Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Erinnern an die Zukunft

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 23): Bei Iswall, Trullesand und Schröder

Von Holger Becker

Kennen Sie noch Robert Iswall und Gerd Trullesand? Nie kennengelernt? Dann sollten Sie das nachholen. Hermann Kants Roman „Die Aula“, den Generationen von Abiturienten im Osten und auch einige im Westen gelesen haben, macht immer noch Spaß. Iswall und Trullesand sind seine wichtigsten Figuren, Elektriker von Beruf der eine, Zimmermann der andere. Beide schon als junge Männer gezeichnet von Hitlers Krieg, sollen und wollen studieren, wozu ihnen aber die herkömmlichen Voraussetzungen fehlen. Gemeinsam mit anderen Jungerwachsenen, die ebenfalls ohne bildungsbürgerliche Starthilfe auskommen müssen, lernen sie auf der 1949 eröffneten Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald für die Hochschulreife. Der Roman handelt von der vielleicht größten Leistung der DDR, nämlich den Kindern jener Schichten, die heute wieder als „bildungsfern“ beschrieben werden, den Weg auf die hohen Schulen zu öffnen – und zwar als vom elterlichen Kontostand unabhängiger Normalfall, ohne daß eine Arbeiterfamilie sich „weißbluten“ muß, wie es bei Kant heißt. Der erzählt es als eine Geschichte funkensprühender Widersprüche mit Freude und Ärger, Liebe, Freundschaft und Verrat und den für den einzelnen ebenso anstrengenden wie mitunter nicht ungefährlichen Beklopptheiten der ausgehenden Stalin-Zeit wie auch danach.

Kants Roman erschien als Buch 1965 im Verlag Rütten und Loening, nachdem ihn 1964 die Studentenzeitung „Forum“ vorabgedruckt hatte. Die ABF mit ihren ca. 30.000 Absolventen hatten schon 1963 ihre Aufgabe erfüllt und waren geschlossen worden, was in Kants Buch übrigens die sog. Rahmenhandlung abgibt. Denn Iswall, der Journalist geworden ist, soll auf das Ende der ABF eine Rede halten, weshalb die Erinnerungen bei ihm Revue passieren. Jugend und Bildung waren in jener Zeit nach dem Mauerbau, als DDR-Staatschef Walter Ulbricht mit seinem Neuen Ökonomischen System dem Leitbild einer intelligenzintensiven Produktion zustrebte, ein großes Thema im Ostteil Deutschlands. Vorausgegangen war dem schon der Abschied vom gegliederten Schulsystem. Seit 1959 gab es eine einheitliche Schulform – die zehnklassige polytechnische Oberschule.

Das alles übte durchaus Druck nach außen aus. Der Westen Deutschlands begann um seine Wettbewerbsfähigkeit zu fürchten, falls er die Talentreserven insbesondere der Arbeiterkinder brach liegen ließ. Ab Mitte der 1960er Jahre kam es auch westlich von Elbe und Werra zu dem, was man Hochschulöffnung nennt. 1970 schaffte die Bundesrepublik die Studiengebühren ab, kurz darauf führte sie das Bafög für Studenten und sogar für Oberschüler ein. Es schien so, als sähen die Zustände einer Besserung entgegen. Was ist davon geblieben?

Diese Frage beantwortet der Journalist Marco Maurer in seinem Buch „Du bleibst, was Du bist“. Er zeigt, wie trügerisch die seit langem währende Ruhe in bildungspolitischen Fragen doch ist. Zwar stieg die sog. Abiturquote in der Bundesrepublik inzwischen auf benebelnde 40 Prozent der Schüler eines Jahrgangs. Aber 77 Prozent derer, die heute ein Studium beginnen, haben Eltern, die selbst über einen akademischen Abschluß verfügen. Nur mit 23 Prozent sind an den Universitäten und Hochschulen die Kinder von Nicht-Akademikern vertreten. Soziale Durchlässigkeit sieht anders aus.

