Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Bagger gegen Bunker

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 13): An Jütlands Westküste. Von Holger Becker

Jütland, oh Gott! Als die Olsenbande in einem ihrer schönsten Filme zum Westzipfel des Königreichs Dänemark aufbricht, um einen Nazischatz zu suchen, weiß Yvonne, die weibliche Hauptfigur der von liebenswert anarchischem Geist getragenen und jeden Staats- und Sicherheitsfetischismus verspottenden Streifen, gar nicht, wo das liegt, dieses Jütland. Und als Egon, Benny und Kjeld bei Hjardemål an der Jammerbugt ihre Suche beginnen, bleichen in der prallen Sonne die Skelette verdursteter Tiere am Rand des Weges, der durch eine nicht enden wollende Landschaft aus Wald und Heide führt, so abgelegen und anscheinend fern jeglicher Zivilisation scheint die Gegend zu sein. Bei Hanstholm, das in etwa die Grenze zwischen Nordsee und Skagerrak markiert, findet das Kopenhagener Geldschrankknacker-Trio schließlich das Gesuchte – und zwar in einem alten Bunker ganz dicht an der See.

Jütlands Westküste ist dicht besät mit solchen Betonungetümen. Nachdem Nazideutschland am 9. April 1940 Dänemark und Norwegen überfallen hatte, bezog Hitler ab August 1942 Jütland in den Bau des sogenannten Atlantikwalls ein. Auf einer Linie von 2685 Kilometern von Südwestfrankreich bis hoch nach Norwegen ließ er verbunkerte Verteidigungs- und Artilleriestellungen anlegen, die eventuelle Landungsoperationen der Alliierten abwehren sollten. Als eifrigster Betonierer profilierte sich ab November 1943 der Nazi-Generalfeldmarschall Erwin Rommel, für dessen rundfunkgebührenfinanzierte Darstellung unlängst der Schauspieler Ulrich Tukur sein Gesicht an die ARD vermietete.

Unerbetene Geschenke
Mit über 600 Bunkern bepflasterten die deutschen Machthaber dabei Dänemarks Küste. An militärisch wichtigen Punkten wuchsen ganze Bunkerfestungen, so bei Esbjerg, das über Dänemarks wichtigsten Nordseehafen verfügt, und eben bei Hanstholm.  Allerdings hatte der Bau der monströsen Anlagen in Hanstholm schon 1940 begonnen. Auf jeweils 6560 m³ Stahlbeton postierte das deutsche Militär dort vier Marinegeschütze mit dem sagenhaften Kaliber von 38 Zentimetern. Die konnten bis zu 43 Kilometern weit schießen und blockierten zusammen mit einer ähnlichen Batterie im norwegischen Kristiansand und einem Minengürtel die Durchfahrt durchs Skagerrak für gegnerische Flotten und damit den Zugang zur Ostsee. Gebaut hat diese Geschütze die Firma Rheinmetall, die schon während des Ersten Weltkriegs zu den größten deutschen Rüstungsproduzenten gehört hatte und die auch heute ihre Aktionäre mit Dividenden aus Geschäften mit Kriegswaffen erfreut.

Die deutsche Monsterbatterie in Hanstholm – sie ist heute ein Museum – steht auf einem Berg vor der Küste. Und man kann sich darauf verlassen: Wo eine Anhöhe wunderbare Aussicht auf die Nordsee bietet, steht in Jütland auch ein oller Bunker. Das ist nicht schön, aber längst nicht unbedingt gefährlich, so wie einige der Hinterlassenschaften direkt am Strand. Die Kraft des Meeres nimmt es selbst mit dem dicksten Beton auf. Manch Bunkerrest liegt unter Wasser und läßt sich nur blicken, wenn das Meer bei Ebbe mal besonders stark zurückweicht. Dort spießen sich Moniereisen aus dem Boden, die ihren Betonmantel überlebt haben. Kein Badender sollte ihnen zu nahe kommen.

Der Abriß begann
Die Dänen haben Jahrzehnte mit den unerbetenen Geschenken ihrer deutschen Nachbarn gelebt. Diese zu beseitigen, ist immerhin ein teures Unterfangen. Letztes Jahr nahm es der dänische Staat dennoch in Angriff. Am 29. Juli 2013 kletterte Umweltministerin Pia Olsen Dyr bei Harboøre, das liegt ein paar Kilometer südlich vom Durchbruch zwischen Limfjord und Nordsee, auf einen Bagger, um den symbolischen ersten Meißelstich zu setzen. In Mauerspechtmanier präsentierte sie danach einen Betonbrocken. Insgesamt 120 Bunker am Strand sollen nun Stück für Stück verschwinden. Bagger mit riesigen Meißeln, Abrißbirnen und, wenn nötig, Sprengstoff werden das leisten.  1,5 Millionen Euro wendet der Staat dafür auf, die Kommunen zwischen Blåvand im Süden und Vigsø im Norden schießen noch einmal 2670 Euro für jedes abgetragene Bauwerk dazu. Der verbleibende Schutt soll den Unterbau neuer oder reparierter Straßen verstärken.

Allerdings werden nicht alle dieser Zeugnisse deutscher Überhebung verschwinden. In Dänemark sieht man die Bunker auch als geschichtliche Merkzeichen. Sehr lebhaft diskutieren unsere nördlichen Nachbarn die Zeit der deutschen Besatzung. Und das nicht nur, weil dänische Firmen damals am Bunkerbau gut verdienten. Als die deutschen Truppen am 9. April 1940 nach Südjütland vordrangen und auch Truppen in Kopenhagen anlandeten, protestierte die dänische Regierung zwar gegen die Verletzung der Neutralität des Landes, verzichtete aber auf militärische Gegenwehr. Die Naziführung hatte ihr zuvor angedroht, Kopenhagen zu bombardieren.

