Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Etwas Besseres als den Tod...“

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 26): Thyborøn

Gert Normann Andersen vor Exponaten für das Museum

Von Holger Becker

„Etwas Besseres als den Tod findest Du überall.” Den Satz sagt im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten der Esel. Der Esel, der die listige Haustierkapelle gründet, ist nicht doof. Und sein Spruch gehört über die Tür jedes Kinderzimmers. Denn Eltern sollten alles Menschenmögliche tun, um ihre Kinder davon abzuhalten, eine Lebensperspektive beim Militär zu suchen, wo es darauf hinausläuft andere Menschen totzuschießen und selbst totgeschossen zu werden. In wieder zunehmendem Maße.

Das mit dem Abhalten ist, ja doch, leichter gesagt als getan. Denn wo es an anständigen Lehrstellen und Arbeitsplätzen fehlt, haben die Werber das leichteste Spiel. Das läßt sich mit Zahlen belegen. Das Bundesverteidigungsministerium teilte 2010 auf Anfrage eines Bundestagsabgeordneten mit, von den damals 6391 Männern und Frauen im Auslandseinsatz seien 3143 ostdeutscher Herkunft, was einen Anteil von 49,2 Prozent ausmacht. Bei den Mannschaften, also denen, die das höchste Risiko tragen, Menschen von eigener Hand umbringen zu müssen (und nicht vom grünen Tisch aus wie jener später zum General beförderte Oberst, der in Afghanistan Zivilisten an einem Tanklaster bombardieren ließ), respektive selbst umgebracht zu werden, betrug der Ostler-Anteil sogar 62,5 Prozent. Aber nur 20 Prozent aller Bundesdeutschen leben im Osten.

Andere Länder haben das Kanonenfutter-Problem ähnlich gelöst. Die US-Armee zum Beispiel beschäftigt Zehntausende sogenannte Greencard-Soldaten. Das sind zum größten Teil arme Latinos, die sich um die US-Staatsbürgerschaft bemühen. Und auch für Rekruten, die einen US-Paß besitzen, ist die Flucht vor der Armut das Hauptmotiv, in die Streitkräfte einzutreten. Daß sie Gefahr laufen, in den Krieg ziehen zu müssen, wissen laut einer Studie der Rand Corporation viele von ihnen nicht. Heute sehen wir: Es war ein geschickter Schachzug, in den NATO-Staaten nach und nach von der Wehrpflicht auf Berufsarmeen umzuschwenken. Die USA begannen damit, nachdem über 58.000 GI´s aus dem Vietnamkrieg – der forderte unter den Vietnamesen mehrere Millionen Opfer – in Zinksärgen heimgekehrt waren und Wellen des Protestes das Land durchlaufen hatten. 1973 setzte Präsident Richard Nixon die Wehrpflicht aus. Nun konnte sich keiner mehr beschweren. Jeder zog und zieht freiwillig in den Krieg? Wofür? Für Interessen, die keineswegs die seinen sind.

Das war schon 1916 so, als am 30. Mai ab 2 Uhr die Deutsche Hochseeflotte aus Wilhelmshaven auslief, um sich ein paar Stunden später mit der britischen Grand Fleet in der Nordsee die größte Seeschlacht der Neuzeit zu liefern. 6.094 Briten und 2.551 Deutsche fanden den Tod in diesem Gefecht, das im deutschen Sprachraum „Schlacht am Skagerrak“, im englischen „Schlacht vor Jütland“ genannt wird. Die deutsche Flotte sah sich als Sieger, war es aber nicht. Denn die Briten konnten auch nach der Schlacht ihre durchaus völkerrechtswidrige Seeblockade, die überwiegend die deutsche Zivilbevölkerung traf und zu Hunderttausenden Toten führte, gegenüber ihren teutonischen  Vettern aufrechterhalten.

