Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Wir ham den Kanal, wir ham den Kanal...“

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 18): Piefkes, Ösis und die Marschmusik

Johann Gottfried Piefke (1815 bis 1884)

Von Holger Becker

"Willst Du noch einen Kaffe, Werner?“ „Bist´ deppert? Doas hoaßt Kaffeeeee!, Du Piefke, Du“, antwortete der Freund aus Wien. Ach ja, das war schön, als dieser Dialog noch geführt werden konnte. Doch Werner, der Kenner des Balkans, Rußlands und des Nahen Ostens, ist tot, gestorben im Januar, allein in einem Hotelzimmer in Berlin. Man konnte von ihm sentimentale Kärnter Lieder lernen, „In da Mölltalleitn“ zum Beispiel oder Wörter wie „Wappler“ (hochdeutsch: Schwachkopf oder Weichei), „Funzn“ (eingebildete Frau oder schlecht brennendes Licht) und „Patschen“ (Hauslatschen oder Reifenpanne). Woher es aber kommt, daß die Ösis ihre deutsche Verwandtschaft „Piefkes“ nennen, darüber sprachen wir nicht, auch wenn uns die Frage immer wieder beschäftigt hatte, ob Österreich tatsächlich zu einer eigenständigen Nation geworden sei.

Es gibt eine gute Geschichte zum Ursprung des P-Wortes, die, wie anzunehmen ist, viele Piefkes und Ösis nicht kennen. Sie begann am 9. September 1815 etwa 140 Kilometer östlich von Berlin in Schwerin an der Warthe, das heute Skwierzyna heißt, weil es seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu Polen gehört. An jenem frühherbstlichen Tag kam in jenem Schwerin ein Kind namens Johann Gottfried Piefke zur Welt. Das höchstwahrscheinlich niedliche Baby war Sohn des Organisten und Stadtmusikers Johann Piefke und dessen Frau Dorothea. Zum jungen Manne gereift, trat das Menschenkind 1835 seinen Wehrdienst als Hoboist (also Oboe-Spieler) beim Leibgrenadier-Regiment Nr. 8 in Frankfurt (Oder) an und legte sich dann irgendwann einen in der Kinngegend gespaltenen Schnauz- und Kotelettenbart zu, wie ihn die Nachwelt vor allem von Julius Motteler kennt, dem Roten Feldpostmeister der deutschen Sozialdemokratie, und von Alfred Tirpitz, jenem deutschen Großadmiral, der unter Kaiser Wilhelm II. das großkotzige Flottenbauprogramm durchzog und von Kurt Tucholsky „Flottenverderber“ genannt worden ist.

Für Piefkes Karriere und den Fortgang der Dinge entscheidend: Der Mann spielte nicht nur Musik, er komponierte auch welche. Und was für welche. Piefke schrieb Musik, aaummtatta, aaummtatta, nach der Soldaten in den Tod marschieren können bzw. zum Totschießen anderer Soldaten (und mehr und mehr auch Zivilisten, wie das Militär Menschen, die keine Uniform tragen, zu nennen pflegt). Und Preußen brauchte Militärmärsche. Denn die nach der gescheiterten Revolution von 1848 durch Otto von Bismarck in Angriff genommene Reichseinigung mit „Blut und Eisen“ führte zu drei Kriegen.

„Vorwärts donnert der Dirigent“
Im ersten ging es 1864 gegen Dänemark. Die berühmte Entscheidungsschlacht dieses Krieges, in den auch Österreich Soldaten schickte, fand im Südosten Jütlands bei Dybbøl (Düppel) auf den „Düppeler Schanzen“ statt.

Piefke, zu dieser Zeit schon Preußischer Musikdirektor, nahm daran teil. Die Preußen postierten vor der großen Schießerei ganz in der Nähe der dänischen Linien vier Musikkorps unter seiner Führung. Und als die Deutschsprechenden zu ihrem Sieg stürmten, erklang der von ihm komponierte „Düppeler Schanzen-Marsch“. Die Legende sagt, Piefke habe mit dem Säbel das Signal zum Angriff gegeben. Deshalb heißt es in Theodor Fontanes Gedicht „Der Tag von Düppel“: „´Vorwärts!´ donnert der Dirigent, Kapellmeister Piefke vom Leibregiment.“ Der in vieler Hinsicht verehrungswürdige Fontane feiert hier in hurrapatriotischen und für den heutigen Leser unfreiwillig komischen Reimdichoderichfreßdich-Versen den Sieg über die Dänen. Für die allerdings ist die schmähliche Niederlage gegen die Aaummtatta-Horden noch heute ein geschichtliches Trauma.

