Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Ein erster seriöser Ansatz“

Wie groß sind Grundwasser-Schäden in Berlin? Ingenieurbüros legen Gutachten vor

Dr. Manfred Schafhauser (links) und Stefan Schulze, hier mit Mitarbeiterin Melanie Rust, legten ein Gutachten zu Grundwasserschäden vor.

Wenn der Geologe Dr. Manfred Schafhauser in Berlin unterwegs ist, fallen ihm die vielen Baustellen auf – und die allgegenwärtigen Pumpen. Die laufen in den Baugruben oft rund um die Uhr, um drückendes und störendes Wasser wegzubefördern.

Solch ein Anblick war noch in den späten neunziger Jahren absolute Ausnahme. Langsam, doch unaufhaltsam steigt seit 1989 der Grundwasserspiegel im Gebiet des Berliner Urstromtals. Wie ein breites Band durchzieht das Eiszeit-Becken die Hauptstadt, von Köpenick und Kaulsdorf im Osten bis nach Spandau und Tegel im Westen.

Sagten West-Berliner Prognosen noch Mitte der achtziger Jahre einen steigenden Grundwasserverbrauch voraus, so führte die politische Wende, das Wegbrechen ganzer Industriezweige vor allem im Ostteil der Stadt alle Vorhersagen der Planer ad absurdum. Die Grundwasserentnahme, aus der Berlin das Trinkwasser bereitstellt, halbierte sich seither fast, von etwa 400 Millionen auf 200 Millionen Kubikmeter. Neben gewerblichen gehen auch private Verbraucher immer sparsamer mit dem kostbaren – und gerade in Berlin extrem teuren Naß – um.

Und das Grundwasser steigt und steigt. Mit den bekannten Folgen für ungezählte Hausbesitzer, aber auch Mieter: nasse Keller, feuchte Wände, Gefahr für Haustechnik und -elektrik. Schimmel gefährdet zudem die Gesundheit der Bewohner. Werteverlust der Immobilie droht oder ist längst eingetreten.

Doch, wie groß ist die Betroffenheit wirklich? Verläßliche Zahlen, belastbare Daten fehlten bisher.

Hier setzten die Geologen Dr. Manfred Schafhauser (KWS GEOTECHNIK GMBH Beratende Gesellschaft für Hydrogeologie und Umweltschutz) und Stefan Schulze (IGB-Ingenieurbüro für Grundwasser und Boden GmbH) gemeinsam mit ihren Mitarbeitern an. Im Auftrag der Industrie- und Handelskammer Berlin ermittelten sie anhand öffentlich zugänglicher Daten, mit welchem Anteil von Nässeschäden auf näher bestimmten, bebauten Flächen Berlins zu rechnen ist und wie viele Einwohner davon betroffen sein könnten. Die Ergebnisse ihrer statistischen Berechnungen stellten sie – nach Redaktionsschluß – auf der Grundwasserkonferenz am 19. März vor, die die IHK gemeinsam mit dem VDGN und weiteren Verbänden veranstaltete. Ziel ist, das immer bedrohlicher werdende Grundwasserproblem in der Hauptstadt endlich ernsthaft anzugehen.

„Grundlage für unsere Berechnungen waren die besonders dramatischen Grundwasserverhältnisse auf dem Gebiet des Berliner Urstromtals. Probleme mit Schichtenwasser, typisch für andere Lagen Berlins, blieben bei unserer Betrachtung außen vor“, erklärt Dr. Schafhauser das Herangehen.

In Berlin müsse mit potentiellen Vernässungen bei 4 bis 13 Prozent der bebauten Flächen gerechnet werden, haben die Geologen berechnet. Die große Spannbreite dieser Angaben ist mit der insgesamt noch unsicheren Datenlage zu erklären, betonen Schafhauser und Schulze. So griffen sie zu dem Hilfsmittel, verschiedene Voraussetzungen anzunehmen: Je nachdem, welche Kellertiefe sie ansetzten, welches Gebäudealter, welche Bauweise, generierte das Computerprogramm verschiedene Ergebnisse.

„Wir gingen bei unseren Berechnungen davon aus, daß Wohnungsbauten – hierzu zählen wir vor allem Geschoßwohnungsbau, Einfamilien- und Doppel-Häuser – durchschnittliche Kellertiefen von ca. 2,50 Meter und Industriebauten sowie öffentliche Gebäude durchschnittliche Kellertiefen von ca. 3 Meter aufweisen. Danach sind im Mittel etwa 33 Quadratkilometer bzw. 9 Prozent der Bebauungsfläche Berlins potentiell von Vernässungsschäden bedroht. In den betroffenen Gebieten leben etwa 198.000 Einwohner“, so Dr. Schafhauser.

Wie groß aber ist der Umfang tatsächlich eingetretener Bauschäden infolge des Grundwasseranstiegs? „Eine solche globale Erhebung wäre wünschenswert, sicher,“ gibt Schafhauser zu Protokoll, „doch das war nicht unsere Aufgabe und wäre auch nicht zu leisten gewesen. Unser unabhängiges Gutachten stellt den ersten seriösen Ansatz überhaupt dar – das ist schon eine Menge!“

Und Schulze ergänzt: „Was bisher nur vermutet wurde, haben wir erstmals verifiziert. Die Dimension des Problems ist damit klar. Welche Schlußfolgerungen daraus gezogen werden, das ist jetzt Aufgabe der Politik.“

Kerstin Große

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