Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gift an der Wand

Styropor-Dämmplatten enthalten einen besonders gefährlichen Stoff. Die Entsorgung kann teuer werden

Es sei unzulässig, den Dämmstoff Styropor mit dem Begriff „Sondermüll“ in Verbindung zu bringen, grummelte der Industrieverband Hartschaum am 30. Oktober 2014 in einer Pressemitteilung und berief sich auf Urteile des Landgerichts Köln und des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Den Anlaß für den Wink mit der Prozeßkeule gaben ein Beitrag des Fernsehmagazins „Panorama“ vom 28. Oktober und ein vierspaltiger Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) vom selben Tage mit dem einprägsamen Titel „Sondermüll an der Fassade“.

Kritische Journalisten dürfte die Drohung nicht schrecken. Denn was der „Dachverband der Hersteller von Dämmstoffprodukten aus EPS-Hartschaum/ Styropor“ anführt, sind Urteile, die sich gegen frühere Werbeaussagen des Dämmstoffkonkurrenten XELLA richten, dem die Gerichte untersagten, in der vergleichenden Werbung in herabsetzender Weise zu argumentieren. Die Meinungs- und Pressefreiheit schränkt das nicht ein.

Das wäre ja auch noch schöner. Denn vom Industrieverband Hartschaum selbst hätte die Öffentlichkeit kaum etwas über die Probleme mit dem Styropor erfahren. Zum Beispiel, daß die Dämmplatten, weil brennbar, meistens ein Flammschutzmittel mit dem Namen Hexabromcyclododecan (HBCD) enthalten. Das allerdings hat die Europäische Chemiekalienagentur 2008 als „besonders besorgniserregenden“ Stoff eingestuft. Die UN beschloß ein weltweites Verbot von HBCD und die europäische Chemikalienverordnung Reach untersagt ab August 2015 den Einsatz des Stoffes, bei dem es sich laut Umweltbundesamt um ein langlebiges Umweltgift handelt, das sich im Menschen und anderen Organismen anreichert sowie im Verdacht steht, fortpflanzungsschädlich zu sein. Die Aussage der SZ, mehrere Hersteller vom Dämmstoffen hätten bei der zuständigen Agentur eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um HBCD weiter einsetzen zu können, wird auch in der Pressemitteilung des Hartschaum-Verbandes nicht dementiert.

Doch das ist nicht der eigentliche Punkt. Die SZ weist vielmehr darauf hin, daß in Deutschland bereits viele 100 Millionen Quadratmeter von Dämmstoffplatten verbaut sind, die HBCD enthalten. Und da die Dämmfassaden längst nicht so lange halten werden wie die Gebäudemauern, kommt auf Deutschland ein riesiges Entsorgungsproblem zu. Zur Zeit, so schildert die SZ, fallen HBCD-haltige Dämmplatten in die Kategorie „gemischte Bau- und Abbruchabfälle“. Doch das Brandenburger Umweltministerium immerhin weise darauf hin: Es werde gerade die Umsetzung des HBCD-Verbots in europäisches Recht vorbereitet. Nach Inkrafttreten des Verwendungsverbots von HBCD wären Dämmaterialien mit diesem Stoff als gefährlicher Abfall einzustufen. Sondermüll also. Für die betroffenen Hausbesitzer kann das, wie bei der Entsorgung von Asbest, sehr teuer werden.

zurück