Verband Deutscher Grundstücksnutzer

In 116 Jahren amortisiert

Berlin-Pankow: Mieter müssen für Fassadendämmung tief in die Tasche greifen

Muß da noch eine Dämmschicht drauf?

821 Euro und 60 Cent sind es, die Mieter einer 85-Quadratmeter-Wohnung in der Trelleborger Straße im Berliner Bezirk Pankow bald Jahr für Jahr mehr zahlen sollen, weil ihr Haus, wie es im Fachchinesisch heißt„energetisch ertüchtigt“ wird. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft GESOBAU will 16 Zentimeter dicke Dämmplatten an die Fassade bringen.

Was haben die Mieter davon außer einem Loch in der Geldbörse? Laut einem Wirtschaftlichkeitsgutachten, das die Betroffenen selbst anfertigen ließen, rein gar nichts. Zur Zeit fallen für die besagte Wohnung jährlich Heizkosten in Höhe von 655,34 Euro an (wobei der Gasverbrauch fürs Kochen schon eingerechnet ist).

Die Fassadendämmung kann laut dem Bundes-Heizspiegel, den das Bundesumweltministerium erstellt, eine Energieeinsparung von 12 Prozent jährlich bringen. Das wären in diesem Fall 78,64 Euro im Jahr. Damit kostet die Fassadendämmung die Mieter in der Trelleborger Straße 10,4 Mal mehr als sie ein-spart (wobei in diesem Fall sogar noch zu berücksichtigen ist, daß die GESOBAU die Gas- gegen Elektroherde austauscht, also auf die Mieter noch zusätzliche Stromkosten zukommen).

Rund elf Jahre wird es dauern, bis die Mieter die Gesamtkosten von 9.128,84 Euro für die Fassadendämmung abbezahlt haben. Amortisiert aber hätten sich ihre Aufwendungen aber erst nach 116 Jahren.

Das Beispiel illustriert, was die jüngste Studie „Energetische Gebäudesanierung in Deutschland“ des Instituts für Wärme und Öltechnik (IWO) meint, wenn es dort heißt: „Insgesamt verteuert die energetische Gebäudesanierung das Wohnen teils erheblich, Haushalte mit unterdurchschnittlichem Einkommen sind davon überproportional betroffen.“

Das bestätigt auch Tilo Trinks vom „Pankower Mieterprotest“, in dem sich vor allem Betroffene der GESOBAU-Pläne zusammengeschlossen haben. Die Kosten für die Fassadendämmung sind ja noch längst nicht das Ende der Fahnenstange. So sollen in den Bädern und Küchen elektrisch betriebene Lüftungen eingebaut werden. Die schlagen jährlich für die besagte 85-Quadratmeter-Wohnung mit 89,25 Euro zu Buche.  Hinzu kommen Stromkosten für den Betrieb der Lüftungen von 50 Euro jährlich und noch gar nicht bezifferbare Wartungskosten. Außerdem zählt zum Paket der „Ertüchtigung“ auch der Fenstertausch: durchaus tüchtige Kastenfenster müssen Kunststoff-Isolierglas-Fenstern weichen, wofür 33,03 Euro jährlich zu zahlen sind. Alles in allem summieren sich die Mehrkosten für die angeblichen Einsparmaßnahmen auf 960,85 Euro im Jahr, rechnet Tilo Trinks vor. Das ist dann schon das 12,2fache der 78,63 Euro für den angenommenen Minderverbrauch.
Abzusehen ist: Viele Mieter mit geringeren Einkünften werden sich in Pankow und andernorts ihre bisherigen Wohnungen nicht mehr leisten können. Die von der großen Koalition beschlossene „Mietpreisbremse“ wird ihnen nicht helfen. Im Gegenteil: Da diese „Bremse“ bei der Modernisierung, zu der zwangsweise die „energetische Sanierung“ gehört, nicht greift, treibt sie die Vermieter geradezu in den Dämmwahn. Und das ist vielleicht genau so gewollt.                          

H.B.

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