Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Sonne nutzen? Ja!
Dämmung weglassen? Nein!

Was gegen Wärmeverluste hilft – aus der Praxis eines Energieberaters

In jüngster Zeit gibt es verstärkt Diskussionen zu Sinn oder Unsinn von Dämmmaßnahmen – immer wieder fällt das Wort Dämmwahn. Was ist nun wirklich dran an dieser Diskussion? Da muß man sich einfach mal drei Fragen stellen: Brauchen wir überhaupt Dämmung? – Wenn ja: wie viel ist sinnvoll, und wo beginnt der Dämmwahn?

Warum wir Dämmung brauchen
Die Frage „Brauchen wir überhaupt Dämmung“ muß mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Das hat die Evolution schon vor mehreren Millionen Jahren erkannt und warmblütige Lebewesen, die in Klimaregionen mit wechselnden Temperaturen leben, mit einem Federkleid oder einem Fell ausgerüstet. Wir Menschen haben irgendwann das Fell durch Kleidung ersetzt und können uns damit sehr flexibel an Temperaturänderungen anpassen. Außerdem haben wir uns Häuser geschaffen und sind beim heutigen Stand der Technik in der Lage, unabhängig von den Jahreszeiten immer gleich bleibende Temperaturen zwischen 20 und 25 °Celsius in unseren Wohngebäuden einzuhalten. Dazu müssen wir aber auch heizen. Um nicht zu viel Heizenergie aufwenden zu müssen und zur Einhaltung von Hygiene und Gesundheit Tauwasserniederschlag mit der Gefahr von Schimmelbildung zu vermeiden, müssen die Außenbauteile von Wohngebäuden jedoch bestimmte Mindestanforderungen an die Wärmedämmung erfüllen.

Das haben Baufachleute schon vor mehr als 100 Jahren erkannt, daß das ohne Dämmung nicht geht und in den Bauordnungen Mindestvorgaben für Außenbauteile festgeschrieben. So sollten Außenwände mindestens aus 38 Zentimeter Ziegelmauerwerk bestehen, 25 Zentimeter Ziegelmauerwerk ist wegen zu geringer Dämmwirkung nicht mehr tauwasserfrei und wurde deshalb nicht zugelassen. Es gab dann auch noch zweischaliges Mauerwerk mit Luftschicht – mit den heute bekannten Problemen. Auch für Geschoßdecken (z. B. die Holzbalkeneinschubdecke), Dachschrägen und Kellerdecken hat man Konstruktionen mit einer Mindestdämmung entwickelt, um die Tauwasserfreiheit zu gewährleisten. Über viele Jahre wurden mit diesen (mit einer Mindestdämmung ausgestatteten) Typologiebauteilen Wohngebäude errichtet, und die Menschen haben ohne größere Probleme darin gelebt. Man brauchte nur ausreichend zu heizen, um es auch im Winter warm zu haben. Die Wohnbehaglichkeit war durch den Kachelofen sichergestellt. Außerdem waren die Preise für Holz und Kohle vergleichsweise niedrig. Dies trifft auch für Heizöl zu, das dann verstärkt in der Phase der Umstellung auf Zentralheizung verwendet wurde.

Ein Hausbesitzer in Westberlin hat die Situation 1970 folgendermaßen beschrieben: Wozu sollten wir unsere Häuser zusätzlich zum erforderlichen Mindestwärmeschutz dämmen? Wir hatten im Keller einen 36-Kilowatt-Heizöl-Gebläsekessel, der bei bis zu 90° C Vorlauftemperatur in allen Räumen immer ausreichende Wärme bietet. Die dafür erforderlichen ca. 4.000 Liter Heizöl pro Jahr kosteten bei Preisen von 16 Pfennig pro Liter rund 650 DM. Warum also zusätzlich Geld in Dämmung investieren?

Wie aber sieht das nun heute aus. Die Preise für Energieträger zum Heizen sind explodiert, statt 650 DM wären heute der zehnfache Preis, also ca. 3.200 Euro, fällig. Wirklich bezahlt werden aber wahrscheinlich nur ca. 2.400 Euro? Warum? Aus Kostengründen wird man, soweit es eben geht, nicht mehr alle Räume beheizen, auch so kann man Kosten sparen. Trotzdem können wir besonders im Ein- und Zweifamilienhausbestand mit dem Dämmstandard des vorigen Jahrhunderts nicht mehr leben – wir müssen dämmen, denn es hat sich zusätzlich noch etwas Besorgniserregendes verändert: Die CO2-Konzentration der Erdatmosphäre. Was haben nun die Hausbesitzer damit zu tun? Sehr viel – denn hier in Deutschland beträgt der Anteil des CO2-Ausstoßes, verursacht durch Wohngebäudeheizung, etwa ein Viertel des Gesamtaufkommens. Eine der Hauptursachen sind die auf Mindestwärmeschutz ausgelegten Bestandsgebäude mit ihren hohen Transmissionswärmeverlusten und ineffizienten Heizungssystemen auf Basis fossiler Brennstoffe. Hier muß sich unbedingt etwas ändern. Wie aber können wir das Verbrennen von teuren und CO2-erzeugenden fossilen Energieträgern wirksam verringern?

