Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Energetische Gentrifizierung“

Berlin: Mieter wehren sich gegen Verschandelung ihres Hauses mittels unwirtschaftlicher Dämmung

Wer eine Wohnung in der Kavalierstraße 19/19A in Berlin-Pankow ergattern konnte, hat Glück gehabt. Das konnte man zumindest bis vor kurzem denken. Das im Stil der sogenannten Reformarchitektur 1913 errichtete Wohnhaus ist ein überaus interessantes Zeugnis der Baukultur. Hinter der wohlproportionierten Fassade mit ihren feingegliederten Kastenfenstern und sparsam eingesetzten Ornamenten liegen große helle Wohnräume mit außergewöhnlichen Parkettfußböden. Beheizt werden sie mit der noch vorhandenen originalen Zentralheizung. Der Clou des Gan-zen ist eine zentrale Staubsaugeranlage, eine haustechnische Rarität.

Doch mit der architektonischen Herrlichkeit könnte es bald vorbei sein. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gesobau als Eigentümerin des Hauses will eine „energetische Sanierung“ starten. Vor die ziemlich dicken Außenmauern sollen Dämmplatten gehängt, die alten, recht leicht aufzuarbeitenden Kastendoppelfenster neuzeitlichen Isolierfenstern weichen. Die Mieter sollen dafür mit Modernisierungsaufschlägen zahlen.

Doch die wollen sich diese Art von „Sanierung“ nicht gefallen lassen und gründeten den „Verein zur Bewahrung historisch-wohnkulturell bedeutender Gebäude in der Kavalierstraße, Berlin-Pankow“. Im Bemühen, den Mord am architektonischen Charme des Hauses ebenso abzuwenden wie die finanzielle Belastung der Mieter durch nicht amortisationsfähige Dämmaßnahmen, entwickelte dieser Verein emsige Aktivität. An die Gesobau richtete sich ein Offener Brief, in dem vor allem auf die mangelnde Wirtschaftlichkeit der Fassadendämmung hingewiesen wird. An die Denkmalschutzbehörde des Landes Berlin ging der Antrag, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen, und an die Presse jüngst eine Einladung, sich über die Sorgen der Mieter in der Kavalierstraße direkt zu informieren.

Das Pressegespräch, zu dem sich einige Berliner Journalisten am 19. März in der Kavalierstraße einfanden, verdeutlichte, welch dickes Brett hier zu bohren ist.

Recht eindrucksvoll fiel der straffe Vortrag von Jascha Braun aus, Mitbegründer der Initiative „Gegen die Zerstörung historischer Fassaden durch Außendämmung“. Anhand von Vorher- und Nachher-Fotos verdeutlichte er, was die Dämmung auf der Außenseite von Hausmauern im Berliner Stadtbild bereits angerichtet hat. Betroffen sind Gebäude verschiedener Entstehungszeiten und Stilrichtungen von Gründerzeit und Jugendstil bis hin zum DDR-Plattenbau. Eine Auswahl dieser Zeugnisse läßt sich auf der Website www.fassadenretter.de besichtigen. Häuser, die unter Denkmalschutz stehen, sind davon zwar nicht betroffen. Aber die machen nur 3,5 Prozent des Berliner Gebäudebestandes aus.

Daß diese Verschandelung der Lebensumwelt recht abstoßend ist, dem mochte auf dem Podium keiner widersprechen. Doch, so sagte einer, das seien „Kollateralschäden“ einer „im Grundsatz berechtigten“ energetischen Sanierung. Das kam von Florian Mausbach. Der Altachtundsechziger und Ex-Maoist hat von 1995 bis 2009 als Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung fungiert und die Berliner Regierungsbaustellen beaufsichtigt. In die Kavalierstraße hatte ihn wohl der mitveranstaltende Verein „Denk mal an Berlin!“ gebracht, der seine Fäden im hauptstädtischen Establishment zieht und dem Berlins Toilettenkönig Hans Wall vorsteht. Auch dessen Geschäftsführerin Agnete von Specht sorgte sich um den „Umweltgedanken“, welcher durch „brutale Energieeinsparmaßnahmen“ Schaden leide.

Mit dieser Ja-Aber-Haltung konnte allerdings Harald Simons, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, wenig anfangen. Er rechnete nüchtern anhand der von der Gesobau selbst stammenden Angaben vor: Die Kosten für die Sanierung schlagen monatlich mit 2,21 Euro pro Quadratmeter zu Buche, die Energieeinsparung beträgt aber nur 57 Cent pro Quadratmeter und Monat. Daraus resultieren Verluste für Mieter und Vermieter. Die Mieter bekommen sie in Form höherer Miete zu spüren, die Gesobau, weil es für die städtischen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin eine Kappungsgrenze auch bei der Modernisierungsumlage gibt, so daß sie die Sanierungskosten nicht vollständig refinanzieren kann.

Auf die Frage der „Grundstück“-Redaktion, ob der Hund nicht bei den ordnungspolitischen Vorgaben begraben liegt, die insbesondere in Form der Energieeinsparverordnung (EnEV) die Hauseigentümer zu unwirtschaftlichen Maßnahmen zwinge, wenn sie denn überhaupt Mittel für die Erhaltung ihres Gebäudebestandes akquirieren wollen, antwortete Simons mit einem klaren Ja. Es gehe hier nicht um Umweltschutz, sondern um Geld. Man solle sich nur einmal anschauen, wie sich die Preise für Dämmstoffe oder auch Brennwertkessel im Zuge der verschärften EnEV-Anforderungen nach oben entwickelt haben. Das Ganze sei „Geldschneiderei mit Heiligenschein“.

Unwirtschaftliche „energetische Sanierung” verteuert die Wohnkosten in Deutschland. Eine Studie des Instituts für Wärme und Öltechnik (IWO) sprach jüngst davon, daß damit soziale Ungleichgewichte verstärkt und Haushalte mit unterdurchschnittlichem Einkommen überproportional belastet würden. Auch beim Treffen in der Berliner Kavalierstraße sprach das einer der Teilnehmer an. Tilo Trinks vom „Pankower Mieterprotest“ sagte: „Was wir hier erleben, das ist die energetische Gentrifizierung.“

H. B.

PS 1: Die Zeitung „Der Tagesspiegel“ zitierte am 21. März den Prokuristen der Gesobau Lars Holborn. Der habe die Idee zurückgewiesen, eine energetische Sanierung müßte sich für den Mieter rechnen. Vielmehr sei es wegen des Klimawandels gewollt, daß energetisch modernisiert werde. PS 2: Laut einem Urteil des Amtsgerichts Pankow-Weißensee vom 28. Januar 2015 müssen Mieter die Dämmung der Fassade nicht dulden, wenn diese unwirtschaftlich ist. Im vorliegenden Fall wäre die Umlage erst nach 20 Jahren rechnerisch niedriger gewesen als die eingesparte Heizenergie. „Dann kann von einer modernisierenden Instandsetzung aber nicht mehr die Rede sein“, stellte das Gericht fest.

zurück