Den dritten besagter Kriege, den gegen Frankreich von 1870/71, verfolge Piefke die meiste Zeit vom Krankenbett aus. Aber der mittlere, in dem die Preußen 1866 die Österreicher aufs Haupt schlugen und sich die Vormacht im kommenden Deutschen Reich sicherten, indem sie die Habsburger ausschlossen, der sollte ihm eine viel größere Präsenz in der deutschen Sprache sichern, als Fontanes zu recht vergessenes Gedicht es vermochte.

Das kam so: Die entscheidende und blutigste Schlacht dieses Krieges mit rund 400.000 Teilnehmern tobte in der Nähe des böhmischen Dörfchens Sadová (deutsch: Sadowa) und endete mit einer verheerenden Niederlage für die verbündeten österreichisch-sächsischen Heere. Zwar blieb die Erinnerung an den tatsächlichen Ort dieser Handlung auch im deutschen Sprachraum hie und da lebendig. Der Bolz-Acker des Fußballclubs 1. FC Union Berlin zum Beispiel hieß nicht immer Stadion an der Alten Försterei, sondern bis 1929 Sadowa-Platz. Aber der preußischen Propaganda erschien Sadowa zu poplig, weshalb sie das Gemetzel mit dem 15 Kilometer entfernten Hradec Králóve verband, mit dessen deutschem Namen sich ganz anders donnern läßt: Königgrätz! Noch auf dem Schlachtfeld soll Piefke die Töne zu einem Marsch in die Welt gesetzt haben, den, naja Sie ahnen schon, Königgrätzer Marsch, zu dem es auch populäre Texte gibt: „Der Piefke lief, der Piefke lief, der Piefke lief den Stiefel schief“, geht der eine, „Wir ham den Kanal, wir ham den Kanal, wir ham den Kanal noch lange nicht voll“, lautet der andere.

Spektakel vor den Toren Wiens
Und als nun am 31. Juli 1866 auf dem Marchfeld, einer Schotterebene ca. 20 Kilometer östlich von Wien, die Preußen ihren Sieg mit einer großen Parade vor dem Hohenzollernkönig Wilhelm I. feierten, dirigierte nicht nur Johann Gottfried, sondern auch dessen baumlanger Bruder August Piefke ein Musikkorps. Unter den Wienern, die sich das Spektakel im Weinviertel ansahen, soll sich der Ruf verbreitet haben: „Die Piefkes kommen!“ Und so hatten die Preußen, die fortan an das Deutsche Reich dominierten, bei den Ösis ihren Namen weg.

Es gibt Spielverderber, die behaupten, die Geschichte stimme so nicht, die Bezeichnung „Piefke“ käme ganz woanders her. Sie sei schon in den 1840er Jahren für eine Witzfigur geprägt worden. Aufgegriffen habe das zum Beispiel Wilhelm Busch in seiner schadenfrohen Bildergeschichte von den superfrechen Hunden Plisch und Plum, an deren Ende ein recht einfältiger Engländer auftaucht und die beiden Köter für 100 Mark kauft. Busch nennt ihn „Mister Pief“.

Wir wollen aber auf diese Einwände nicht hören. Und wer weiß, vielleicht sind hier ja auch mehrere Bäche zu einem Strom zusammengeflossen. Was sicher ist: Der Ösi nennt den Reichsdeutschen nicht erst seit gestern „Piefke“.

