Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Hinter Berliner Fenstern bleibt es laut

VDGN-Kritik am Lärmminderungsprogramm in der deutschen Hauptstadt

An verkehrsreichen Straßen lärmt es rund um die Uhr

Im Heft 7-2014 hatten wir über die Berliner Lärmminderungsplanung berichtet und unsere Kritik an der Art der Bürgerbeteiligung zum Ausdruck gebracht. Diese Planung ist keine Erfindung unserer Verwaltungen, sondern basiert auf der EU-Umgebungslärmrichtlinie zur Reduzierung von Verkehrslärm. Unsere Mobilität erzeugt Verkehr. Verkehr erzeugt Lärm.

Neben der EU-Umgebungslärmrichtlinie gibt es noch eine weitere EU-Initiative mit dem Anspruch einer möglichen Reduzierung von Verkehrslärm. Im Jahr 2007 erfolgte eine Einigung  der EU-Mitgliedsstaaten auf gemeinsame Grundsätze zur Stadtentwicklungspolitik  – Leipzig Charta genannt. Das Ziel ist eine Verdichtung der Stadtstruktur bei einer ausgeprägten Mischnutzung der Stadtstruktur.
 
„Eine wichtige Grundlage für die effiziente und nachhaltige Nutzung von Ressourcen ist eine kompakte Siedlungsstruktur. Diese kann durch eine Stadt- und Regionalplanung, die eine Zersiedelung des städtischen Umlandes verhindert, erreicht werden. Hier muß engagiert dafür gesorgt werden, daß das Flächenangebot gesteuert und Spekulationen eingedämmt werden. Als besonders nachhaltig hat sich dabei das Konzept der Mischung von Wohnen, Arbeiten, Bildung, Versorgung und Freizeitgestaltung in den Stadtquartieren erwiesen.“ (Leipzig Charta, Auszug)

Zu befürchten ist mehr Lärm, bedingt durch Konzentration und Vermischen. In der aktuellen Überarbeitung der DIN 4109 „Schallschutz im Hochbau“ mangelt es aber an  festgelegten ausreichenden Schutzmöglichkeiten gegen hohen Außenlärm. Also muß nicht so schalltechnisch und finanziell aufwendig gebaut werden. Wie soll dann aber ein Schutz vor Lärm in den Wohnungen erreicht werden, wenn die zwar sinnvolle politische Forderung nach dem Bau preiswerter Wohnungen, möglichst in der Innenstadt, erhoben wird, aber Lärmschutz mehr kostet?  Er wird dann vermutlich in diesen Wohnungen fehlen.
Wie reagiert Berlin in der Lärmminderungsplanung 2013-2018 auf die Herausforderungen? Es hat z. B. ein Berliner Schallschutzfensterprogramm aufgelegt. Voraussetzung für die Inanspruchnahme sind u. a. Verkehrslärmimmissionen mit über 70 Dezibel (dB) Dauerschallpegel am Tag und 60 dB in der Nacht. Diese Werte liegen 5 dB über den verbindlichen Schutzzielen der Umweltministerkonferenz vom November 2013. Trotz des überaus hohen Lärmpegels gibt es sogar noch eine Ausschlußbedingung: soweit an diesen Straßen in den nächsten Jahren keine bzw. keine ausreichenden Lärmminderungsmaßnahmen möglich sind.

Der VDGN hatte den Verantwortlichen in einer umfangreichen Stellungnahme seine konstruktive Kritik am Entwurf dieser und weiterer vorgesehener Maßnahmen in der Lärmminderungsplanung zukommen lassen, hat aber keine Berücksichtigung feststellen können. Unsere wesentlichen Kritikpunkte am Berliner Schallschutzfensterprogramm seien nachfolgend dargestellt.

Schallschutzfenster für alle …
… solange das Geld reicht. Gefördert werden Antragsteller, die an lauten Straßen wohnen. Die übernommenen Kosten  betragen nach Anhang 7 des Lärmaktionsplanes 2013/14  „höchstens 90 v. H. der nachgewiesenen und anerkannten Aufwendungen  … Bei den nachstehenden Höchstwerten sind der Aus- und der Einbau (einschließlich der anfallenden Versiegelung), Dämm-Maßnahmen an Rollladenkästen sowie alle sonstigen Nebenkosten berücksichtigt“.

