Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Ausgeliefert?

Vorsorgevollmacht ist kein Freibrief für egoistisches Handeln / Kontrolle per Gericht

Soll der Nachbar sich einmischen, wenn er sieht, daß Kinder ihre pflegebedürftige Mutter schlecht behandeln? Welche Möglichkeiten haben Bekannte, Freunde, aber natürlich auch Verwandte, wenn die per Vorsorgevollmacht Eingesetzten Vertrauen mißbrauchen oder ihren Aufgaben nicht gewachsen sind?

Mit diesen Fragen kommen Mitglieder immer häufiger zur Beratung der Fachgruppe Pflege beim VDGN. So auch die Nachbarn von Familie Z. Über viele Jahre hatten sie ein richtig gutes, vertrauensvolles Verhältnis. Man lud sich zu Grillabenden ein, tauschte sich über Alltagssorgen aus, nahm Post entgegen oder paßte auf, wenn die anderen im Urlaub waren. Die Nachbarn erlebten mit, wie Frau Z. ihren Mann jahrelang aufopfernd betreute, der aufgrund einer fortschreitenden Demenz bald rund um die Uhr beaufsichtigt werden mußte. Doch dann ging es nicht mehr weiter. Nun schwächelte Frau Z. selber, mußte ihren Mann schweren Herzens in einem Pflegeheim unterbringen.

Mit einer Vorsorgevollmacht hatte sie ihren Kindern weitgehende Rechte eingeräumt, was geschehen soll, wenn es ihr selbst einmal schlecht gehen würde. Sie vertraute ihnen voll und ganz. Das Haus hatte sie ihnen schon übertragen. Daß sie auf ihre alten Tage dort wohnen bleiben würde, war oft besprochen worden und so sicher wie das Amen in der Kirche.

Frau Z. ging es jetzt immer schlechter: Geistige Ausfälle, die vielleicht Vorboten einer Demenz waren, aber auch psychische Instabilität führten dazu, daß sie ins Krankenhaus kam. Ihre Kinder waren nun Ansprechpartner der Ärzte.

Sie blieb viele Wochen dort. Ihre Nachbarn besuchten sie – und trauten ihren Augen nicht: Frau Z. lag angeschnallt in ihrem Bett! Sie schien vollkommen apathisch und stand offensichtlich unter starkem Medikamenteneinfluß. Doch die geduldige Ansprache, das Interesse der vertrauten Menschen half: Sie wurde zunehmend wacher und offener. Schließlich war sie sogar zu einem Spaziergang bereit. Die Ärzte unterstützten die Aktivität erst zögerlich, endlich wurde doch ein Rollstuhl besorgt, weil die Patientin nach vielen Wochen Bettlägerigkeit zu schwach zum Gehen war.

Die Zuwendung ihrer Bekannten und ihr eigenes, auf einmal erwachtes Bewußtsein – all das trug wohl dazu bei, daß die Frau nun ihre Lage erst richtig erkannte und in Tränen ausbrach. Sie schüttete den Nachbarn ihr Herz aus. Sie sei von ihren Kindern furchtbar enttäuscht, fühle sich abgeschoben, klagte sie. Besuche bekomme sie kaum. Und noch zu Hause habe man sie bedrängt, ihre Wohnung herzugeben und in ein Heim zu ziehen. Lieber wolle sie sterben …

Es sah so aus, als ob sich Frau Z.s Zustand unter diesem seelischen Druck immer weiter verschlechtert haben mußte. Ihre Kinder, für die sie doch ein Leben lang da war, hatten sie im Stich gelassen. Das verkraftete sie nicht.

Schweren Herzens verabschiedeten sich die Nachbarn von Frau Z. Doch das Problem ließ sie über viele Wochen nicht los: Wie konnten sie ihr beistehen und helfen?

Wer eine Vorsorgevollmacht erstellt und sich das reiflich überlegt, wird früher oder später auch darüber nachdenken, ob er den Menschen vertrauen kann, die im Falle eigener Handlungsunfähigkeit für ihn entscheiden sollen.

Es kommt immer wieder vor, daß Bevollmächtigte das in sie gesetzte Vertrauen enttäuschen, wie das geschilderte Beispiel und weitere Anfragen an die Berater der Pflege-Fachgruppe beim VDGN zeigen.

Doch sind die Betroffenen dem nicht schutzlos ausgeliefert. Denn bei Gericht kann ein sogenannter Kontrollbetreuer bestellt werden. Er hat die Aufgabe, zu kontrollieren, ob die Regelungen der Vollmacht korrekt befolgt und ausgeführt werden.

Wer den begründeten Verdacht eines Mißbrauchs hegt, der Meinung ist, die Bevollmächtigten werden ihrer Verantwortung nicht gerecht oder sind nicht in der Lage dazu, kann den Antrag stellen. Bevor das Gericht entscheidet, wird es die Situation selbst überprüfen.

Und natürlich kann auch der Verfasser selber jederzeit seine eigne Verfügung widerrufen, sie ändern, verwerfen oder neu erstellen. Häufig ist es jedoch so, daß der Vollmachtgeber nicht mehr dazu in der Lage ist. Dann kann (und sollte) auch jede andere Person im Interesse des Betroffenen, der sich nicht selbst wehren kann, aktiv werden.

Eckhart Beleites, Kerstin Große

 

 

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