Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Es geht auch anders

Auf der ersten Berliner Grundwasserkonferenz zeigten andere Bundesländer, was der Staat leisten kann

Großes Interesse: Über 200 Teilnehmer hatte die erste Berliner Grundwasserkonferenz
Nimmt Berlin das Grundwasserproblem ernst? Diskussion u.a. mit den umweltpolitischen Sprechern der Parteien. Von links nach rechts: Henrik Vagt (IHK Berlin), Danny Freimark (CDU), Daniel Buchholz (SPD), Silke Gebel (Grüne), Marion Platta (Linke), Philipp Magalski (Piraten) und Peter Ohm (VDGN)

„Siedlungsschutz“, das ist ein unerhörtes Wort, unerhört zumindest in dem Sinne, daß die Berliner Verwaltungssprache es nicht kennt. „Naturschutz“, von dem weiß man inzwischen in den hauptstädtischen Amtsstuben. Aber der Schutz menschlicher Behausungen, braucht der einen Begriff?

Sagen wir mal so: Wo der Begriff amtlich verwendet wird, signalisiert das: Hier wird sein Inhalt als staatliche Aufgabe verstanden. Zum Beispiel beim Schutz von Gebäuden gegen aufsteigendes Grundwasser, das heute in vielen Städten und Gemeinden als ernsthaftes Problem auftritt. So auch in Berlin, und zwar ziemlich massiv. Doch die Zuständigen in der zuständigen Senatsverwaltung für Verkehr und Umwelt sehen die Abwehr der Nässe als private Angelegenheit an. Jeder Gebäudeeigentümer müsse sich selber kümmern, sagen sie.

Wenn das Wort „Siedlungsschutz“ nun doch die Hauptstadt erreicht hat, ist das einer Hessin zu verdanken. Martina Bodem vom Regierungspräsidium Darmstadt referierte auf der ersten Berliner Grundwasserkonferenz am 19. März über den „Umgang mit hohen Grundwasserständen und Vernässungen in Südhessen“. Die Konferenz war von der Berliner Industrie- und Handelskammer, dem VDGN, dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen und weiteren Verbänden einberufen worden – eben wegen der Unzufriedenheit mit der hauptstädtischen Verwaltung in dieser Sache. Von Martina Bodem (siehe Interview in diesem Heft) erfuhren die über 200 Teilnehmer, daß es anders geht.

In Hessen kümmert sich der Staat, zum Beispiel um das Hessische Ried, ein (ähnlich wie Berlin) ehemaliges Sumpfgebiet, für das es einen Grundwasserbewirtschaftungsplan gibt. Mit technischen Mitteln werden dort die Schwankungen der Grundwasserstände möglichst ausgeglichen, so daß weder Schäden durch Vernässung noch durch Austrocknung auftreten. Das kostet nicht wenig Geld. Doch ist es offenbar in Hessen selbstverständlich, weder die Hausbesitzer mit zu hohen Grundwasserständen, noch die Waldeigentümer mit zu niedrigen Pegeln alleinzulassen. Das hätte für den zuständigen Staatsekretär Christian Gaebler interessant sein müssen. Doch er schwänzte den Termin.

Was zu hohe Wasserstände für Schäden in Berlin anrichten, skizzierte auf der Konferenz Manfred Schafhauser von der Firma KWS Geotec. Das von ihm vorgestellte und in seinen Rechnungen offensichtlich sehr vorsichtige Gutachten kommt zu dem Schluß: Derzeit sind neun Prozent der Berliner Stadtfläche von ständig steigendem Grundwasser betroffen. Es geht dabei um rund 33 Quadratkilometer, was mehr ist als die Fläche von Fried-richshain-Kreuzberg, die das „Grundhochwasser“ bedroht. 

„Grundhochwasser“ – ein weiterer Begriff, der bei dem Treffen zu lernen war. Er beschreibt die Dramatik der Situation in Berlin in passender Weise. Zu hören war er aus dem Munde eines Sachsen, des Wissenschaftlers Reinhard Schinke, vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Er stellte ein Modell vor, nach dem die Gebäudeschäden infolge Grundhochwassers abgeschätzt werden können. Alles in allem läßt sich sagen: Die „Provinz“ beschämt die Hauptstadt. Denn auch Gabriela Kluge vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in Sachsen-Anhalt konnte von staatlicher Anstrengung berichten, Grundwasserschäden zu erfassen und ihnen vorzubeugen (vgl. Heft 2/3-2014, S. 10).

Und wie geht es weiter in Berlin? Begreift man zukünftig die Gewährleistung siedlungsverträglicher Grundwasserstände als eine Aufgabe öffentlicher Daseinsvorsorge? Eine Podiumsdiskussion mit den umweltpolitischen Sprechern aller im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien sollte möglichst Antworten bringen. Und alle auf dem Podium versicherten, siedlungsverträgliche Grundwasserstände seien ein politisches Ziel, Grundwassermanagement müsse sein, die Gebäudeeigentümer dürften nicht alleingelassen werden. Allerdings müßten auch diese einen Beitrag leisten, meinte Daniel Buchholz von der SPD, der mehrmals herausstrich, was jetzt schon angeblich getan werde für das Grundwassermanagement. Immerhin seien in Berlin acht Wasserwerke in Betrieb. Für die Versorgung der Stadt seien aber nur drei nötig. Was heißen sollte: Fünf Wasserwerke arbeiten nur, um den Grundwasserspiegel zu stabilisieren. Es meldete sich aber Jens Feddersen von den Berliner Wasserbetrieben aus dem Saal und stellte klar: Drei Wasserwerke seien für Berlin nur in der Theorie nötig. Tatsächlich benötige die Stadt aber sogar neun, um überall Wasser in der gleichen Qualität und dem nötigen Leitungsdruck bereitzustellen.                              

Holger Becker

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