um ein Schlichtungsverfahren einzuleiten. In einer Reihe von Bundesländern ist der Nachweis eines gescheiterten Schlichtungsversuches sogar Bedingung dafür, daß ein Gericht über die Klage in einem nachbarrechtlichen Streit überhaupt verhandelt.

Tja, und wenn die Sache dann doch vor Gericht gelangt, kann man den Prozeß auch verlieren. Am einfachsten stellt sich die Sache immer noch dar, wenn es sich um Fälle handelt, für die in den Nachbarrechtsgesetzen der Länder – nur Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Hamburg haben keines – klare Regelungen vorhanden sind: zum Beispiel für die Mindestabstände von Bäumen, Sträuchern oder Hecken. Eher ungewiß ist der Ausgang des Verfahrens, wenn der Richter sich ans Bürgerliche Gesetzbuch halten muß, das Abwehrmöglichkeiten vorsieht, wenn vom Nachbargrundstück „wesentliche Beeinträchtigungen“ ausgehen. Aber ab wo überschreitet ein herüberwachsender Ast außer der Grenze der Grundstücke auch die zwischen dem Unwesentlichen und dem Wesentlichen? Das ist ein weites Feld. Aber selbst ein Sieg vor Gericht geht immer mit einem gravierenden Verlust einher, dem des nachbarlichen Friedens.

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