Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Trügerische Sicherheit für einen hohen Preis

Verblüffende Ergebnisse beim Abwasser-Langzeittest „Vierte Reinigungsstufe“

Bis 2015 sollen alle Gewässer in einem gesunden Zustand sein. Die Proben geben nach der Analyse Auskunft über die Qualität des Wassers.
Die Plastikkügelchen im Honig und Wasser stammen u.a. aus Kosmetika wie Peelings oder bleichender Zahncreme. Deswegen sollten Reste von diesen Artikeln über den Hausmüll entsorgt werden.
Einige Sportler reiben sich vor dem Training mit Salben ein, um sich beim Sport nicht zu verletzen. Dabei würde ein Aufwärmprogramm den gleichen Zweck erfüllen.

Der Mensch besteht zu mehr als 70 Prozent aus Wasser. Unser Körper nimmt bei Wassermangel gesundheitlich Schaden, genauso wie bei übermäßigem Wassergenuß (mehr als 20 l/Tag). Wie viel Wasser der Mensch täglich braucht, kann bislang wissenschaftlich nicht belegt werden. Geht man von zwei Litern am Tag aus, hat ein 80-Jähriger im Laufe seines Lebens etwa 50.000 Liter Wasser getrunken. So wundert es nicht, daß schon immer – von den ersten seßhaft werdenden Menschen bis heute – der Konflikt zwischen zu viel und zu wenig Wasser im Fokus stand bzw. steht. Dürre oder Hochwasser? Die Frage des Überlebens hängt von der Lösung der Wasserprobleme ab.

Wasserbezogene Fragen und Probleme sind komplex, vielschichtig und nicht zu verallgemeinern. Die Frage „Dürre oder Hochwasser“ reicht nicht mehr. Zunehmend spielen nicht nur die Reinheit des Trinkwassers, sondern funktionierende Ökosysteme eine wichtige Rolle. Bis zum Jahr 2015 sollen alle Gewässer, egal ob See, Fluß oder Grundwasser, einen guten ökologischen und chemischen Zustand erreicht haben – so will es die EU. Zu diesem Zweck wurden Umweltqualitätsnormen (UQN) festgelegt, mit denen das Vorkommen bestimmter chemischer Stoffe in Oberflächengewässern – die ein erhebliches Risiko für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit darstellen – begrenzt werden soll. Damit steht nun nicht mehr nur der direkte Schutz des Menschen im Vordergrund. Der Europäische Rat hat im September 2013 die Wasserrahmenrichtlinie um zwölf dieser Substanzen erweitert und die bestehenden UQN verschärft. Alle EU-Mitgliedsstaaten müssen bis zum Jahr 2018 zusätzliche Kontrollprogramme und Maßnahme-Vorschläge vorlegen, die die Einhaltung der Normen gewährleisten. Die Bundesrepublik wird dies im Rahmen der neuzufassenden Oberflächengewässerordnung umsetzen müssen.

In diesem Zusammenhang wird auch wieder die heiß diskutierte „Vierte Reinigungsstufe“ gefordert werden. Und: Klar, daß die daraus resultierenden zusätzlichen Kosten den Verbrauchern übergeholfen werden – obwohl vielerorts nicht nur die Preise für Trinkwasser, sondern auch für Abwasser bereits viel zu hoch angesetzt sind. Das belegen die Ermittlungen der Kartellbehörden und Gerichtsbeschlüsse, wie jüngst der des Oberlandesgerichts Düsseldorf gegen die Berliner Wasserbetriebe mit einer Preissenkungsverfügung.

Andererseits regen Schlagzeilen wie „Plastikkügelchen verunreinigen Honig und Wasser“ oder „Gefährliches Nitrat im Trinkwasser“ zum Nachdenken an. Verunsicherte mögen geneigt sein, dann doch einer zusätzlichen Reinigungsstufe zuzustimmen – und dafür auch mehr zu bezahlen. Doch löst die flächendeckende Einführung einer „Vierten Reinigungsstufe“ in kommunalen Kläranlagen die Probleme der Verunreinigungen?

Pilotprojekt unter Realbedingungen

„Die wenigsten dieser risikobehafteten Stoffe sind für das Trinkwasser relevant“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Thomas Grünebaum, Projektleiter einer großtechnischen Versuchsanlage im nordrhein-westfälischen Schwerte. Aber für die Ökosysteme, den Erhalt und Schutz von Gewässern und für die Artenvielfalt mache die zusätzliche Reinigungsstufe durchaus Sinn. Diplomatisch sagt er, letztendlich sei es eine Frage der Abwägung.

In Deutschland laufen etwa 10.000 Kläranlagen, die Schmutzwasser und Niederschlagswasser aufbereiten, um es dann in Fließgewässer einzuleiten – und so auch ins Grund- bzw. Trinkwasser. In Schwerte startete Ende 2010 ein großangelegtes Pilotprojekt mit einer Versuchsanlage, die für 50.000 Einwohner konzipiert ist. Das Projekt wurde vom Land gefördert und von zahlreichen Hochschulinstituten unterstützt. Der Abschlußbericht liegt jetzt dem Landesumweltministerium Nordrhein-Westfalen vor. Die Ergebnisse werden auf der Essener Wassertagung im März vorgestellt.