Den fiesesten Filter stellt das mehrgliedrige Schulsystem dar, das seit Kaiser Wilhelms Zeiten soziale Schichtungen reproduziert. Je nach Bundesland gibt es Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und dazwischen Gesamtschulen. In den meisten Bundesländern steht für die Kinder nach der vierten Klasse eine Lebensentscheidung an: Geht es weiter auf dem Gymnasium und dann auf der Hochschule oder wird der Lebensweg über die Haupt- oder Realschule in Richtung mit RTL und SAT1 geistig abzufütternder „Unterschicht“ vorgezeichnet? Maurer, der selber Opfer einer Hauptschulempfehlung eines Lehrers wurde, beschreibt plastisch, wie das so ist. Wer den Spruch zu hören bekommt: „Gymnasium, das ist nichts für Dich“, der hat meistens schlechte Karten, das heißt: Lehrer mit Vorurteilen, Eltern ohne prallgefüllte Geldbörsen und Bücherregale, Mangel an Selbstvertrauen und Motivation. Bei Kindern aus Akademiker-Haushalten bestehen die Eltern meistens darauf, den Weg in die höheren Sphären der Bildung einzuschlagen. Gymnasium ist dort Muß. Und wenn die Fähigkeiten des Kindes dafür nicht reichen, läßt sich Nachhilfe finanzieren. In keinem anderen Land der Welt erfolge die Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen so früh wie in Deutschland, zitiert Maurer den Berliner Soziologen Reinhard Pollak, der das jetzige gesamtdeutsche Schulsystem eine „Sortiermaschine“ nennt.

Gegen Versuche, das zu ändern, gibt es harten Widerstand, von finanziell potenten Freunden der Zementierung unsozialer Zustände. Als letzter mußte das der CDU-Politiker Ole von Beust erfahren, als er als Hamburger Bürgermeister in der Hansestadt statt der vierjährigen Grundschule eine sechsjährige Primarschule und somit zwei Jahre längeres gemeinsames Lernen aller Kinder in der Hansestadt einführen wollte. Er scheiterte an einer Phalanx aus der Hamburger „Oberschicht“, die eine „Volksinitiative“ gründete, die ihrer Liebe zum wilhelminischen Schulsystem in einer geschickt inszenierten Kampagne mit Anzeigen, Radiospots und Veranstaltungen Ausdruck gab und schließlich 2010 einen Volksentscheid gewann, wonach von Beust zurücktrat.

Als Vorbild, wie es sein könnte und müßte, sieht Maurer Finnlands Schulsystem an. Er ist hingefahren, um das zu erleben. Neun Jahre lernen die Kinder dort in einer alle integrierenden Schule. Schulmaterial, das Schulessen und auch nötigen Nachhilfeunterricht bezahlt der Staat. Immer arbeiten gleichzeitig zwei Lehrer mit der Klasse, manchmal auch drei. Außerdem gibt es noch Unterrichtsassistenten, die den Lehrern zur Hand gehen und Lehrer, die an die Schulen kommen, um bestimmte Auffälligkeiten wie zum Beispiel Lese-Rechtschreib-Schwächen zu sichten, sowie Schulpsychologen, Sozialarbeiter und Krankenschwestern, die tatsächlich mehrere Tage die Woche an den Schulen anwesend sind. Wie zuhause gehen die Kinder in der Schule auf Socken, denn sie sollen sich heimisch fühlen. Das Erfolgsgeheimnis der finnischen Schule, die bei internationalen Vergleichsstudien immer wieder vordere Plätze belegt, erzählt eine Lehrerin dem Journalisten, bestehe in folgendem: „Wir werden im Gegensatz zu Euren Lehrern in Deutschland nicht alleingelassen.“

