Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Auge eines Jahrhunderts

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 16): Bei Gisèle Freund in Paris, von Holger Becker

„Sind sie mit einem dieser kleinen Autos gekommen, die immer stehenbleiben?“, fragte lachend die Gastgeberin, als die zwei jungen Männer auf dem Sofa Platz genommen hatten. Es waren die ersten Gäste aus Ostberlin, die in Gisèle Freunds Pariser Wohnung nach den Ereignissen von 1989/90 auftauchten. Zweck des Ausflugs in die Metropole Frankreichs, den die beiden Journalisten nicht mit einem „Trabant“, sondern einem „Dienst-VW“ unternahmen: ein Interview mit der berühmten Fotografin, die unser Bild vom 20. Jahrhundert mitgeprägt hat wie nur wenige Vertreter ihres Fachs.  In jenem Jahr 1991 bereitete sie gerade ein große Ausstellung ihrer Bilder im Centre Pompidou vor, die 400.000 Besucher hatte.

George Bernhard Shaw im Mondlicht
Da saßen die beiden nun und hörten, wie die alte Dame mit ihrer männlich-rauhen Stimme von Begebenheiten und Begegnungen ihres Lebens erzählte. Wie das war, als sie 1939 in London den Schriftsteller und Dramatiker George Berhard Shaw fotografierte? Na, es fiel in London der Strom aus. Und sie plazierte Shaw, der unbedingt seinen langen Bart auf dem Bild sehen wollte, draußen im Mondlicht auf dem Balkon. „Mr. Shaw, es wird drei Minuten dauern, aber so lange können Sie nicht stillsitzen.“ „Was, das kann ich nicht? Junge Frau, ich werde es Ihnen beweisen.“ Doch schon nach einer Minute gab die Fotografin Bescheid: „Mr. Shaw, das Bild ist gemacht." Allerdings wagte sie es nie, dem Schriftsteller das Foto zu zeigen. Den Bart des „alten Esels“ , der ihr Vorschriften machen wollte, habe sie nämlich abgeschnitten.

Oder die Sitzung mit Francois Mitterand, dem Staatspräsidenten Frankreichs, bei der 1981 das offizielle Foto entstand, das in allen französischen Amtsstuben hängen sollte. Mitterand habe die ganze Zeit ein so ernstes Gesicht gemacht, daß es zum Fürchten war. Aber die Fotografin hatte sich über die Familienverhältnisse des stocksteif dasitzenden Staatsmannes erkundigt: „Nun, Sie sind jetzt auch Großvater geworden…“ Da huschte ein Lächeln über Mitterands Gesicht. „Mehr brauchte ich nicht für mein Foto“, sagte Gisèle Freund.

Anekdoten über Berühmtheiten dieser Welt konnte sie ohne Ende erzählen, über Menschen, die sie vor ihre Kamera geholt hatte, weil sie sich für diese Menschen interessierte. Wenn sie Schriftsteller fotografierte, dann hatte sie immer deren Bücher gelesen. So war es bei James Joyce, Walter Benjamin, André Gide, Virginia Woolf, André Breton, André Malraux, Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Henry Miller, Hermann Hesse, Paul Celan, Pablo Neruda und einigen anderen mehr. Im Gespräch über ihre Werke vergaßen die Autoren die Kamera vor ihnen. Es entstanden Porträts, die Wesentliches zeigen. Es muß aber nicht unbedingt schmeichelhaft sein. Als Künstlerin sah sich Gisèle Freund nicht. Solche Zuschreibungen betrachtete sie als Mumpitz. Ihr reichte es, Fotoreporterin zu sein, was ja ein Beruf ist, in dem unpolitische Zeitgenossen eigentlich nichts verloren haben.