Schon bald nach dem Anschluß Österreichs 1938 an das Deutschland Hitlers wetterte das Nazihauptblatt „Völkischer Beobachter“ gegen die „Piefkitis“ in der „Ostmark“, wie Österreich nun heißen mußte. Fürs „Piefke“-Sagen verhängten Gerichte sogar Haftstrafen. So bekam eine Wiener Schweißerin 1944 sieben Jahre Zuchthaus aufgebrummt, weil sie im Luftschutzkeller geflüstert hatte: „Die Piefkes sind meine Todfeinde.“

Ordensblech und Gloria
Johann Gottfried Piefke, der in der Literatur immer wieder als begnadeter Musiker beschrieben wird, der fast alle Instrumente selber spielen konnte und der sich in seinen späteren Jahren vor allem der klassischen Musik zuwandte, hat insgesamt etwa 60 Märsche komponiert. Der berühmteste hört auf den Namen „Preußens Gloria“.

Es sagt nichts über die Qualität seiner Musik aus, vielleicht aber etwas über deren Geist, ganz sicher aber viel über die preußisch-deutsche Militärtradition: Piefkes Militär-Märsche pflegten immer die deutschen Truppen, die in Kriege zogen, und zwar solche, die nach katastrophalen Verbrechen auch für die Deutschen ein katastrophales Ende nahmen. „Preußens Gloria“ zum Beispiel spielten die Militärkapellen der Kaiserlichen Streitkräfte im ersten, die von Wehrmacht und SS im zweiten Weltkrieg. Wenn auch Bundeswehr-Kapellen die Piefke-Märsche intonieren, hört der friedliebende Mensch das mit ähnlichem Befremden wie die dazu passenden Reden des Ex-Predigers an der Spitze der protokollarischen Hierarchie des Landes. Angesichts solcher „Traditionspflege“, zu der seit 1957 auch die noch heute gültige gesetzliche Erlaubnis gehört, Ordensblech aus der Nazi-Zeit auf der Straße spazieren führen zu dürfen (und zwar vom „Eisernen Kreuz“ bis hin zum „Bandenkampfabzeichen“, das für die Bekämpfung von Partisanen und Widerstandskämpfern in den überfallenen Ländern vorwiegend an Leute von der Waffen-SS, der Feldgendarmerie, der Ordnungspolizei und von Spezialeinsatzkräften wie der Division „Brandenburg“ verliehen wurde), wenn auch in einer speziell für die Bundesrepublik geprägten Variante ohne Hakenkreuz, Totenkopf und Runen, angesichts solcher Kontinuitäten also wie auch der aktuellen Forderung nach erneuter kriegerischer Anstrengung wird nicht wenigen Landeskindern das Unwohlsein bleiben, zu den Piefkes zu gehören, um es mal gelinde auszudrücken.

Johann Gottfried Piefke selbst wollen wir in Frieden ruhen lassen. Er starb 1884 in Frankfurt (Oder), wo er auch begraben wurde. Sein Grab existiert nicht mehr. Piefke war ein Kind seiner Zeit, die noch nichts ahnte von Jazz, Blues, Rock´n Roll und Punk, von Musik für Menschen, die das Untertänige abstreifen wollen. Ausgerechnet in Österreich, wo sein Königgrätzer Marsch verständlicherweise zu den am meisten verpönten Musiken gehört hat, steht inzwischen ein Denkmal für ihn. Und zwar in Gänserndorf, in dessen Nähe 1866 die preußische Siegesparade nach der Schlacht von Sadowa/ Königgrätz stattfand und die Geschichte des Uz-Wortes vom Piefke ihren Anfang nahm.

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PS: Die schönste Veralberung deutschen Marschmusikbedürfnisses hat ein Mann aus altem preußischen Adel geschaffen: Vicco von Bülow, genannt Loriot. Während Vater, Mutter und Kind Dicki in seinem berühmten Sketch unter dem Weihnachtsbaum mit einem kleinen Atomkraftwerk spielen, verlangt Opa Hoppenstedt kategorisch: „Ich will meine Platte hören.“ Donnernd erklingt ein Marsch, zu dem Opa Hoppenstedt kernig mit dem Arm den Takt schlägt. Ein Marsch von Piefke? Nein. Es ist der „Helenenmarsch“, den 1857 Friedrich Lübbert komponierte und der ebenfalls zum Standardrepertoire der Truppen unter Adolf Nazi gehörte. Heute dient er dem Heeresführungskommando in Koblenz als Präsentiermarsch.

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