Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Energiewende um jeden Preis?

Brandenburg plant an Umwelt und Mensch vorbei – Klage gegen Netzausbau

Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat“

Nur ein kleiner Sieg, aber doch Grund zum Feiern: Am 23. September verfügte das Bundesverwaltungsgericht einen Baustop für die geplante Höchstspannungsleitung von Bertikow (Uckermark) nach Neuenhagen (Märkisch Oderland) – auch Uckermarkleitung genannt –, bis über den Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz entschieden ist. „Es ist schon erstaunlich, daß wir die finanziellen Mittel für eine Klage gegen das Projekt zusammenbekommen haben, immerhin rund 50.000 Euro“, so Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat“. Das liege daran, daß die Leitung keine Akzeptanz in der Region findet, die Anwohner sich überrumpelt fühlten und um ihre Gesundheit und Existenz betrogen.

Dem vorausgegangen war die Planung einer Höchstspannungsleitung (380 Kilovolt) von Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz Transmission GmbH im Jahr 2005 mit sich anschließendem Raumordnungsverfahren, welches – von der Bevölkerung gänzlich unbemerkt – im Dezember 2007 endete. 2012 sollten bereits Masten stehen. Doch als das Projekt öffentlich bekannt wurde, löste es Empörung und Unverständnis aus und mündete in einer Welle des Protests. Etwa 1.300 Einwendungen von Anwohnern, Initiativen, Verbänden, Trägern öffentlicher Belange usw. führten zu mehreren Beteiligungsverfahren, die den Planfeststellungsbeschluß immer wieder verzögerten. Dann der Knall: Am 18. August veröffentlichte 50Hertz auf der Firmeninternetseite, man begrüße den Abschluß des Planfeststellungsverfahrens des Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg (LBGR).

Demnach soll die Uckermarkleitung die Umspannwerke Bertikow bei Prenzlau und Neuenhagen im Nordosten Berlins verbinden. Nach Fertigstellung wird die 115 Kilometer lange Trasse eine etwa 70 Meter breite Schneise durch das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, den Naturpark Barnim und zwei europäische Vogelschutzgebiete schlagen. Die an 40 bis 50 Meter hohen Masten hängenden Leitungen werden die Stadt Eberswalde im Bereich dichtbesiedelter Wohngebiete queren, mehrere Ortsteile von Angermünde und der Gemeinde Ziethen im Amt Joachimsthal berühren. Und wofür? „Die 380-kV-Leitung wird Berlin mit Strom aus den brandenburgischen Biomasse- und Windkraftwerken versorgen. Dies stärkt vor allem die Infrastruktur für die Energieregion Uckermark-Barnim“, so 50Hertz.

Das sehen die Betroffenen ganz anders. „Die Uckermarkleitung gefährdet die Gesundheit der Anwohner, verletzt den Landschafts-, Natur- und Vogelschutz, beeinträchtigt die wirtschaftliche Entwicklung im naturnahen Tourismus, der Ökohöfe und der Lebensmittel verarbeitenden Unternehmen der Region“, so Hartmut Lindner. Auch die Immobilienwerte für die anliegenden Grundstücke würden laut Wertgutachter um bis zu 30 Prozent fallen. Ein Verlust, der nicht einklagbar sei und auch nicht entschädigt würde: „Davon sind Bewohner von ein paar dutzend Dörfern betroffen.“

Und so kam es, daß sich neben der Bürgerinitiative auch der Naturschutzbund (NABU) Brandenburg sowie Vertreter der Städte Angermünde und Eberswalde und des Amtes Joachimsthal in einer gemeinsamen öffentlichen Stellungnahme klar positionierten: „Das vom Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe genehmigte Projekt stellt einen massiven Eingriff in die Natur und Umwelt dar und ist mit erheblichen Risiken für die Anwohner und die wirtschaftliche Entwicklung der Region verbunden, worauf wir in unseren Stellungnahmen während des Planfeststellungsverfahrens wiederholt hingewiesen haben.“

Es sei zudem zu kritisieren, daß die Genehmigungsbehörde sich weitgehend die Stellungnahmen des Vorhabenträgers zu eigen machte: „Von einer sachlichen Abwägung und einer Berücksichtigung der legitimen Interessen der Betroffenen kann hierbei keine Rede sein… Die Genehmigungsbehörde hat unseres Erachtens nach versagt, indem sie die Eingriffe in Natur und Landschaft durch die Befreiung von allen, dem Vorhaben entgegenstehenden Verboten zuläßt.“

Um ein starkes Zeichen der regionalen Zusammenarbeit zu setzen, haben sich die Städte Angermünde und Eberswalde sowie Unternehmen der Region entschieden, die Klage der Bürgerinitiative und ihres Trägervereins „Wir in der Biosphäre e.V.“ sowie des NABU Brandenburg inhaltlich und finanziell zu unterstützen.