Vorschlag 1: Wir heizen nur noch mit erneuerbarer Energie. Nun ist zwar erneuerbare Energie in Form von Sonnenenergie in nahezu unendlicher Menge vorhanden, aber die Gewinnung zur Nutzung für die Gebäudeheizung ist leider gegenwärtig immer noch sehr teuer, denn Solaranlagen, Wärmepumpen, Biomasseheizungen etc. haben ihren Preis. Zudem müßten wegen der hohen Transmissionswärmeverluste der nur schwach gedämmten Bestandsgebäude recht große und demzufolge teure Anlagen installiert werden. Der Vorschlag 1 scheidet also aus.

Vorschlag 2: Wir müssen die hohen Transmissionswärmeverluste reduzieren und den verbleibenden Energiebedarf mit einem möglichst hohen Anteil an regenerativer Energie abdecken. Transmissionswärmeverluste lassen sich an Außenbauteilen beim heutigen Stand der Technik durch fachgerechte Dämmung problemlos um 60 bis 80 Prozent verringern. Dies ermöglicht auch den Einsatz kostengünstiger (weil kleiner) und effizienter Heizungsanlagen in Kombination mit Solarenergie (z. B. Brennwert-Technik mit Solaranlagen oder Wärmepumpen). Heizungsanlagen arbeiten mit Flächenheizungen bei möglichst niedrigen Vorlauftemperaturen besonders effizient. Dies wiederum geht nur bei geringer Heizlast. Ungedämmte Gebäude aber treiben die Heizlast in die Höhe. Die Heizlast beschreibt die Heizleistung, die erforderlich ist, um bei niedrigen Außentemperaturen alle Wohnräume auch dann, wenn keine Solargewinne vorhanden sind, noch ausreichend beheizen zu können. Kenngrößen für die Berechnung sind die Transmissions- und Lüftungswärmeverluste bei einer bestimmten Normaußentemperatur (in Berlin z. B. -14° C). Nun ist es ein großer Unterschied, ob z. B. beim Einfamilienhaus die Heizlast 16 kW oder 6 kW beträgt. Im ersten Falle kann dann oft der Brennwerteffekt nur unzureichend genutzt werden, der Einsatz von Flächenheizungen ist problematisch und Wärmepumpen zur Nutzung von Erd- oder Luftwärme sind nicht oder nur mit geringem Wirkungsgrad einsetzbar.

Will man eine geringe Heizlast erreichen, muß man durch Wärmedämmung aller Außenbauteile die Transmissionswärmeverluste begrenzen, denn bei den Lüftungswärmeverlusten ist das nicht so ohne weiteres machbar.

Gegner und Befürworter
Nun gibt es Gegner und Befürworter der Wärmedämmung. Die Befürworter sagen, der Gewinn durch Verringerung der Transmissionswärmeverluste ist wesentlich höher als der Verlust an Solargewinnen. Die Gegner wiederum sagen, Wärmedämmung führt zum Verlust solarer Gewinne über die ungedämmten Außenwände, sie können aber weder sagen, wie groß diese solaren Wärmegewinne über opake Bauteile sind, noch haben sie eine geeignete Berechnungsmethode dafür. (Opake Bauteile sind nicht transparente Bauteile wie Dachflächen oder Außenwandflächen, transparente Bauteile sind Fenster.)

