Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Visite bei den „Nörgel-Sachsen“

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 20): Auf der Straße in Dresden Von Holger Becker

Das Ende des Maiaufstandes 1849 in Dresden

Kein Dresdner Fremdenführer, heute politisch korrekt Stadtbilderklärer genannt, vergißt ihn zu zeigen, wenn es in den Brühlschen Garten am Bärenzwinger  geht: den Daumenabdruck, den August der Starke (1670 bis 1733) auf einem Eisengeländer hinterlassen haben soll. Will sagen: Was für ein Kerl, dieser Kurfürst von Sachsen, König von Polen und Großfürst von Litauen, der im 18. Jahrhundert das barocke Dresden errichten ließ.

Leider stimmt die Legende nicht. Das Geländer mit der angeblichen Daumendelle stammt aus dem Jahre 1747. Da war August schon fast anderthalb Jahrzehnte tot. Aber immerhin: Der Fürst hatte versucht, ein absolutistischer Herrscher zu werden, quasi wie in Frankreich Ludwig XIV. den Daumen drauf zu haben und den Adel wie das Bürgertum in Schach zu halten. Was ihm aber letztlich nicht gelang, nicht in Sachsen und schon gar nicht in Polen mit seiner besonders bekloppten Aristokratie.

Als die Bürger frech geworden
Mit Sachsens Wirtschaft  immerhin ging es ein Stück aufwärts, Manufakturen wie die fürs Meißner Porzellan entstanden und auch die erste Staatsbank in Deutschland. August, der Herrscher in einem Multikulti-Reich war, setzte auf Export. Daß Sachsen im 19. Jahrhundert zur vielbesungenen Wiege der deutschen Industrie und Ingenieurskunst wurde, hat es auch dem fürstlichen Großprotz zu verdanken, der an diesem Möbelstück schon tischlern ließ, auch wenn es ihm vor allem um die Einnahmen für den Hof und seine ausgeprägte Leidenschaft zum Repräsentieren ging und er außerdem für die Bestechung des polnischen Adels die Staatskasse plünderte. Die Kultur jedenfalls hatte ihren Nutzen von August. Es entstanden die großartigen Bauten und  Sammlungen erstklassiger europäischer Malerei. Am Himmel der bildenden Kunst, der Musik, der Oper, des Theaters stieg Dresden zu einem Stern der ersten Ordnung auf – und ist das trotz der Zerstörungen im Bombenhagel des Februars 1945 geblieben.

Der Aufschwung in Produktion und Handel und der Genuß eines besonderen kulturellen Klimas stärkten im 19. Jahrhundert das Selbstbewußtsein des Dresdner Bürgertums, das auch mal richtig frech wurde. Der Dresdner Maiaufstand von 1849, der eine sächsische Republik schaffen wollte, gehörte zu den radikalsten Erhebungen des damaligen Revolutionszyklus in Deutschland. Wie bei vielen bürgerlichen Umsturzversuchen, die das Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz etablieren sollen, standen Juristen an der Spitze. Aber auch Künstler und andere Gewerbetreibende machten mit, worunter der Hofkapellmeister Richard Wagner und der Architekt Gottfried Semper die bekanntesten waren. Den militärischen Teil des Aufstands unter schwarz-rot-goldenen Fahnen leitete Michail Bakunin, ein russischer Anarchist und ehemaliger Offizier des Zaren. Doch die Revolte dauerte nicht lange. Sechs Tage nach seinem Ausbruch hatten Truppen unter dem Kommando des preußischen Obristen Friedrich von Waldersee den Aufstand niedergeschlagen. Von den Aufständischen, die fielen oder vom Waldersee-Militär nach den Kämpfen erschossen und in die Elbe geworfen wurden, sollen die meisten Jugendliche gewesen sein.

Nach dem Ende der Kämpfe hatten Tausende Teilnehmer die staatlichen Rächer am Hacken. Gerichte fällten Todesurteile, die sie später teilweise zu langjährigen Freiheitsstrafen wandelten. Viele Beteiligte wie Wagner und Semper gingen ins Ausland, was aber einfachen Arbeitern und Handwerkern nicht gelang. Wie spätere Untersuchungen ergaben, handelte es sich bei den 869 Maikämpfern, die vor dem Dresdner Stadtgericht auf der Anklagebank saßen, zu zwei Dritteln um Menschen „in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis“.