Für Fenster der SSK4 einschließlich Rollladenkästen ist als maximaler Zuwendungsbetrag 250 Euro/qm Fensterfläche, bei Fenstern der SSK5 350 Euro/qm Fensterfläche vorgesehen. Nicht übernommen werden Kosten von Architektenleistungen, Plangebühren, Bescheidgebühren oder ähnliches, sowie Kosten für Maler- bzw. Tapezierarbeiten, Reinigung sowie sonstige Ersatzkosten. Ein eventuelles Umgehen von Planungsleistungen durch Anspruchsermittlung „per Augen-scheinnahme“ (also ohne ingenieurtechnisches Gutachten) wäre intransparent und könnte zum Nichterreichen des Schutzziels oder zu unnötigen Mehrkosten führen und würde im eklatanten Widerspruch zur Forderung der Förderrichtlinie, S.5, nach einem Gutachten durch den Antragsteller stehen, wenn das Nichterreichen des Dämmwertes nach Ziffern 4.3 und 4.5 (ausdrücklich nicht wegen mangelnder Bauausführung) festgestellt wird. Dieser Fehler müßte der antragsbewilligenden Stelle anzulasten sein. Dennoch sollen die Kosten, einschließlich eines (teuren) Gutachtens, dem Antragsteller auferlegt werden.
Der suggerierte Zuschuß von bis zu 90 Prozent für Schallschutzeinrichtungen reduziert sich wegen der notwendigen Planungen, des unverhältnismäßig gering angesetzten Betrags für Schallschutzfenster und wegen des aufwändigen Einbaus vermutlich auf lediglich höchstens 20 Prozent. Eine soziale Ausgewogenheit ist damit nicht erkennbar, da eventuell nur Investoren in der Lage sind, die Summen aufzubringen und anschließend auf Mieter umzulegen.

Bei ca. 300.000 Betroffenen reicht die zur Verfügung stehende Gesamtsumme, selbst wenn ein Antragsteller nur ein Zehntel der zugestandenen Maximalförderung erhält, für gut 800 Wohnungen, d. h. für etwa 1 Prozent der wegen gesundheitsgefährdenden Lärms Antragsberechtigten oder für ca. 6 Euro pro verlärmter Wohnung. Eintausend Anspruchsberechtigte würden im Gegenzug nicht einmal diesen Betrag erhalten können, wenn einem Antragsteller die Höchstfördersumme von 6.000 Euro zugebilligt werden muß.  Das Förderprogramm verdient seinen Namen nicht. Sind das die Relationen in Berlin: für Schallschutz und Abwehr von Gesundheitsgefahren 0,5 Millionen Euro für fünf Jahre, für Wirtschaftlichkeit des BER 400 Millionen Euro allein im Jahr 2013?

 


Schimmelgefahr inklusive
Auch das Förderangebot zu Belüftungseinrichtungen wird als wesentlich überarbeitungsbedürftig angesehen. Zunächst ist festzustellen, daß in der Broschüre zur Lärmminderungsplanung sachgerecht die Notwendigkeit „Lüftungseinrichtungen einzubauen, die auch bei geschlossenen Fenstern für eine ausreichende Belüftung sorgen“, festgestellt wird. Auch wird zugesichert, daß „Moderne Lüfter … sehr leise und ohne Zugluft“ arbeiten. Versteckt  im Anhang 7 zur Broschüre reduziert sich das gesamte Angebot zu „Lüftungseinrichtungen“ auf „Schalldämmlüfter“. Auf Grund der Zusicherung eines 90prozentigen Kostenzuschusses kann es sich nur um eine im Sinne des Wortes „billigste“ Lösung, d.h. ein reines Zuluftgerät ohne Wärmerückgewinnung handeln. Wie das mit der von der gleichen Senatsverwaltung vorangetriebenen energetischen Sanierung von Gebäuden und mit den Forderungen der Energieeinsparverordnung EnEV vereinbar ist, erschließt sich nicht und sei hier dahingestellt. Wesentlich ist, daß die für den Einbau von Lüftungsgeräten einschlägige DIN-Vorschrift 1946-6 vom Juni 2009 zu beachten ist. Diese besagt im Abschnitt 6.1.3.1 der DIN 1946-6, daß bei erhöhtem Anspruch auf Lärmschutz bei der Planung von Einzelraum-Lüftungsgeräten für die gesamte Nutzungseinheit ein Lüftungskonzept unter Beachtung der Luftvolumenströme für Zu- und Abluft zu erstellen ist. Das Lüftungskonzept wiederum schließt bei schallschutzbezogenen Maßnahmen reine Zuluftgeräte (sog. Schalldämmlüfter) als Belüftungseinrichtung ohne Außen- und Überström-Luftdurchlässe (ALDs oder ÜLDs) aus. Gründe sind Schimmelgefahr sowie Durchnässung der Wärmedämmung, Korrosion von Bauelementen und Schädigungen von Holzbauteilen durch ein unkontrolliertes Abströmen der angesaugten Luft über Leckagen in den Außenwänden wegen des entstehenden Überdrucks. Außerdem ist die geforderte Nutzerunabhängigkeit zum Feuchteschutz nach DIN 1946-6 durch die vom Nutzer bedienbaren Geräte nicht gegeben.

