Verband Deutscher Grundstücksnutzer

"Ich schätze, bis zu 33.000 Euro kommen auf mich zu“

Für den Betreiber eines Kinderbauernhofs bedeuten die Altanschließer-Beiträge das Aus

Heiko Jesse beim Füttren der Ziegen

Es ist ein Idyll. Aber das liegt allein schon in der Natur der Sache. Denn Kinder und Tiere – das  funktioniert immer. Ob im Tierpark, Zoo, Fernsehen. Oder auch auf dem Kinderbauernhof Schloßarche in Börnicke, einem Ortsteil von Bernau. Dort gibt es jede Menge Schafe, Ziegen, Wollschweine, Enten, Hühner, Gänse. Alles alte Haustierrassen, untergebracht in großen Gehegen auf einer 1,1 Hektar großen parkähnlichen Anlage mit viel Grün, Licht und Luft. Zu den Favoriten, sprich Lieblingen, gehören Ferdinand und Moritz. Ferdinand ist seines Zeichens ein Highland-Ochse, der gutmütig und geduldig mit den Gunstbeweisen der Kinder umgeht. Das Gleiche gilt auch für Moritz, einem stattlichen Ziegenbock.

Der Hof wird gut angenommen. Bis zu 4.000 Kinder pro Jahr kommen hierher und bestaunen die rund 50 verschiedenen Tier-Arten. Finanziert wird das Ganze über Spenden, rund ein Dutzend Mitarbeiter einer gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft versorgen die Tiere und halten die Gehege instand. Nach Feierabend kümmert die Familie von Heiko Jesse, dem Betreiber des Kinderbauernhofs, sich um Haus, Hof und Tiere. Alles schön! Wäre da nicht die eine dumme  Sache.

Die eine dumme Sache ist die – Heiko Jesse ist Altanschließer, einer von vielen tausenden Betroffenen in Bernau. Und das bedeutet nichts Gutes. Nichts Gutes heißt im konkreten Fall, daß er mit einem Beitragsbescheid in Höhe von zirka 33.000 Euro rechnet. Noch ist der Bescheid nicht ins Haus geflattert, doch klar ist jetzt schon: „Dies wäre definitiv das Aus für den Kinderbauernhof.”
Damit das nicht passiert, gehört er zu den vielen Bernauern, die sich seit dem Sommer vergangenen Jahres regelmäßig dienstags auf dem Marktplatz treffen, um gegen die Politik der Stadt und des Wasser- und Abwasserverbandes „Panke/Finow“ (WAV) zu demonstrieren. Durchaus mit Erfolg. So mußte im Frühjahr Bürgermeister Hubert Handke, gleichzeitig auch Verbandsvorsteher des WAV und eiserner Verfechter der Altanschließer-Beiträge, nach einem Abwahlverfahren seinen Platz räumen.

Vor den Kommunalwahlen im Mai 2014 – für diese Zeit wurden die Dienstagsdemos, organisiert von einer gut funktionierenden Bürgerinitiative, ausgesetzt – sprachen sich viele der Kandidaten eindeutig für die Abschaffung dieser unseligen wie ungerechtfertigten Altanschließer-Beiträge aus. Nach der Wahl stellte sich heraus, daß das doch nicht so ernst gemeint war. Vor allem aus der Partei der LINKEN; gleichwohl steht die prominente Fraktionschefin Dagmar Enkelmann weiter zu ihrem Wort, daß diese Beiträge abgeschafft werden müssen.

Zur Zeit kursieren verschiedene Vorschläge, wie man mit den Altanschließer-Beiträgen weiter umgeht. Von einer prozentualen Minderung der Beiträge, abhängig vom Jahr des Anschlusses an das Wasser-Abwassernetz, ist die Rede. Liegt die Herstellung des Anschlusses zum Beispiel 25 Jahre zurück, sollen die Betroffenen weniger zahlen als Grundstückseigentümer, die erst vor 10 Jahren angeschlossen wurden.

Nach Ansicht der „Kooperation Wasser und Abwasser Brandenburg-Ost“, einer Vereinigung der kommunalen Betriebe und Verbände, sei dieses Abschmelzungsmodell – welch‘ Überraschung aus dieser Richtung, aber rechtswidrig. Wie auch immer – die grundsätzliche Forderung der Betroffenen, nämlich die Umstellung des Beitragsmodells auf ein Gebührenmodell zur Finanzierung  des WAV-Systems, wäre auch damit weiter außen vor.
Aus diesem Grund füllt sich seit Sommer 2014 wieder jeden Dienstag der Marktplatz vor dem Bernauer Rathaus. Auch Heiko Jesse ist mit dabei. Er ist sich sicher, das Kämpfen lohnt sich. Was soll er auch tun? „Alles andere ist keine Alternative.”

zurück