Meine persönlichen Erfahrungen in meiner 8-jährigen Tätigkeit als Energieberater zu Solargewinnen über ungedämmte Außenwände bei Ein- und Zweifamilienhäusern sind folgende: Die Oberflächentemperatur an sonnenbeschienenen Außenwänden kann selbst bei Minustemperaturen + 40° C betragen. So lange die Sonne scheint, hält sich die Temperatur etwa in diesem Bereich, das sind an einem Wintertage maximal 6 Stunden bei unterschiedlichem Einstrahlungswinkel. Was passiert in dieser Zeit? Es entstehen zwei verschiedene Wärmeströme: Wärmestrom 1 an Außenluft (z. B. -5° C) bei einer Temperaturdifferenz von 45 Grad und Wärmestrom 2 durch die Außenwand nach innen bei einer Temperaturdifferenz von 20 Grad. Der Wärmedurchgangswiderstand eines Ziegelmauerwerks nach innen hin ist dabei etwa um den Faktor 10 größer als der Wärmeübergangswiderstand zur Außenluft. Das bedeutet, der größte Teil der durch Sonneneinstrahlung an der Außenwand entstehenden Wärme geht sofort wieder an die Außenluft verloren. Der kleinere Teil wandert nach innen. Sobald die Sonneneinstrahlung aber unterbrochen ist, kehrt sich dieser Prozeß um und der in der Wand gespeicherte Anteil fließt ebenfalls nach außen ab, ohne wegen der Phasenverschiebung, die aufgrund der Wärmespeicherung entsteht, die Innenseite des Mauerwerks erreicht zu haben. Zudem steht der Aufheizzeit von maximal 6 Tagstunden eine Auskühlzeit von 18 Nachtstunden mit niedrigeren Außentemperaturen gegenüber. Ungedämmte Außenwände sind also keine besonders gut geeigneten Möglichkeiten zur Gewinnung und Speicherung solarer Energie. Besser ist das Konzept, die Solarenergie über Wärmepumpen oder Solaranlagen in das Haus zu holen und den Verlust dieser Energie durch ausreichende Dämmung der Gebäudehülle zu begrenzen.

Ich habe damit an meinem eigenen Hause beste Erfahrungen gemacht. Eine Reduzierung des Erdgasverbrauchs von 3600 m2 auf ca. 800 m2 wäre ohne die Wärmedämmung der Außenwände mit einem 12 cm WDVS nicht erreichbar gewesen.

Was die Thermografie lehrt
Eine weitere Erfahrung besteht darin, daß im Zusammenhang mit der Ausstellung von Energieausweisen auf der Grundlage des Verbrauchs Wohngebäude ohne Außendämmung durchweg höhere Verbrauchswerte ausgewiesen haben als Gebäude mit mittlerem oder erhöhtem Dämmstandard. Ich kann auch nicht bestätigen, daß Verbrauch und Bedarfsberechnungen bei Gebäuden mit oder ohne Dämmung weit auseinander liegen. Natürlich muß man die richtigen Rahmenbedingungen wie Klimaregion, Klimafaktor, Nutzungsgewohnheiten für Heizung und Lüftung, Gebäudedichtigkeit und Zustand der Heizungsanlage berücksichtigen.

Noch ein Wort zu Oberflächentemperaturen. Jeder Thermograf mit Berufserfahrung wird das wissen. Außenthermografie bei Sonnenschein oder auch diffuser Sonnenstrahlung liefert keine brauchbaren Ergebnisse. Auch zwei bis drei Stunden nach Sonnenuntergang wird das Ergebnis immer noch durch Restwärme im Mauerwerk verfälscht. Am nächsten Morgen jedoch kurz vor Sonnenaufgang ist keine Restwärme mehr feststellbar. Süd- oder Westfassaden sind dann genauso kalt wie die Nordfassade. Bei Innenthermografie habe ich auch noch nie feststellen können, daß eine von der Sonne beschienene Außenwand wärmer gewesen wäre als eine verschattete.

Ich muß als Thermograf auch der Behauptung des Herrn Konrad Fischer im Heft 5-6/2013 widersprechen, daß eine Außendämmung die Temperatur der Innenwandoberfläche nicht erhöht. Das stimmt nur dann, wenn die Innentemperatur gleich der Außentemperatur entspricht, dieser Fall ist aber nicht Gegenstand der Betrachtung.

In den Thermogrammen (s. Abb. S. 37) kann man das recht gut erkennen. Wir sehen dort eine gedämmte Giebelfassade und gleichzeitig eine ungedämmte seitliche Fassade. Sowohl außen als auch innen erkennen wir die gravierenden Temperaturunterschiede zwischen gedämmtem und ungedämmtem Mauerwerk. Um das zu erkennen, braucht man nicht einmal eine Thermokamera. 3,8 Grad Temperaturdifferenz kann man innen schon mit der bloßen Hand fühlen. Würde die Behauptung stimmen, daß Dämmungen die Oberflächentemperatur nicht beeinflussen, dann könnte man auch keine Wärmebrücken mit der Thermokamera erkennen, denn Wärmebrücken sind Flächen mit geminderter Dämmung.