Diese wurde am 20. September eingereicht, zwei Tage später – am 22. September – folgte das Rechtsschutzersuchen.

Der verfügte Baustop des Bundesverwaltungsgerichts hindert den Netzbetreiber 50Hertz Transmission GmbH nun, den für die Errichtung der Freileitung erforderlichen Holzeinschlag noch in diesem Winter durchzuführen. Vorerst verzögert das den Bau der Freileitung um ein weiteres Jahr, selbst wenn – was den Betroffenen nicht zu wünschen ist – die Klage gegen den Planfeststellungsbeschluß keinen Erfolg haben sollte.

Monika Rassek

 

 

Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative „Biosphäre ohne Strom – keine Freileitung durchs Reservat“ kämpft für eine bürger- und umweltfreundliche Trassenführung.

 

Die geplante Höchstspannungstrasse „Uckermarkleitung“ soll im Umspannwerk Neuenhagen bei Berlin enden. Masten mit einer Höhe von 40 bis 50 Metern könnten in nur 40 Meter Entfernung neben Wohnhäusern errichtet werden und die Lebensqualität erheblich einschränken.

 

 

 

VDGN fordert Umdenken

 

Rücksichtslose Planung

Die Uckermarkleitung quert Großschutzgebiete, europäische Vogelschutzgebiete, die Stadt Eberswalde, den Ort Senftenhütte u.a., führt oft sehr eng an weiteren Ortschaften vorbei, berührt dabei direkt oder indirekt 24 kleinere Natur- oder Landschaftsschutzgebiete. Fehlende Mindestabstandsregelungen ermöglichen den Bau von 40 bis 50 Meter hohen Masten im Abstand von 40 Metern zur Wohnbebauung.

In Folge werden nicht nur die Menschen in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Mit zunehmenden Einschnitten in Landschaft und Natur schwinden die Einnahmen im Tourismusbereich, im Bio-Landbau, der Lebensmittelproduktion usw.

Die Gegner der Uckermarkleitung kritisieren, daß zum Verlauf der Trasse keine Alternativen oder in sensiblen Bereichen keine technischen Lösungen wie die Netzverstärkung und Optimierung der bestehenden 220-kV-Freileitung sowie Erdverkabelung geprüft wurden.

 

Erdverkabelung ist kein Allheilmittel

Ähnlich Brandenburg soll eine Höchstspannungsleitung künftig Strom zwischen Meppen im südwestlichen Niedersachsen und Wesel am Niederrhein transportieren. Auch dort beherrschen weitläufige Energiemais-Felder, Windkraftanlagen und vereinzelte Bauernhöfe die Landschaft.

Allerdings plant Netzbetreiber Amprion eine Höchstspannungsleitung ohne Masten – sondern unterirdisch. Die Trasse wird, zur Freude zahlreicher Bürgerinitiativen, zwar unsichtbar sein, aber lt. Amprion dennoch erhebliche Eingriffe in die Natur mit sich bringen.

Ein Experiment. Ausgang ungewiß. Denn, europaweit wurde noch nie Strom mit einer Stärke von 380 kV über eine so lange Strecke unterirdisch transportiert.

Nachteile: Der immense Aufwand für die Erdverkabelung treibt die Kosten hoch. Rechnet man für einen Kilometer Freileitungstrasse 1,4 Millionen Euro, sind es bei unterirdischem Verlauf etwa sechsmal so viel.

Und diese Mehrkosten flattern den Verbrauchern als Teil der Netzentgelte mit ihrer Stromabrechnung ins Haus. Noch ist unsicher, wo in Deutschland letztendlich Erdkabel verlaufen werden oder nicht – Fachleute beziffern die Mehrkosten schon jetzt in Milliardenhöhe.

 

Lösung nur durch Umdenken möglich – Betroffene sind zu entschädigen

Die Verbandsversammlung des VDGN faßte am 19. März 2013 im Rahmen des Verbandstag einen Beschluß zur Energiepolitik und forderte, daß die Gewinnung von Elektroenergie aus Wind-, Solar- und Wasserkraft verstärkt nahe den Schwerpunkten des Verbrauchs erfolgen muß. Auch seien Forschung und Technik gezielt für die Entwicklung optimierter Großenergiespeicher einzusetzen.

Denn, „Stromautobahnen“ kosten Milliarden, beeinträchtigen Mensch und

Umwelt, und fehlende Speicher verschleudern teuer erkaufte Energieressourcen. Zwangsabschaltungen von Windparks treiben den Strompreis weiter in die Höhe.

Für den Verlust von Lebensqualität und die Verkehrswertverluste der Grundstücke, die von Anlagen für die Gewinnung erneuerbarer Energien oder neuen Stromtrassen verursacht werden, sind die Eigentümer zudem finanziell zu entschädigen. Die Natur, als entscheidender Faktor in unserem Ökosystem, ist zu schützen.        M. R.                             

zurück