Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gefühlte Apokalypse

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 22): Vor 70 Jahren in Demmin und anderswo

Von Holger Becker

„Weißt Du, warum die Westalliierten fast bis zum Schluß des Krieges die deutschen Städte bombardierten? Ich kann es Dir sagen: Sie wollten keine Situation wie 1918, als der verlorene Krieg in eine Revolution mündete. Die Bomben auf deutsche Städte schweißten die Bevölkerung mit dem Hitlerregime zusammen. Über ein Deutschland, das den Krieg von sich aus beendet, hätte man nicht die vollständige Kontrolle übernehmen können.“

Der 95jährige Millionär aus New York bemerkte das ungläubige Gesicht seines um Jahrzehnte jüngeren Gegenüber: „Du kannst es mir glauben, ich habe es in etlichen Gesprächen mit Finanzleuten und Politikern in Amerika gehört“, sagte der Mann, der auf der Kante seines Bettes in einem der nobleren Berliner Hotels saß. Die Begegnung fand 1999 statt. Es war das letzte Treffen des Reporters mit dem alten Herrn, der beim ersten Kontakt der beiden im Jahre 1991 erzählt hatte, er komme gerade von einem Mittagessen mit dem Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl.

Ein Spinner? Wer den Lebensweg von Günter Reimann (1904 bis 2005) kennt, wird die Frage zurückziehen. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Angermünde in der Uckermark, geboren als Hans Steinicke, den Namen Günter Reimann nahm er später aus konspirativen Gründen an, war Ökonom. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre schrieb und redigierte er Wirtschaftsartikel für das KPD-Zentralorgan „Die Rote Fahne“, bis ihn dort 1930 Jürgen Kuczynski ersetzte. Bevor ihn die Gestapo 1933 verhaften konnte, floh er erst nach Prag, dann nach Wien, Paris, Amsterdam und London, schließlich 1938 in die USA, wo er dann für das International Statistic Bureau arbeitete. Er schrieb Bücher über die Wirtschaftssysteme des faschistischen Deutschlands und des faschistischen Italiens. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs engagierte er, dessen Schwester Margot im KZ Auschwitz umgebracht worden war, sich gegen den Morgenthau-Plan, der die Deindustrialisierung Deutschlands vorsah. Und wie die „New York Times“ in ihrem Nachruf auf Günter Reimann berichtete, half sein Zeugnis vor dem US-Kongreß, nach Kriegsende die Bestimmungen des Trading with the Enemy Act aufzuheben, die Handel mit Deutschland verboten. Nur so wurden die berühmten Care-Pakete mit Nahrung, Kleidung und Medizin möglich, die Menschen in den westlichen Besatzungszonen aus den USA erhielten.

Seinen größten Einfluß aber erreichte der alte Freund und Korrespondenzpartner Herbert Wehners, indem er 1946, nun als US-Bürger,  den Informationsdienst „International Reports on Finance and Currency“ gründete. Diesen weltweit führenden Newsletter für Finanz- und Währungsfragen mit Korrespondenzbüros in Europa, Südamerika und Asien abonnierten Zentralbanken, Ministerien in vielen Ländern und die Hauptquartiere von mehr als 500 international tätigen Unternehmen für teures Geld. 1981 verkaufte er ihn an den Verlag der „Financial Times“.

70 Jahre nach dem Befreiungsmai von 1945 ist die Frage durchaus angebracht: Warum war es zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland anders als zum Ausgang des Ersten, als viele Soldaten und Matrosen die Gewehre umdrehten? Warum mußten sich die sowjetischen Truppen gegen erbitterten Widerstand bis ins Stadtzentrum von Berlin vorkämpfen, obwohl nach Einschätzung des Nazi-Sicherheitsdienstes 1944 in der Bevölkerung Kapitulationsbereitschaft vorherrschte.

