Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Trennen auf die harte Tour

Berlin: Trotz neuer Tarife und Ökopauschale keine Problemlösungen

Dichter Nebel lastet auf der Berliner Stadtrandsiedlung Malchow, während sich ein riesiger LKW durch die schmalen Straßen zwängt, um die gelben Wertstoffsäcke einzusammeln und die Tonnen zu leeren. Genervte Autofahrer hupen, denn an fast jedem Zaun hängen mehrere prall gefüllte Säcke, die einzusammeln sind. Für die Anwohner eine Belastung, denn die übergroßen Fahrzeuge mehrerer Entsorgungsunternehmen bahnen sich regelmäßig ihren Weg durch die Siedlung: Papier, Restmüll, Biogut… Die Ausbeute ist gut.

Auch bei Georg Schickhoff gibt es viel zu holen, denn er trennt gewissenhaft, aus Überzeugung. Schon mehr als 40 Jahre lebt er mit seiner Frau in der Siedlung und hat seinen Beitrag zur Entwicklung der „Trennstadt Berlin“ geleistet. „Wenn man bedenkt wie viele Bäume nur für die Herstellung von Papier gefällt werden. Da ist es doch nur sinnvoll, die natürlichen Ressourcen zu schonen“, betont der 73jährige Hausbesitzer. Flaschen und Gläser stehen getrennt nach Pfand- und Wegwerfglasbehältnissen, das Papier ordentlich gestapelt, Knüllpapier und Pappe gesondert, Verpackungen wandern in die gelben Säcke, Laub und Küchenabfälle wie Kartoffelschalen lagern auf dem Komposthaufen – der Rasenschnitt gesondert auf einem Häufchen, bereit zur Ausbringung auf die Gemüsebeete –, alte Elektrogeräte und alles, was sonst noch anfällt, fährt er mit dem Auto zum nahen BSR-Hof.

Nur die Knochen der Gans, ein paar Servietten und die Reste des Silvesterfeuerwerks bedecken spärlich den Boden seiner 60-Liter-Restmülltonne, die vor einer Woche von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) geleert wurde. Das ärgert den Rentner. „Schon vor ein paar Jahren war ich persönlich bei der BSR und wollte auf einen kleineren Restmüllbehälter oder einen vierwöchigen Entleerungsrhythmus umstellen. Doch ohne Erfolg“, so Schickhoff enttäuscht. Er habe jetzt gehofft, daß mit den neuen Tarifen und der Ökopauschale auch flexiblere Lösungen für sorgfältiges Trennen geschaffen werden: „Aber, wieder Fehlanzeige.“ Georg Schickhoff wird also weiterhin seine Restmülltonne nur alle vier Wochen zur Abholung bereitstellen – aber für den Zwei-Wochen-Rhythmus bezahlen.

So wie ihm geht es vielen, die punktgenau trennen. Selbst die kleinste Restmülltonne bleibt fast leer, zu bezahlen ist dennoch, und zwar mehr, als für den doppelt so großen 120-Liter-Behälter. Das wird deutlich, wenn man die Literpreise der Behälter vergleicht. Warum also akribisch trennen, wenn mit einem großen Restmüllbehälter Geld und viel Zeit gespart werden kann? Der Rentner kann gut nachvollziehen, daß beispielsweise bei Familien mit Kindern, in denen die Eltern auch noch berufstätig sind, weder den Platz noch die Zeit für den immer größeren Aufwand haben: „Auch für ältere Leute ohne Auto ist es eine echte Herausforderung, taschenweise leere Gläser und Flaschen ein paar hundert Meter weit zu den Containern zu schleppen.“

Im Faltblatt „Das neue Tarifsystem mit dem Ökotarif“ heißt es: „Mit der Einführung des Ökotarifs wird Abfalltrennung und Recycling wirkungsvoller gefördert. So leisten wir gemeinsam einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.“ Das dürfte schwerfallen – zumindest solange es keine flexibleren Lösungsansätze gibt und die sture, degressive Preispolitik der BSR beibehalten wird.

Die Europäische Union (EU) hat zur Förderung des Klimaschutzes eine künftige Trennquote von 65 Prozent festgelegt, Berlin liegt derzeit bei 45 Prozent.
Und bei der aktuellen „Trennmüdigkeit“ der Bevölkerung dürfte  kaum mehr zu erreichen sein. Müßte auch gar nicht, denn der Aufwand für Privathaushalte könnte auf annähernd Null gesenkt werden und die Quote dennoch in die Höhe schnellen: Moderne Müllsortieranlagen trennen heute viel besser als der Mensch. Das belegen Großversuche, wie beispielsweise in Trier: Den Hausmüll eines Jahres – Restmüll, Biomüll, gelber Sack (nur Papier extra) – puzzelten Infrarotscanner, Druckluftkanonen u. ä. sorgfältig auseinander. Die Qualität besser und die Ausbeute höher als bei der Mülltrennung im Haushalt. Und doch chancenlos: Weil mit der Gründung des Dualen Systems auf die Trennung im Haushalt durch die Bürger gesetzt wurde. Das war zwar vor mehr als 25 Jahren, doch die Begeisterung seitens der Politik hält an.

Dabei könnte auch die Belastung für die Anwohner und das Verkehrsaufkommen durch die Vielzahl von riesigen Entsorgungsfahrzeugen erheblich gesenkt werden. Denn derzeit haben im Land insgesamt 450 Unternehmen das Sammeln und Befördern von nicht gefährlichen Abfällen angezeigt, und die Erlaubnis zum Sammeln und Befördern gefährlicher Abfälle haben 230 Betriebe.


Monika Rassek

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