Das mit nationalistischem Pomp betriebene Programm des Kaisers Wilhelm II. und des Admirals, Weltmachtstrategen und alldeutschen Annexionsbefürworters Alfred von Tirpitz für den Bau einer deutschen Kriegsflotte hat laut Kurt Tucholsky „im Kriege nichts genützt und nichts geschafft“ – davor aber einiges dazu beigetragen, daß es zum Völkermorden in den Schützengräben sowie auf und unter dem Wasser kommen konnte.  Wo werden wir heute mahnend an den Irrsinn erinnert? In Laboe bei Kiel gewiß nicht, wo der Deutsche Marinebund das 1936 von Adolf Hitler eingeweihte „Marine-Ehrenmal“ sowie das Hotel „Admiral Scheer“ betreibt. Letzteres erinnert rühmend an Reinhard Scheer, der in der Schlacht vor Jütland die deutsche Flotte befehligte und danach als goldbetreßter Vollpfosten eifrig den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Großbritannien befürwortete, in dem die Deutschen denn auch 6394 Handelsschiffe versenkten und so den Anlaß für den Kriegseintritt der USA lieferten. Scheer tingelte nach dem ersten Weltkrieg mit Vorträgen unter dem Titel „Deutschlands Heldenkampf zur See“ durch die wenig republikanische Weimarer Republik. Paul von Hindenburg, der später Hitler zum Reichskanzler ernannte, wollte den Bruder im militaristischen Geiste 1928 zu seinem Nachfolger als Reichspräsident machen. Eine Lungenembolie verhinderte das.

„Die existenzielle Bedeutung freier und sicherer Seewege für unser Land hat in der öffentlichen Diskussion und Wahrnehmung … noch nicht den Platz eingenommen, der ihm eigentlich gebührt. Man kann auch sagen: In Deutschland ist noch kein ´maritimes Bewußtsein´ verankert.“ Das könnte von Tirpitz oder Scheer stammen, steht aber auf der Website des Deutschen Marine-Bundes, der seit der Tirpitz-Zeit besteht und sich die „Pflege der deutschen Marine-Tradition“ zur Aufgabe gemacht hat. Zu dieser Tradition gehört übrigens, daß die Matrosen der kaiserlichen Flotte behandelt wurden wie das Vieh, traktiert von adeligen Schnöseln und Bürgersöhnchen, die sogar Teile des Proviants unterschlugen. Nicht umsonst begann die Novemberrevolution 1918 mit einem Matrosenaufstand.

Einen wirklichen Eindruck vom Grauen der Skagerrak-Schlacht gibt allerdings ein gerade eröffnetes Museum im dänischen Thyborøn. Das Hafenstädtchen liegt an der Westküste Jütlands. Sehen konnten seine Bewohner 1916 nichts von der Schlacht auf der Nordsee, aber sie hörten das gewaltige Ge-töse hinterm Horizont. Und sie fanden am Strand Leichen von Opfern des Gemetzels.
Spiritus rector des „Sea War Museum“ in  Thyborøn ist Gert Normann Andersen, der vielleicht bekannteste Taucher Dänemarks. Seit dem Jahr 1965 hat er, der das größte Tauchunternehmen Dänemarks leitet, ungezählte Wracks auf dem Meeresgrund geortet, untersucht und Bergungen organisiert. Ab und an nahm er dazu auch Reporter des dänischen Fernsehens mit. Die Skagerrak-Schlacht, so sagt er, habe ihn nie losgelassen als dramatischste Geschichte, die je auf der Nordsee passiert ist.

Der größere Teil der Ausstellung im Sea War Museum, das eigentlich eher ein  Antikriegsmuseum ist, besteht aus Dingen, die der Taucher vom Meeresgrund heraufgeholt hat: Schiffsgeschütze von Friedrich Krupp aus Essen und Vickers Patton aus Portsmouth, alte Kameras, Ferngläser von Zeiss aus Jena, Torpedos, ein U-Boot-Turm, Uniformen, die Reste von Zeppelinen, die der deutschen Flotte zur Luftaufklärung dienten. Andersen hat das alles in den Werkstätten seiner Firma in Holstebro aufarbeiten lassen. Militaria-Fans könnten die Augen leuchten. Aber jeder Besucher bekommt es nicht zu knapp mit erschütternden Zeugnissen des großen Gemetzels zu tun, mit Abschiedsbriefen in Deutsch und Englisch, mit Sterbelisten beider Flotten, mit Prothesen für jene, denen halbe oder ganze Beine amputiert werden mußten.

Zwischen Museum und Meer soll es in der Dünenlandschaft einen Gedenkpark geben,  der 2016 öffnen wird. Er erinnert an die  Menschen, die in der Skagerrak-Schlacht starben: 8645 Skulpturen wird der dänische Bildhauer Paul M. Cederhoff anfertigen und in den dänischen Sand stellen, eine Skulptur für jeden, der auf dem Meer sein Leben ließ – ganz gleich ob Deutscher oder Brite. 26 Granitsteine werden errichtet – einer für jedes der versenkten Schiffe, so aufgestellt, wie die Wracks noch heute auf dem Grund der Nordsee liegen.

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