Um Antworten zu finden, ist sicher ein komplexes Geflecht von Faktoren aufzudröseln, zu denen schon der Umstand gehört, daß die deutsche Bevölkerung anders als im Ersten Weltkrieg bei der zweiten Auflage des großen Mordens nicht selber hungern mußte. Aber auch Günter Reimanns Hinweis sollte beachtet werden.

Denn in den Bombennächten wie an den Bombentagen, die bis zum 20. April 1945 andauerten, also bis fast zum letzten Ende des von Hitler und dem deutschen Großkapital angezettelten Krieges, bekamen die betroffenen Deutschen die Ansage, keine Nachsicht erwarten zu sollen. Nichts gewußt zu haben von den furchtbaren Verbrechen, die Leute in deutschen Uniformen in den besetzten Ländern begangen hatten, war kaum möglich, auch wenn das Wissen sich ebenso abstufte wie die Verantwortung für die Greuel. Der Vater eines Richard von Weizsäcker als Spitzendiplomat und in den Mord an den Juden Europas direkt verwickelter Politiker wußte viel mehr und ganz anderes als ein kleiner Postbeamter irgendwo im Reich. Die Planungen der Westalliierten für die zivilen Bombenziele konzentrierten sich aber nicht auf die Villenviertel, sondern auf die Arbeiterquartiere.  Die typischen Berliner Mietskasernen wurden zum Training für die Piloten in der Wüste von Utah sogar nachgebaut.

Hinzu kamen die Wirkungen der Nazi-Propaganda. Gezielt schürte Propagandaminister Joseph Goebbels die Angst insbesondere vor den mit Macht vorrückenden sowjetischen Truppen. Was den Deutschen drohe, sollten die Ereignisse in dem kleinen ostpreußischen Nemmersdorf (heute Majakowskoje im Gebiet Kaliningrad) am 21. Oktober 1944 bewiesen haben. Die Rote Armee hatte die Ortschaft, deren meiste Einwohner geflohen waren, kurzzeitig besetzt, mußte sie dann aber wieder räumen. Was nach dem Sturm der sowjetischen Soldaten auf das strategisch nicht unwichtige Dorf geschah, ist bis heute nicht restlos geklärt. Insgesamt verloren nach verschiedenen Angaben zwischen 23 und 30 deutsche Zivilisten ihr Leben. Viele, darunter Frauen und Kinder, wurden von sowjetischen Soldaten mit Kopfschüssen getötet. Man weiß bis heute nicht, warum. Nach den Berichten von Augenzeugen, zu denen auch der spätere Schriftsteller Harry Thürk gehörte, könnten einige der Getöteten Opfer der Kampfhandlungen geworden sein. Vergewaltigungen von Frauen durch Rotarmisten scheint es, nach dem heutigen Erkenntnisstand, noch nicht gegeben zu haben.

Goebbels´ Propagandisten sahen in Nemmersdorf „Bestien“ am Werk. Das zweifellos brutale Vorgehen der Roten Armee gab den Anlaß, die Furcht vor den „bolschewistischen Horden“ ins Maßlose zu steigern. Fotos und Filmaufnahmen zeigten tote Frauen mit hochgeschobenen Röcken und zerrissener Unterwäsche. Später kamen Berichte hinzu über nackte Frauen, die an Scheunentoren und Leiterwagen gekreuzigt worden seien.