Der Maiaufstand von 1849 sollte so einen Vorgeschmack auf Späteres geben. Denn das Wachsen der sächsischen Industrie mit ihren Textilbetrieben, Fabriken für Werkzeugmaschinen, Lokomotiven, Fahr- und Motorrädern, Chemieerzeugnissen und vielem anderen mehr, ließ das Land auch zur Hochburg der Arbeiterbewegung werden. Bei den Reichstagswahlen 1890, nach dem Ende von Bismarcks Sozialistengesetz, erhielt die Sozialdemokratie in Sachsen 42,1 Prozent der Stimmen, im gesamten Deutschland „nur“ 19,8 Prozent. Das steigerte sich vor der Spaltung der Arbeiterbewegung zu Ende des Ersten Weltkrieges noch auf 55 Prozent bei der Reichstagswahl 1912 (gegenüber einen Gesamtergebnis von 34,8 Prozent). In der Residenz- und Garnisonsstadt Dresden gesellte sich zu den Milieus der Beamten, Besitz-  und Bildungsbürger das Milieu der Arbeiterschaft, zu dem mit fortschreitender Zeit nicht nur die Sozialdemokratie, Kommunisten und Anarchisten, sondern auch Gewerkschaften verschiedener Couleur sowie Bildungs-, Jugend-, Musik- und Wander- und männigliche andere Vereine gehörten.

Man sprach vom roten Sachsen, das sich nun Freistaat nannte und dessen Hauptstadt nun mal Dresden war, auch nach der Revolution von 1918/19, als die Leute nach Aufforderung ihres scheidenden Königs „ihren Dreck allene“ machten. Dresden blieb ein Brennpunkt politischer Auseinandersetzung. Hier residierte im Herbst 1923, dem Jahr der rasenden Inflation,  eine „Arbeiterregierung“ aus linken Sozialdemokraten und Kommunisten, so wie es auch eine in Thüringen gab. Die Sowjetführung in Moskau hoffte, die links regierten Länder könnten Ausgangspunkt für einen Aufstand in Deutschland werden und sandte Militärspezialisten. Doch aus dem „Deutschen Oktober“ wurde nichts. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert ließ dennoch Truppen schicken, um die legitime, aus Wahlen hervorgegangene Regierung auseinanderzujagen. Das nannte sich „Reichsexekution“.  60.000 Mann fielen in Sachsen ein. Es war die größte militärische Aktion in der Zeit der Weimarer Republik – mit Dutzenden Toten und Verletzten.

Soetwas blieb den Dresdnern im Herbst 1989 dann doch erspart. Der Weltgeist oder wer auch immer hatte sich Sachsen und dessen Perle an der Elbe nicht ohne Grund ausgesucht, um jene Welle von Demonstrationen beginnen zu lassen, denen das Ende der DDR folgen sollte. In Sachsen – und dabei nicht zu knapp in Dresden – lebte die Mehrzahl der Menschen, die nach in der DDR gängiger Einteilung zur „technischen Intelligenz“ zählten. Sie hatten viel Lebenszeit in ihre Ausbildung gesteckt, trugen in den Betrieben Verantwortung und bekamen vergleichsweise wenig Geld. Vor allem ihre Unzufriedenheit, die sich auch auf die Versorgungslage und die Vernachlässigung Dresdens im Vergleich zu Berlin bezog, wurden zum Antrieb, sich mit dem Staat anzulegen, der ihr Bestes wollte, aber nicht konnte. In Dresden, wo damals Wladimir Putin, der spätere Träger des Sächsischen Dankesordens lebte, erfolgte aber auch jener  öffentliche Umschwung, der sich im Losungwechsel von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ manifestierte. Am 19. Dezember 1989 sprach BRD-Kanzler Helmut Kohl im Noch-DDR-Dresden vor der Ruine der Frauenkirche unter Jubel von der Einheit der Nation.

Herbst/Winter 2014/2015: Lange war es her, daß die sich gern und oft selbst „Elbflorenz“ nennende Stadt weltweit Schlagzeilen produziert hatte, da bewegte sich etwas, das alle Chancen hat, zum Untier des Jahres gewählt zu werden: Pegida, die softig-kuschelnde Abkürzung für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, lud zur Bewegung in Form montäglicher Spaziergänge durch Dresdens Zentrum ein. Bald kamen Tausende und machten die Spaziergänge zu Demonstrationen und die Berichte der Medien Dresden zur Hauptstadt der Ausländerfeinde respektive zur Metropole der „Nörgel-Sachsen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung vom 11. Januar 2015).

Um es mit Deutschlands großem Schriftsteller Arno Schmidt zu sagen: „Über Klein-Europa lag der Ausdruck schwerster Versimpelung.“ In solchen Situationen bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst ins Getümmel zu stürzen, so geschehen am 12. Januar, bei der Pegida-Demonstration nach dem Mord-Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris.