Die Zertifizierung dieser Geräte durch das Deutsche Institut für Bautechnik schließt eine derartige Anwendung aus. Schimmelgefahr ist durch höhere Dichtheit der Raumhülle heutiger Wohnungen bereits eine große Gefahr, die durch unkontrollierte Ableitung der in den Raum durch das Zuluftgerät hineingepreßten Luft verstärkt wird.

Die bauphysikalischen Gefährdungen der Außenbauteile durch Feuchteeinwirkungen werden durch zwei unterschiedliche Vorgänge verursacht, die sich nicht gegenseitig verstärken, sondern deren Wirkungen sich nur verlagern: Einerseits führt die erhöhte Gebäudedichtheit zu geringerem Luftwechsel und dadurch zu geringerer Feuchteabfuhr aus dem Raum.
Die Folge ist Tauwasserbildung auf kälteren Oberflächen des Raumes. Wenn aber ein ausreichend großer Luftvolumenstrom durch Überdruck im Raum unkontrolliert über Leckagen abströmt, bildet sich Tauwasser nicht mehr auf der raumseitigen Oberfläche, sondern innerhalb der Außenbauteile (konvektiver Feuchteeintrag). Die Tauwassermenge ist durch den größeren Luftvolumenstrom wesentlich größer und die Folgen können lange Zeit nicht erkannt werden. In diesem Journal wurden die Probleme bei der Verwendung von Schalldämmlüftern schon mehrfach behandelt, z. B. im Heft 11/12-2011 oder im Heft 5/6-2012.


Lärm macht krank
Nach einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien ist Lärm ein Hauptverantwortlicher für eine Reihe von Gesundheitsrisiken. Die FAZ schreibt am 5. August 2014 in einem Artikel zu den Ergebnissen der Lärmforschung:
„Schon eine vergleichsweise geringe Dauerbeschallung führt zu unterschwelligem Streß, aggressivem Verhalten, Konzentrationsschwäche und steigendem Blutdruck. Bereits bei einem Schallpegel von mehr als 45 Dezibel, also der sogenannten Zimmerlautstärke, ist mit Schlafstörungen zu rechnen; bei einer Dauerbelastung oberhalb von 65 Dezibel, was in etwa dem Geräuschpegel einer Kantine entspricht, sogar schon mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko“. (FAZ, 5. Aug. 2014)


Gern wird dagegen gehalten, es gäbe noch nicht genügend wissenschaftliche Studien dazu und die Befunde seien nicht erhärtet. Darin sind sich Bau-, Kraftfahrzeug-, Flugzeugindustrie und -verbände  augenscheinlich einig. Selbst wenn Schallschutz wegen Gesundheitsgefahr  unumgänglich ist – das Berliner Schallschutzfensterprogramm zeigt es – ist er noch lange nicht für jeden Einzelnen gesichert. Der gleiche alarmierende Fakt war auch Gegenstand eines Berichtes in der Ausgabe 7-2014 unter dem Titel „Weltbester Schallschutz“.
Prof. Dr. Ulrich Geske

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