WBS-70-Platte und heutige Norm
Daß man Dämmung nicht einfach weglassen kann, zeigt auch nachfolgendes Beispiel: Wegen der angeblichen hohen Wirksamkeit der Wärmespeicherung in Massivbauteilen und der geringen Bedeutung des U-Werts müßte man doch Wohngebäude aus reinem Beton bauen. Das macht aber niemand. Auch beim Wohnungsplattenbau in der DDR wurde das nicht gemacht. Eine WBS-70-Platte ist zum Beispiel eine Sandwichkonstruktion mit zwei außen liegenden Betonplatten und einer innen liegenden 6-Zentimeter-Dämmschicht. Hätte man z. B. aus Kostengründen die Dämmschicht weggelassen, wären die Gebäude unbewohnbar. Hätte man jedoch z. B. eine 10-Zentimeter- oder sogar 12-Zentimeter-Dämmschicht eingebaut, könnte man heute auf eine nachträgliche Wärmedämmung dieser Gebäude verzichten. Im übrigen hat die WBS-70-Platte damals schon den heute geforderten Mindestwärmedurchlaß-widerstand für Außenwände erfüllt. So viel noch mal zum Thema „Dämmung weglassen“.

Wo beginnt nun der Dämmwahn? Da kann man mehrere Dinge benennen, hier nur zwei Beispiele: Dämmwahn ist, wenn Lüftungswärmeverluste z. B. bereits mehr als 50 Prozent des gesamten Heizenergieverbrauchs eines Wohngebäudes ausmachen und dann immer noch die Forderung nach größeren Dämmstärken entsteht, oder wenn Energieeffizienz nur noch auf Dämmung reduziert wird. Die Herstellung einer ausreichenden Energieeffizienz von Wohngebäuden besteht immer aus einem umfangreichen Maßnahmensystem. Dämmung ist nur ein Baustein davon. Dämmwahn ist aber auch, Empfehlungen zu geben, anstelle moderner Fenster mit Wärmeschutzverglasung wieder Fenster mit Einscheibenverglasung einzusetzen. Bei einem mindestens um den Faktor 5 höheren Transmissionswärmeverlust der Einscheibenverglasung gegenüber einer modernen Zweischeibenverglasung stellt sich beim Einsatz von Fenstern mit Einscheibenverglasung zusätzlich die Frage, wie hoch denn wohl der solare Wärmegewinn bei beschlagenen oder mit Eisblumen besetzten Scheiben sein wird, von der enormen Beeinträchtigung der Wohnbehaglichkeit und dem Problem der Tauwasserentsorgung ganz abgesehen.

Zum Schluß noch ein Wort zur Amortisation. Energieberater schulden dem Bauherrn keine Amortisation innerhalb von 10 Jahren, wie von Herrn Konrad Fischer im Heft 5-6/2013 verlangt. Nein, sie schulden ein schlüssiges Sanierungskonzept mit realistischer Einschätzung der Wirtschaftlichkeit. Amortisationszeiten können dabei kleiner aber auch größer als 10 Jahre sein. Der Bauherr muß selbst entscheiden, welche Zielstellung er verfolgt und was er umsetzen möchte. Finanzielle Amortisation ist nämlich nicht alles auf dieser Welt, es gibt auch noch andere Werte wie Wohnbehaglichkeit, Wohnkomfort oder Klimaschutz. Auch bei anderen Gebrauchsgegenständen setzen wir den Maßstab der Amortisation innerhalb einer bestimmten Zeit nicht an, typisches Beispiel ist unser geliebtes Auto. Amortisiert sich das nach zehn Jahren bei Fahrten zur Arbeitsstelle? Oder was ist mit dem Kaffeeautomaten, dem Geschirrspüler? Da könnte man noch viele Beispiele nennen.

Ursache für „Algenfassaden”
Noch eine Bemerkung zu Dämmungen, die keine Energieeinsparung bewirken – das sind keine Dämmungen, das ist nach meinen Erfahrungen nicht fachgerecht verbauter Dämmstoff (auf Deutsch gesagt: Pfusch am Bau). Auch die Algen-Fassaden haben ihre Ursache oft in mangelhafter Bauausführung oder unzweckmäßigem Baumaterial. Häufig anzutreffen sind hinterlüftete Fassadendämmungen durch lediglich punktuelle Befestigung der Dämmplatten oder Montage auf Lattenkonstruktionen. Gut durchdachte, sorgfältig geplante und fachgerecht ausgeführte energetische Sanierungen führen immer zur Einsparung von Heizenergie, und es wird danach weder Lüftungs- noch Schimmelprobleme geben. Viele Hausbesitzer haben mir dies auch in den letzten Jahren bestätigen können. Wer positive oder negative Erfahrungen in diesem Bereich gemacht hat, kann vielleicht darüber auch mal hier im Journal berichten oder den Kontakt zur VDGN-Fachgruppe Energie suchen.

Heinz Schöne, Energieberater, Mitglied der Fachgruppe Energie des VDGN
(www.schoene-energieberatung.de)

 

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