Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Von Wilderei und Förstertod

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 17): Am Lissack-Denkmal im Leuenberger Forst, von Holger Becker

Im Leuenberger Forst in der Nähe der Lissack-Säule
Das Denkmal für den erschossenen Jäger

Mitten im Wald steht auf dreifachem Sockel eine seltsame, nämlich oben abgebrochene Säule. Wir befinden uns etwa einen halben Kilometer entfernt von dem Punkt, wo an der Chaussee zwischen Tiefensee und Prötzel die Straße nach Gielsdorf abzweigt. Auch der Weg quer durch den Forst nach Leuenberg, dem wir mit dem Fahrrad gefolgt sind, stößt auf diese Kreuzung.

Wir stromern in einem der größten zusammenhängenden Waldgebiete Brandenburgs, wo sich nicht nur Fuchs und Has, sondern auch Wildschwein, Reh und Hirsch gute Nacht sagen. Wer mit verbundenen Augen hergeführt würde, könnte es nicht glauben, daß es bis zum Berliner Alexanderplatz nur 35 Kilometer sind, sondern würde denken, sie oder er sei im Thüringer Wald oder im Harz, so mittelgebirgig geriert sich der Oberbarnim mit seinen kühlen Gründen und bewaldeten Höhen.

„An dieser Stelle wurde am 5. September 1864 der Jäger Carl Lissack von Wilddieben erschossen“, steht auf der Säule, von der wir zuhause beim Nachlesen erfahren, errichten lassen habe sie der damalige Leuenberger Gutsherr August Friedrich Freiherr von Eckhardtstein (1828 bis 1900). Und die zuständige Lokalzeitung von heute weiß, daß er es für seinen „getreuen“ Forstbeamten Carl Lissack tat, der „bei einem Reviergang von einer dreiköpfigen Wilddiebesbande ermordet“ worden sei. So ähnlich steht es in allen Quellen, die das Internet auf den ersten Plautz bietet. Gut und böse sind also säuberlich geschieden, die Rollen klar verteilt.

Aber haben wir nicht gelernt, bei Kriminalfällen nach sozialen Gründen zu fragen? Ansonsten landeten wir ja letztlich bei der eigentlich vorsintflutlichen Annahme, es gebe genetische Ursachen für kriminelles Handeln. Ab und an flammen Diskussionen dieser Art immer wieder auf, so vor einigen Jahren, als der kürzlich verstorbene und ach so geniale Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher sich öffentlich mit Hirnforschern befreundete, die als wahren Tatort krimineller Handlung das Verbrechergehirn ausmachen. Also blicken wir mal zurück. Wie sah es aus um 1860 im Barnim?

Vom Fabrikanten zum Gutsherren
Dem Leuenberger Rittergutsbesitzer August Friedrich Freiherr von Eckhardtstein (1828 bis 1900) jedenfalls ging es gut. Er, der sich zwischen 1860 und 1862 ein neues Schloß hatte bauen lassen, finanzierte sein Dasein aus dem, was das Tagewerk von 125 Landarbeitern abwarf (im Ort gab es nur noch fünf selbständige Bauern). Und das war nicht wenig. Die Eckardtsteins gehörten zu den reicheren unter Brandenburgs Junkern, aber nicht zu den alteingessenen Geschlechtern. Erst zwei Generationen war es her, da hatte ein Großhandelskaufmann und Unternehmer namens Ernst Jacob Eckhardt (1742 bis 1803) im Hannoverschen enormen Reichtum erworben, indem er der britischen Armee in großem Maßstab Proviant verkaufte und indem er Spiegelglas herstellte und diese seinerzeitige Luxusware an Fürstenhöfe in ganz Europa vertickte. Als die zickigen Hannoveraner Welfen seinen geschäftlichen Expansionsgelüsten immer wieder Steine in den Weg legten, kam er nach Berlin, kaufte sich in die gerade zur Staatsbank mutierende Preußische Seehandlung ein, erwarb mit mehreren Gütern etliche Tausend Hektar Land im Barnim und ließ sich adeln. Ab da hieß er von Eckhardtstein.