Gisèle Freunds Laufbahn als Fotografin jedenfalls hatte von Beginn an mit Politik zu tun. Geboren als Gisela Freund 1908 in Berlin-Schöneberg, engagierte sie, die aus einem großbürgerlichen Hause stammte, sich zu Beginn der 1930er Jahre bei der Roten Studentengruppe in Frankfurt am Main. Mit ihrer Leica-Kamera fotografierte sie damals Aktionen der sozialistischen Studenten, ging sehr nah heran, auch heran an deren Gegner: Nazistudenten, Burschenschafter, Polizisten, die Transparente konfiszierten. Nachdem die Braunen an die Macht gekommen waren, floh sie in letzter Minute vor drohender Verhaftung. Am 30. Mai 1933 saß sie im Zug nach Frankreich, an ihrem Körper versteckt die Negative von Fotos. Die Aufnahmen zeigten die geschundenen Rücken linker Studenten, die Opfer eines Naziüberfalls geworden waren. Der „rote Pressezar“ Willi Münzenberg verwandte die Bilder, als er noch im selben Jahr in Paris in Millionenauflage das „Braunbuch über Reichstagsbrand und Naziterror" herausgab.

In Paris bewegte sich die junge Emigrantin zum Teil im selben Milieu wie der kommunistische Verleger, Schriftsteller und Organisator Münzenberg. So war es für sie fast selbstverständlich, André Malraux’ Einladung zu folgen und im Juni 1935 auf dem Ersten Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur zu fotografieren. Dort hatte sich die antifaschistische Geisteselite Europas versammelt, um der Nazibarbarei die Stirn zu bieten. Auf Gisèle Freunds Fotos von diesem Ereignis, an dem im Saal und vor dessen Toren Tausende Franzosen und deutsche Emigranten teilnahmen, sieht man – außer Malraux – Anna Seghers, Bertolt Brecht, Egon Erwin Kisch, Gustav Regler, Boris Pasternak, Henri Barbusse und viele andere mehr.

Freuen dürfen wir uns heute, daß die junge Fotografin sich äußerst aufgeschlossen gegenüber dem technischen Fortschritt zeigte. Als 1938 die ersten Farbfilme auf den Markt kamen, nutzte sie ohne zu zaudern die neuen Möglichkeiten. Denn die Welt ist ja bunt und nicht schwarz-weiß. Der Schritt zur Farbe brauchte dennoch Mut. Das neue Material erforderte recht lange Belichtungszeiten, und in der Dunkelkammer gab es Komplikationen, so daß auch Giséle Freund ihre Fotos in Speziallabors entwickeln lassen mußte. Sie hatte sich richtig entschieden: Die meisten der rund 80 Künstlerporträts, die ihren späteren Weltruhm begründeten, sind Farbfotos. Nach Meinung des Fotohistorikers Hans Joachim Neyer besitzt die Sammlung Gisèle Freunds für das 20. Jahrhundert denselben Rang wie das Werk des Porträtisten Felix Nadar für das 19. Jahrhundert.

Als die deutschen Truppen 1940 Paris besetzten, ging die Flucht weiter. Schon 1933 im Zug nach Frankreich hatte ein Nazibeamter gewittert, daß es sich bei der jungen Frau um eine Jüdin handeln müsse. Sie rettete sich, indem sie ihm forsch mit dem Satz kam: „Glauben Sie, eine Jüdin heißt Gisela?“ Aber nun war in Europa nichts mehr sicher. Ein Jahr versteckte sie sich bei einem Bauern in der von den Deutschen nicht besetzten Zone, dann half ihr die argentinische Schriftstellerin Victoria Ocampo nach Buenos Aires zu fliehen.

In Mexiko bei Frida Kahlo
Die Zeit des Exils in Lateinamerika sollte für Gisèle Freund eine der produktivsten Perioden ihres Arbeitslebens bringen. Bis hinunter nach Feuerland erkundete sie mit der Kamera den Kontinent. Auch nach Kriegsende blieb sie erst einmal in dieser neuen Welt, lebte mehere Jahre in Mexiko, wo sie sich mit den Malern Frida Kahlo und Diego Rivera befreundete. Bei denen erfuhr sie mit Sicherheit viel um die Vorgänge beim Mord an Stalins Gegenspieler Leo Trotzki 1940 in Mexiko. Immerhin hatten Kahlo und Rivera den Emigranten eine Zeitlang in ihr Haus aufgenommen. Doch erzählen mochte Gisèle Freund ihren Ostberliner Besuchern darüber nicht.