Untersucht wurde, inwieweit chemische Mikroverunreinigungen und krankmachende Keime effektiv beseitigt werden können. Dabei handelt es sich um Bestandteile im Wasser, die nur in sehr geringer Konzentration vorkommen wie beispielsweise Spurenrückstände von Medikamenten, Schädlingsbekämpfungsmitteln, Industrie- und Haushaltschemikalien sowie Körperpflegeprodukte wie Cremes oder Shampoo.

Für den Langzeittest liefen in Schwerte zwei Wasserreinigungsstraßen parallel. In einer Anlage wurde auf herkömmliche Art geklärt, in der anderen wurde zusätzlich mittels Ozon oder Aktivkohlepulver gereinigt. So war ein direkter Vergleich beider Verfahren möglich. „Im Rahmen des Projektes haben wir festgestellt, daß das Entfernen dieser Spurenrückstände stark von der Dosierung von Ozon oder Pulveraktivkohle, die zur Elimination zugegeben wurden, abhängig ist. Wir konnten das Vorkommen vieler dieser Risikostoffe zwar erheblich reduzieren, die Spurenstoffe letztlich aber nicht restlos aus dem Abwasser entfernen“, sagt Prof. Grünebaum. Bei Rückständen von Röntgenkontrastmitteln zum Beispiel bringe auch eine vierte Reinigungsstufe keine zufriedenstellenden Ergebnisse.

Auch gibt Grünebaum zu bedenken, daß Kläranlagen nur einen Teil der Gewässerbelastungen erfassen: „Viele Stoffe werden über andere Wege eingetragen. Rückstände von Dünger und Gülle, die beispielsweise beim Anbau der Energiepflanze Mais verwendet werden, sickern direkt ins Grundwasser oder gelangen in die Oberflächengewässer.“ Das führe auch zu hohen Nitratwerten (s. Das Grundstück, 10/2012). Des weiteren seien die Stoffströme höchst komplex: „So lassen sich in der Leber von grönländischen Eisbären oder Fischen Rückstände von PFT-Verbindungen nachweisen. Stoffe, die beispielsweise bei der Herstellung atmungsaktiver Sportjacken verwendet werden.“ Und so verhalte es sich mit einigen der neu in die Prioritätenliste aufgenommenen Stoffe. Sie würden über diffuse, oftmals nicht bekannte Quellen in die Gewässer eingetragen und durch die „Vierte Reinigungsstufe“ gar nicht erfaßt.

Abwägung von Kosten und Nutzen

Neben der Leistungsfähigkeit einer zusätzlichen Klärstufe sollte auch der zusätzliche finanzielle Aufwand ermittelt werden. Und hier schlagen auch die Energiekosten zu Buche. „Der Energieaufwand für die Abwasserbehandlung ist hoch und würde mit der Vierten Reinigungsstufe nochmals signifikant steigen“, faßt Prof. Dr.-Ing. Thomas Grünebaum zusammen. „Wir haben bei unseren Anlagen die Belüftung als Hauptverbraucher umgestellt und Eigenenergie erzeugt, dennoch belaufen sich die Kosten derzeit auf 10 Millionen Euro jährlich.“ Klärwerke seien mit Abstand die größten kommunalen Energieverbraucher in den Städten. Sie würden mehr Strom benötigen als die Straßenbeleuchtung. Und: „Wenn die zusätzliche Klärstufe flä-chendeckend eingeführt wird, wirkt das den ehrgeizigen Klimazielen entgegen.”

Fazit

Auf einer Veranstaltung des öffentlich-rechtlich organisierten Ruhrverbandes, der die Abwasserreinigung von 60 Städten und Gemeinden verantwortet, hieß es Ende 2013: „Schutzziel der neuen UQN ist nicht nur der Mensch, sondern sind auch alle Wasserlebewesen, wozu auch sehr empfindliche Organismen zählen. Deshalb beinhalten die UQN in vielen Fällen hohe Sicherheitsfaktoren und sind damit oft um ein Vielfaches schärfer als die Anforderungen an unser Trinkwasser. Trinkwasser, welches den einschlägigen Normen entspricht, würde nach diesen Maßstäben eine Belastung in Oberflächengewässern hervorrufen, würde man es dort einleiten.“

Zum Ergebnis des Pilotprojekts fand Prof. Harro Bode, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbandes, sehr klare Worte: „Falls unsere Gesellschaft zu der Auffassung gelangt, sich ein derart hohes Schutzniveau leisten zu wollen, so sollte sie die Konsequenz besitzen, das Problem grundlegend, also beim Verursacher, zu lösen. Die Bevölkerung zum Preis einer vierten Reinigungsstufe in einer Sicherheit zu wiegen, die mit einer solchen Stufe nicht erreicht werden kann, wäre unlauter.“

Monika Rassek

zurück