Russisch, Fremdsprache Nummer 1

Als wesentlich fiel dort auf: Die großenteils durchaus bejubelten Forderungen, die aus den Lautsprechern schallen, summieren sich zu einem Katalog der Ängste in Sachen Zuwanderung. Diese haben das Zeug, aus Unmut gespeiste Energien auf Irrwege zu leiten, knüpfen aber an kaum wegzudiskutierende Erscheinungen an. Sie gehen aber nicht über das hinaus, was auch aus CDU und CSU zu hören ist. Daß Pegida „ein Ende der Kriegstreiberei gegen Rußland“ fordert, entspricht der Meinung einer übergroßen Mehrheit in Ostdeutschland. Die Berichte in den Zeitungen, Funk und Fernsehen ließen das oft genug weg – eine mißtrauensbildende Maßnahme, zumal Berichterstattern in Dresdens Altstadt auffallen müßte: Auf den Schildern an und vor Läden und Restaurants dominiert bei den Fremdsprachen eindeutig das Russische.

Die Motive der Pegida-Demonstranten für ihre Teilnahme dürften ein Kompendium des Unmuts füllen, in dem die Anti-Islam-Forderungen der Organisatoren nur einen begrenzten Platz einnehmen. Sie wirklich zu erkunden, bedarf soziologischer Arbeit, die auch Lebenshintergründe berücksichtigt: Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit und der Entwertung von Berufsbiographien durch „Abwicklung“ von Betrieben und Instituten beispielsweise, Zerstörung familiärer Strukturen durch Abwanderung größerer Teile der Jugend, reelle fianzielle Bedrohungen durch überzogene Forderungen der öffentlichen Hand bei Gebühren, Beiträgen und anderen Abgaben. Was aus Gesprächen zu entnehmen ist oder den Losungen der Plakate abgelesen werden kann, widerspiegelt eher die Aktivität besonders audruckswilliger oder diskutierfreudiger Teilnehmer, ist aber nichts desto trotz interessant. Es gab die Forderung nach einem Ende jeglicher Waffenexporte und die nach Abschaffung ungerechter Beiträge für ARD und ZDF. Es gab das Begehren nach  Aufklärung in Sachen „Sachsensumpf“, also der mutmaßlichen Verstrickung von Teilen der sächsischen Justiz in Kriminelles, wie die Feststellung, daß vom Westen geführte Kriege zu den wichtigen Ursachen für Flüchtlingsströme zählen. Und auch ein Pakat: „Bilde Dir Deine Meinung, nicht Bild!“

Auf die Frage, was das einigende Band der Pegida-Demonstranten sei, kann nach den Eindrücken die Hypothese angeboten werden: Ein tiefes und erfahrungsgesättigtes Mißtrauen in alle Gewalten der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer jetzigen Zustandsform, die vierte, also die Medien, eingeschlossen. Aus Mangel an anderweitiger Orientierung (auch auf der Linken) sammeln sich Massen hinter der Fahne, die am lautesten knattert. Von Beschimpfungen oder schon rein sprachlich albernen Parolen wie „Nationalismus raus aus den Köpfen!“, wie sie Gegendemonstranten riefen, lassen sie sich nicht beeindrucken. Und die Kritik von oben, wie in der Neujahrsansprache von Kanzlerin Merkel,  fordert nur noch den Stinkefinger heraus. „Es geht also doch: Die Regierung sucht sich ein neues Volk“, stand auf einem Transparent in Anlehnung an Bertolt Brechts Gedicht „Die Lösung“ von 1953.

Das Volk, der große Lümmel
Ja, Massen. In Dresden am 12. Januar dürften es mindestens 30.000 gewesen sein. Immer wieder riefen sie „Wir sind das Volk“ und beschrieben damit die Lage weitgehend korrekt. Bei den meisten handelte es sich nach allem äußerlichen Anschein um sogenannte Stinos, also stinknormale Leute wie im Herbst 1989. Es gab ein Übergewicht an Männern zwischen 20 und 45, aber auch viele Frauen, meistens in Familie oder Grüppchen. Nazis und Hooligans konnte man finden, mußte aber danach suchen.

Sagen wir mal so: Auf der Straße in Dresden war das Volk – abzüglich der kommunalen Bediensteten und Beschäftigten der städtischen Betriebe. Heinrich Heine hat das Volk als den „großen Lümmel“ bezeichnet. In dem Begriff steckt viel, auch Furcht, daß jemand den Lümmel einfach an die Hand nimmt und sonstwohin führt. Aber Heine hat sich nicht abgewandt, sondern möglichst genau hingeschaut.

Nach Redaktionsschluß: Eine Umfrage der Technischen Universität Dresden unter Pegida-Demonstranten hat ergeben: Nicht einmal einem Viertel von ihnen ist das Thema Islam wichtig.

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