Für den Gutsbesitz erwiesen sich die folgenden Jahrzehnte als eine günstige Zeit. Als Raub an den Bauern gerade in Ostelbien entstanden und erstarkt, blieb die Gutswirtschaft trotz des frischen Windes der Großen Revolution der Franzosen unangefochten. Mit den preußischen Reförmchen nach der katastrophalen Niederlage gegen das napoleonische Heer von 1806 endete zwar auch die Leibeigenschaft für die Bauern auf den Privatgütern. Aber wer es als Junker drauf hatte, machte nun seine Klitsche zu einem Wirtschaftsunternehmen.  

Der neuadlige Eckardtstein konnte das. Ihm kam zugute: Sein Gut Reichenow grenzte an das Gut Möglin, wo der Begründer der Agrarwissenschaft Albrecht Daniel Thaer (1752 bis 1828), er war ebenfalls aus dem Hannoverschen gekommen, seine Landwirtschaftsakademie betrieb. Nach dem Vorbild seines Freundes Thaer führte Eckardtstein moderne landwirtschaftliche Methoden ein. Nach seinem Tode verwaltete der fortschrittliche Agronom Johann Gottlieb Koppe (1782 bis 1863) erfolgreich die Güter Reichenow und Grunow, wo er den Feldbau von der Dreifelderwirtschaft auf den Schlag- und Fruchtwechsel  umstellte.

Das Land, aus dem man wegging
Noch der Enkel des einstigen Spiegel-Fabrikanten dürfte von den progressiven Anfängen der Junker-Dynastie profitiert haben. Bei den Landarbeitern sah es nicht so prächtig aus. Sie lebten in Abhängigkeit von ihren Gutsherren. Die Arbeitstage waren lang, die Löhne niedrig. Und zwischen 1820 und 1850 stiegen die Preise für Roggen, Kartoffeln und Kleidung um das Doppelte, ohne daß die Einkommen der kleinen Leute wuchsen. Hunderttausende suchten in mehreren Wellen ihr Glück in der Auswanderung nach Nordamerika, auch im Barnim, wo 1860 mit den Einwohnern von Parlow sogar ein ganzes Dorf aus der Schorfheide in die USA verschwand.

Für jene, die als Tagelöhner und Landarbeiter blieben, gehörten kleinere Stibitzereien jedenfalls zur Strategie des Überlebens. Da wurde nächtens die Kartoffelmiete des Gutsbesitzers geplündert oder in dessen Wald Bruchholz gesammelt. Das Holzsammeln hatte früher zu den Gewohnheitsrechten der Landbevölkerung gehört, wurde aber 1821 in Preußen mit dem Holzdiebstahlsgesetz unter Strafe gestellt. Ein junger Rechtsanwalt namens Karl Heinrich Marx schrieb 1842 seine ersten Artikel zu diesem Thema, das ein großes war. Denn in Preußen kamen 1850 auf 35.000 andere Eigentumsdelikte 265.000 Holzdiebstähle.

Die Polizeigewalt aber übten auf ihren Klitschen die Gutsbesitzer selber aus, was in Leuenberg bis 1872 währte. Wichtige Figuren dabei: die Förster und Jäger, die bewaffnet durch die Wälder streiften, um „Holzdiebe“ dingfest zu machen – oder noch erschröcklicher: Wilddiebe. Die besorgten, was ansonsten kaum in den Schüsseln der kleinen Leute zu finden war: Fleisch, riskierten dafür Leib und Leben, mindestens aber deftige Strafen. Noch im Mittelalter hatten alle freien Bauern jagen dürfen. Doch im Laufe der Jahrhunderte zwangen die Landes- und Gutsherren jene ehemals freien Bauern nicht nur in die Hörigkeit und befreiten sie von Haus und Hof, sie monopolisierten auch das Recht zur Jagd. Nur sie selbst durften noch Hirsch, Reh und Schwein erlegen. Wilderei wirkte als ständiger Stachel gegen diese Anmaßung. Sie nahm besonders große Ausmaße in politischen oder wirtschaftlichen Krisenzeiten an. Nicht grundlos wurde das Revolutionsjahr 1848 zum Jahr der „Rebellen des Waldes“ und der „Freijagd“, nicht ohne Grund häuften sich während des Ersten Weltkrieges in den Hungerjahren 1916 und 1917 die Anzeigen wegen Wilderei.