Was folgte, war die Zeit einer offiziellen Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Die sozialdemokratisch geführte Regierung blieb im Amt, Flotte und Heer Dänemarks existierten weiter, die Polizei versah ihren Dienst. Die Deutschen verzichteten weitgehend auf Zwangsmaßnahmen gegen die dänische Bevölkerung. Der Widerstand gegen die Besatzer hielt sich in dieser Periode in engen Grenzen. Aktiv wurden Einzelpersonen und Gruppen wie Frit Danmark, Dansk Samling, Holger Danske und die dänischen Kommunisten.

Doch mit den Niederlagen Hitlerdeutschlands im Osten änderte sich die Lage. Insbesondere 1943 mehrten sich Streiks und Sabotageaktionen. Die deutschen Besatzer forderten von der dänischen Regierung nun ultimativ, ein Versammlungsverbot, eine Ausgangssperre, Militärgerichte und die Todesstrafe einzuführen. Das verweigerte die dänische Regierung und löste sich auf. Die Besatzer verhängten den Ausnahmezustand und zogen insgesamt die Schrauben an, indem sie Gestapo und SS ins Land holten. Dänischerseits führte eine Riege von Staatssekretären die Regierungsgeschäfte.

Doch alles in allem blieb den Dänen erspart, was Nazideutschland anderen Völkern und zu einem nicht geringen Teil auch dem eigenen angetan hat: eine Ausrottungs- und Vernichtungspolitik, wie sie gegenüber den Juden Europas, Polen und Russen exekutiert worden ist, Deportation und Zwangsarbeit in großem Stil, wie sie beispielsweise Frankreich und die Niederlande erlitten, das Schicksal als direkter Kriegsschauplatz und auch der Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung.

Wer heute meint, die dänische Kollaboration sei wenig ehrenhaft gewesen, sollte all das zumindest nicht vergessen. Auch die in ganz Europa beispiellose Rettung der dänischen Juden oder besser: ihrer übergroßen Mehrzahl ist kaum zu erklären ohne ein Nachdenken über die Folgen der Kollaborationspolitik. Auch wenn es andere Erklärungsversuche gibt. Bo Lidegaard, Chefredakteur  der dänischen Tageszeitung „Politiken“, meint in seinem Buch „Die Ausnahme“ (Blessing-Verlag 2013), es sei der nationale Zusammenhalt und der verwurzelte Konsens der Dänen gewesen, sich von Nazismus wie Kommunismus gleichermaßen abzugrenzen, der im Oktober 1943 tausende Dänen motivierte, ihren jüdischen Landsleuten bei der Flucht übers Meer nach Schweden zur Seite zu stehen. Aber wäre das möglich gewesen, bei einer Bevölkerung, die durch ein Gewaltregime wie in anderen besetzten Ländern – und auch in Deutschland selbst – in Furcht und Schrecken versetzt worden ist? Die Dänen waren furchtlos, weil sie meinten, keine Furcht haben zu müssen, und taten das für sie Selbstverständliche: Sie halfen in Not geratenen Menschen. „Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat“, könnte man in Abwandlung eines Satzes von Bertolt Brecht sagen, der seinen Exilsitz vom Dezember 1933 bis zum Herbst 1939 in Dänemark hatte.

Diskusssion um Kollaboration
Aber auch Lidegaards Behauptung des nationalen Zusammenhalts übrigens ist problematisch. Ließ die dänische Regierung doch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 auf Druck der Besatzungsmacht hunderte dänische Kommunisten – darunter der Schriftsteller Martin Andersen Nexö, der aber 1943 entfliehen konnte – verhaften und internieren. Viele von ihnen deportierten die Nazis 1943 in das KZ Stutthoff. Dänische Rezensenten von Lidegaards Buch, das bei ihm zuhause unter dem Titel „Landsleute” er-schien, wandten ein, sein behauptetes „Wir“ sei eine nachträglich Idealisierung.

Über das, was der dänische Historiker Hans Kirchhoff „Staatskollaboration“ nannte wird noch viel gestritten werden, auch wenn die Auseinandersetzung damit schon selbst eine lange Geschichte hat. Nach der Befreiung des Landes am 5. Mai 1945 kamen auf Druck der Widerstandsbewegung jene als Kollaborateure vor Gericht, die direkt der deutschen Besatzungsmacht gedient hatten oder zu den Kriegsgewinnlern zählten, und auch Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten.

In jüngerer Zeit griffen auch publikumswirksame Filme das Thema Kollaboration und Widerstand auf. So brach 2008 „Flammen og Citronen“ (deutscher Titel: „Tage des Zorns“) in Dänemark den bisherigen Kassenrekord. Mads Mikkelsen und Thure Lindhardt spielen dabei zwei Mitglieder der Widerstandsgruppe Holger Danske, die während der Besatzungszeit Kollaborateure töten. Den sollte man gesehen haben.

Doch da wir gerade beim Film sind: Der Egon-Bunker in Vigsø bei Hanstholm bleibt erhalten. Dafür hat der Chef des Museumscenters Hanstholm Jens Andersen gesorgt. Der Bunker ist seit Jahren Pilgerziel der überaus zahlreichen Olsenbanden-Fans aus Dänemark und dem Osten Deutschlands.

zurück