Vieles davon ist offenbar nicht haltbar. Dennoch: Die Rote Armee bestätigte bei ihrem Vormarsch die Ängste. Die aus dem Osten in Richtung Westen flohen, berichteten von brennenden Städten, Plünderungen und immer wieder von Vergewaltigungen. Es muß den Menschen vorgekommen sein, wie eine apokalyptische Walze, die da auf sie zurollte. Wer als Nachgeborener einen Eindruck erhalten will, was sich da abspielte, als „die Russen“ kamen, muß sich durch ein Gebirge von Literatur arbeiten. Er liest von sowjetischen Soldaten, die gleich nach der Eroberung eines Ortes mit deutschen Kindern spielen, während andere Frauen und Mädchen im Nebenzimmer zum Sex zwingen. Er liest von Städten, die zum Plündern freigegeben werden, weil Fanatiker auf Rotarmisten geschossen haben, aber auch von Orten, wo sich sowjetische Offiziere sofort um die Versorgung der deutschen Bevölkerung kümmern. Das alles findet vor einem Hintergrund statt, der immer wieder ausgeleuchtet werden muß: Fast jeder der jetzt heranrückenden Soldaten hat durch die deutschen Verbrechen in seiner Heimat Angehörige verloren. Die Männer sind jung, aber oft seit dem ersten Tag des Krieges im Einsatz – ohne Urlaub. Ihr Land hat alle Reserven zur Abwehr des Aggressors mobilisiert – bis hin zum Haß auf die Deutschen, wie ihn die bekanntesten Schriftsteller des Landes von Michail Scholochow bis Ilja Ehrenburg propagieren. Und was viele von ihnen erleben müssen, als sie Konzentrationslager wie Auschwitz, Ravensbrück oder Sachsenhausen befreien, ist nun gar nicht dazu angetan, freundliche Gefühle zu erzeugen.

Einen Kulminationspunkt findet das apokalyptische Geschehen in der Welle von massenhaften Selbstmorden, die im Fühjahr 1945 Deutschland erfaßt. Der Autor und Filmemacher Florian Huber hat das jetzt insbesondere am Beispiel der alten Hansestadt Demmin in Vorpommern dargestellt. Nachdem die Rote Armee Ende April 1945 die kampflos übergebene Stadt an der Peene besetzt hatte, nahmen sich viele der Einwohner das Leben und töteten auch ihre Kinder. 900 Menschen sollen so zu Tode gekommen sein. Nicht vollständig aufgeklärt ist, was dem vorausging. Angeblich soll der Demminer Apotheker sowjetische Offiziere zum Umtrunk eingeladen und ihnen vergifteten Wein gegeben haben. Jedenfalls brannte die Stadt zum 1. Mai. Es wurde geplündert und vergewaltigt.

Was besonders verstört an den Ereignissen in Demmin, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen sich und ihren Angehörigen das Leben nahmen. Ist der Freitod, normalerweise eine Entscheidung, die zutiefst verzweifelte Menschen im Verborgenen fällen, war er damals längst Gespächsthema beim Kaffeekränzchen. Und das nicht nur in Demmin. Man hatte sich Gift oder Waffen besorgt oder den Strick bereitgelegt.  Huber versucht, die Motivstruktur dafür aus der Erinnerungsliteratur zu ergründen, wobei er überwiegend Bücher von Mitläufern des Naziregimes heranzieht, die tatsächlich Verluste und Strafe, vielleicht sogar Rache fürchten mußten. Das ist für Demmin nicht rundweg von der Hand zu weisen, wo die NSDAP schon vor dem 30. Januar 1933 besonders gute Wahlergebnisse einfuhr. Alles in allem führt es bei ihm aber in Richtung einer Kollektivschuldthese, wie sie vor Jahren Jonathan Goldhagen in seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ ausbreitete.

Die Bomben aus den Flugzeugen der Briten und Amerikaner aber trafen Schuldige wie Unschuldige, die apokalyptische Walze des Krieges überrollte  Schuldige wie Unschuldige – von Osten her, aber auch von Westen, wo nach Schätzungen der Autorin Miriam Gebhardt US-Soldaten rund 180.000 Frauen vergewaltigten.  Bei alledem schlug auf Deutschland zurück, was es ab 1939 angezettelt hatte. Dennoch ist der konkrete Verlauf der letzten Kriegswochen wohl nicht zu verstehen, ohne sich in die Welt politischer Hintergedanken zu versetzen, in der sich Günter Reimann so glänzend auskannte. „Ein erfolgreicher Aufstand in Deutschland wäre auch Stalin in die Quere gekommen“, meinte er.

Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin Verlag. Berlin 2015, 304 Seiten. 22,99 Euro

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