Während die Wilderer bei den einfachen Leuten nicht selten Heldenstatus genossen, man denke an den Stülpner-Karl aus dem Erzgebirge, dem im 20. Jahrhundert Manfred Krug ein Fernsehgesicht gegeben hat, konnten die beim Gutsbesitzer angestellten Förster und Jäger als bewaffneter Arm des Herrn kaum Gegenliebe erwarten. Noch im Jahr 1920, als bewaffnete Gutsarbeiter Leuenberg und alle Zufahrten ins Dorf besetzten, stellten sie nicht nur den Gutsherrn unter Arrest, sondern auch dessen Förster.

Mord, Totschlag, Notwehr?
Wie aber kam nun Carl Lissack zu Tode, an den das Denkmal im Forst uns erinnert? So viel wir wissen, stimmt, was auf der Säule steht: Er wurde erschossen. Aber wer waren der oder die Täter? Schenkt man der „Berliner Gerichtszeitung“ vom 17. November 1864 Glauben, hat einer der „tüchtigsten Kriminalkommissare Berlins“ damals vier Wochen lang in dem Fall ermittelt. Der Verdacht fiel auf einen ehemaligen Hilfsjäger namens Schneider, der als Wilderer bekannt ist. Zusammen mit seinem Kumpanen Wilhelm Wegener aus dem nahen Freudenberg wurde Schneider „wahrscheinlich“ vom Jäger Lissack im Leuenberger Forst überrascht. „Wegener hat sofort die Flucht ergriffen, während Schneider sich zur Wehr gesetzt hat, denn man hat zwei Schüsse im Wald gehört, denen sehr bald der Ruf eines Menschen `Wilhelm´, `Wilhelm` gefolgt ist.“ Doch Wilhelm Wegener hörte nicht drauf, sondern lief nach Hause, wohin ihm Schneider im Abstand von einer Stunde folgte. Die Leiche Lissacks fand man erst am 8. September 1864 „an einer sehr versteckten Stelle des Waldes“. Sie war mit Zweigen bedeckt, „wie Jäger Wild zu verstecken pflegen, damit Vögel dessen Anwesenheit nicht merken“.

Mord, Totschlag oder Notwehr? Alles sieht so aus, als wenn zwei Profis aneinandergeraten sind, ausgebildete Waidmänner, der eine im Dienste des Grafen, der andere auf eigene Rechnung. Und hätte Lissack den Berufskollegen Schneider getötet, so hätte der kein Denkmal bekommen.

Man fragt sich heute: Mußte der Showdown mit tödlichem Ausgang sein? Hätte Lissack, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der auf dem Leuenberger Dorffriedhof begraben wurde, nicht „durch die Finger sehen“ können statt sein Leben zu riskieren? Der Wald war groß genug und mehr Wild vorhanden, als die gräflichen Tafeln fassen konnten. Nein, die Verhältnisse waren nicht so. Lissack, so heißt es, war gerade aus dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 zurückgekehrt. Wahrscheinlich hat er ihn als Angehöriger des Brandenburgischen Jägerbatallion Nr. 3 mitgemacht,  das beim berühmten Sturm auf die Düppelner Schanzen – der ging für die Dänen in etwa so aus wie für die Brasilianer das Halbfinale bei der Fußball-WM 2014 – dabei war. Die Mannschaften solcher Bataillone bestanden aus jungen Forstleuten, die berufsmäßig gut mit der Waffe umgehen konnten. Die hatten dann einen Versorgungsanspruch als Förster in der preußischen Forstverwaltung – nachdem sie sich im Anschluß an den aktiven Militärdienst 21 Jahre (!) lang als „Krieges-Reserve-Jäger“ zu bewähren hatten. In dieser Zeit durften sie sich auch in einer privaten Anstellung als Forstmensch nichts zuschuldenkommen, sprich Holzsammler und Wilddiebe nicht laufenlassen.

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