Ihre Fotoreportagen – etwas mehr als 50 hat sie selber gezählt – erschienen damals in Journalen wie Life, Time Magazin, Weekly Illustrated und VU. Zusammen mit dem Fotografen Robert Capa gehörte sie zu den Gründern der Agentur Magnum, für die sie von 1947 bis 1954 gearbeitet hat. Eine Reportage über die argentinische Präsidentengattin Evita Peron, den „Engel der Armen“, beendete die Sache. Gisèle Freunds in Life veröffentlichte Fotos zeigten die später zur Musical-Ikone erhobene Frau als oberflächliche, selbstverliebte und prunksüchtige Figur. Das führte zu diplomatischen Zwistigkeiten zwischen Argentinien und den USA. Außerdem wütete im Land der Geist eines Senators McCarthy. Gisèle Freund durfte nicht mehr in die USA einreisen. Erst 1970 hob Washington dieses Verbot auf. Damals, so schrieb sie später, habe das FBI offenbar aufgehört, sie als eine der Sicherheit Amerikas gefährliche Person zu betrachten.

Gisèle Freund verkörpert eine in ihrem Metier wohl seltene Paarung von Besessenheit und Distanz zur eigenen Profession. So beschäftigt sie sich in dem Band „Photographie und Gesellschaft“ (erschienen bei Rowohlt), der in Teilen auf ihrer von Walter Benjamin angeregten und 1936 an der Pariser Sorbonne verteidigten Doktorarbeit basiert, mit der Scheinobjektivität des fotografischen Mediums. Ein Bild kann mehr lügen als tausend Worte, wußte Gisèle Freund aus der eigenen Praxis. Schon bei ihrer zweiten Reportage erlebte sie in den 30er Jahren, wie ihre Aufnahmen zu manipulativen Zwecken eingesetzt wurden. Es waren „Schnappschüsse von der Pariser Börse“, die sie damals an verschiedene Zeitungen verkaufte. In einem belgischen Journal erschienen sie unter der Überschrift „Hausse an der Pariser Börse. Aktien notieren phantastische Kurse“, in einer deutschen Zeitschrift hingegen unter dem Titel „Panik an der Pariser Börse. Vermögen werden vernichtet“.

Alle Benjamin-Porträts
Wichtiges und geradezu Sensationelles aus dem Werk der großen Fotografin, die in ihr Geburtsland nur noch besuchsweise zurückkehrte und im März 2000 in Paris verstarb, zeigt gerade eine klug komponierte Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg  Die Besucher begegnen dort nicht nur vielen ihrer Künstlerporträts, Bildern vom Pariser Schriftstellerkongreß 1935 und der entlarvenden Evita-Peron-Reportage, sondern auch allen Fotos, die Gisèle Freund von Walter Benjamin aufgenommen hat. Sie, die einstige Soziologie-Studentin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, traf sich oft mit dem Schriftsteller, der selbst über die Theorie des damals jungen Mediums Fotografie gearbeitet hatte, in der Pariser Nationalbibliothek, wechselte mit ihm Briefe auch noch, als er 1939 zusammen mit anderen deutschen Flüchtlingen in Frankreich interniert wurde. Gisèle Freund wollte die meisten dieser Fotos nicht ausstellen, wohl weil ihr Benjamin zu nahe war. Heutiger Abstand rechtfertigt es, in diesem Falle ihren Willen zu ignorieren. Im übrigen lohnt es, sich den Katalog der Ausstellung zu besorgen. Weihnachten findet wesentlicher öfter statt als Gisèle-Freund-Ausstellungen in Berlin.

Gisèle Freund: Fotografische Szenen und Portäts. Ausstellung in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 10. August 2014, geöffnet dienstag bis sonntags 11 bis 19 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, freier Eintritt bis 18 Jahre und dienstags von 15 bis 19 Uhr. Der von Janos Frecot und Gabriele Kostas herausgegebene 224seitige Katalog zur Ausstellung ist im Nicolai Verlag erschienen und kostet 39,95 Euro.

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