Nicht nur wer Kants Aula kennt, wird sich bei Maurers Buch fragen: Wann kommt er auf das DDR-Bildungssystem zu sprechen? Kann es seriös zugehen, ohne einen kleinen historischen Exkurs, wenn das Antwortversprechen des Buchuntertitels eingelöst werden soll: „Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet“? Spätestens beim Finnland-Kapitel klingelt es „bei uns“ in den Ohren. Immerhin war da einmal ein Bildungsminister in Brandenburg namens Steffen Reiche, der die DDR eigentlich so wenig mochte wie Bratenfett auf dem Sonntagsanzug. Doch im Jahr 2004 erzählte er öffentlich: „Als im Mai 2003 die Bundesbildungsministerin sich mit einer Handvoll Kollegen aus den Bundesländern auf den Weg nach Helsinki machte, wurden wir in der dortigen Qualitätsagentur mit der Frage begrüßt, was wir überhaupt sehen und lernen wollten? Alles was man zeigen könne, habe man schließlich von Deutschland gelernt. Schnell war klar, daß damit nicht nur von Rochow, Fröbel und von Humboldt gemeint waren. Gemeint war vielmehr das (oft sagt man mit falscher Betonung: einheitliche) Schulsystem aus DDR-Zeiten.“ Und Reiche, den wir hier nach der Zeitschrift „perspektive21. Brandenburgische Hefte für Wissenschaft und Politik“, Heft 24, August 2004 zitieren, fügte hinzu: „Bis 1990 hatten wir eine gemeinsame Schule, zweifellos stark reformbedürftig. Doch leider hat Ostdeutschland schon damals das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Der Nachwende-Reformzug sollte ostdeutsche Gleise so schnell wie möglich verlassen. Dabei haben viele in der Eile der damaligen Zeit übersehen, daß die Grundstrukturen des DDR-Schulsystems – entkernt um all ihren ideologischen Ballast – durchaus ein tragfähiges Fundament für eine bundesweite Reformdiskussion hätten sein können.“ Bei Maurer zu diesem Thema kein Wort.

Lustigerweise hat Hermann Kant seinem Roman zwei Sätze von Heinrich Heine vorangestellt, die hier wie die Faust aufs Auge passen: „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“ Maurer drückt sich davor, Heines Forderung zu erfüllen. Warum auch immer.

Viel ist bei Maurer vom „Aufstieg“ durch Bildung und auch von „Aufsteigern“ die Rede, zu denen der Autor sich selber zählt. Vom Molkereifachmann hat er es zum Journalisten gebracht, dessen Artikel heute in der „Zeit“ die Studienräte lesen. Er hat auch mit mehreren „Aufsteigern“ geredet, Außenminister Walter Steinmeier zum Beispiel, Cem Özdemir von den Grünen oder Bahnchef Rüdiger Grube. Sie seien anders als Leute, die mit goldenem Löffel im Mund geboren worden sind und vergleichbare Positionen einnehmen, unkonventioneller, improvisationsfähiger, mit größerer sozialer Kompetenz ausgestattet. Mag sein. Aber sie sind aufgestiegen, um von oben nach unten zu gucken. Das ist aber etwas anderes als eine Auffassung, die Bildung als Voraussetzung und Bestandteil kollektiver Emanzipation sieht, so wie das früher auch die SPD mal tat. Lange her. Und es waren gerade von der bundesdeutschen Hochschulöffnung profitierende „Aufsteiger“ aus der SPD wie Gerhard Schröder oder Steinmeier, die mit der Agenda 2010 das größte antisoziale Massaker der deutschen Nachkriegsgeschichte veranstalteten. Wie das kommt, haben Soziologen erforscht. Man kann es auch bei dem Politikwissenschaftler Franz Walter nachlesen in dessen Suhrkamp-Buch „Vorwärts oder abwärts? Zur Transformation der Sozialdemokratie“. Für Leute wie Schröder, erklärt er uns bündig, ist der Erfolg schlechthin „das Attestat für Leistung, Fleiß, Tüchtigkeit.“ Ethos und Prinzipien spielen keine Rolle mehr. An die Stelle des Kümmerns um andere ist der schneidige Appell bzw. Befehl geworden, selbst Verantwortung zu über- und jede Arbeit anzunehmen.

Worum es beim Thema Bildung eigentlich gehen muß, diese große Dimension fehlt Maurers dennoch zu begrüßendem Buch. Aber Kants „Aula“, deren Lektüre quasi ein Erinnern an die Zukunft bedeutet, ist ja in Bibliotheken wie im Buchhandel zu haben.

Hermann Kant: Die Aula. Verlag Rütten und Loening. Berlin 1965. 466 Seiten. Im heutigen Aufbau-Verlag ist das Buch in der Reihe „Schöne Klassiker“ für 12.99 Euro erhältlich

Marco Maurer: Du bleibst, was Du bist. Droemer Knaur, München 2015. 388 Seiten. 18 Euro

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