Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Leerstand in Kleingärten untersucht

Studie des Bundesbauministeriums gibt Antworten, die nicht ausreichen. Von Dr. Michael Jagielski

Immer wieder erreichen den VDGN Meldungen aus verschiedenen Bundesländern, die von einer erheblich wachsenden Zahl leerstehender Kleingärten berichten. Das Problem ist inzwischen so groß, daß vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung eine Studie dazu in Auftrag gegeben wurde. Sie liegt jetzt unter dem Titel „Bewältigung der Leerstandsproblematik in Kleingartenanlagen in strukturschwachen Regionen“ vor.

Im Vorwort zur Studie wird die Grundaussage so formuliert: „Das Kleingartenwesen wird auch in Zukunft nicht an Bedeutung einbüßen, aber es wird sich verändern.“ Die Charakteristik dieser Veränderung ist in der Studie nicht zu finden. Die Zielstellung der Studie besteht in der Analyse der Ursachen für zunehmende Leerstände in Klein- und Mittelstädten sowie ländlichen Regionen in Kleingartenanlagen. Es gilt, der Tendenz zum steigenden Leerstand entgegenzuwirken. Einerseits sind auf lokaler und regionaler Ebene Konzepte zur Steigerung der Attraktivität der Kleingartenanlagen gefragt, andererseits auch entsprechende Um- und Nachnutzungsvorschläge zu erarbeiten.

Die Studie hat sich zum Ziel gestellt, erfolgversprechende Bewältigungsstrategien aufzuzeigen. Diesem Anspruch wird sie nicht gerecht. Der Leerstand konzentriert sich vorrangig auf die Ost-Bundesländer mit Ausnahme Berlin. In den Ostbundesländern leben nur 15 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik. Gleichzeitig sind 50 Prozent der Kleingärten in Deutschland dort vorhanden. Die größte Dichte erreicht dabei das Bundesland Sachsen-Anhalt mit 9 Kleingärten je 100 Einwohner. Dort stehen 12 Prozent der Kleingärten leer. In den übrigen östlichen Bundesländern beträgt der Leerstand 5 bis 6 Prozent. Als schrumpfend einzuordnen sind 90 Prozent der ostdeutschen Regionen. Leerstände gibt es aber auch in Schleswig-Holstein sowie in Teilen von Niedersachsen und Bremen. Als alleinige Ursache für den Leerstand sehen die Verfasser die generellen demographischen und wirtschaftsstrukturellen Entwicklungen, die in bestimmten Regionen zu Schrumpfungen führen, und die durch die Altersstrukturen im Kleingartenwesen noch überlagert werden. Von über 90 Prozent der an der Studie beteiligten Kommunen, Verbände und Vereine wird das hohe Durchschnittsalter der jetzigen Nutzer als wesentliche Ursache für den Leerstand genannt.

Wer sich bei der Ursachenforschung derart einschränkt, kommt auch nur zu begrenzten Schlußfolgerungen zur Bewältigung von Leerstand im Kleingartenwesen. Die Frage nach der gegenwärtigen Attraktivität des Kleingartenwesens für den Normalbürger wird erst gar nicht gestellt. Welche Erfolge die Kampagne des BDG zur Gewinnung von jungen Familien für Kleingärten gehabt hat, wird erst einmal in der Studie nicht erwähnt. Folgerichtig prognostiziert die Studie für die Zukunft ein weiteres Anwachsen des Leerstandsproblems im Zuge von Bevölkerungsrückgang und Abwanderung aus strukturschwachen Regionen. Aus dieser Position sind auch die „Empfehlungen“ zur Bewältigung des Leerstandes zu bewerten: Leerstandsentwicklung beobachten und analysieren, Informations- und Erfahrungsaustausch sowie Beratung intensivieren, offensives Marketing und Kooperationen weiterführen, Zusammenarbeit von Kleingärtnerorganisationen, Kommunen und Eigentümern erweitern, strategische Konzepte entwickeln, Finanzierungslösungen für die Leerstandsbewältigung finden und Einsatz von Instrumenten der Arbeitsmarktförderung und des Ehrenamts verstärken. Empfohlen werden Maßnahmen, den Leerstand und seine Zunahme besser zu verwalten.

Bei der Suche nach Ursachen für die Leerstandsentwicklung geht die Studie nur auf demographische Faktoren ein. Nicht befragt wurden Kleingärtner selbst bzw. potentielle Kleingartennutzer. Eine wesentliche Ursache ist die mangelnde Attraktivität von Kleingärten für junge Leute und Familien. Restriktionen bei der Nutzung der Kleingärten wie mangelnder Freizeitcharakter und Einhaltung kleinkarierter Vorschriften schrecken viele potentielle Kleingärtner ab. Die Beschränkung der Laubengröße auf 24 Quadratmeter und Rückbauauflagen bei Abschluß des Unterpachtvertrages sind weitere Abschreckungsgründe für interessierte Kleingärtner. Die steigenden finanziellen Belastungen für Kleingärtner sind ein weiterer Grund für Alternativen zum Kleingarten. So werden gegenwärtig in Mecklenburg-Vorpommern Kleingärtner zur aufwendigen Umrüstung ihrer Abwasseranlagen bis Ende 2013 gezwungen. Dabei haben sie oft nicht die Freiheit selbst zu entscheiden, in welcher Form sie das Abwasserproblem lösen wollen – Kanalisation in Kleingärten würde dem Bundeskleingartengesetz widersprechen.

Gegenwärtig werden durch die Vertragsgestaltung immer mehr Lasten auf die einzelnen Kleingärtner abgewälzt, z. B. die vollständige Beräumung des Kleingartens bei Beendigung des Pachtvertrages. In diesen Fällen überlegt es sich ein Bewerber für einen Kleingarten doppelt und dreifach, eine solche Bürde auf sich zu nehmen. Auch die planmäßige Nutzung von geeigneten Lauben zum dauerhaften ganzjährigen Aufenthalt für junge Menschen, Familien und Rentner wären eine Überlegung wert. Wir haben in Deutschland nicht nur ein demographisches Problem, sondern auch ein soziales – Altersarmut und Zunahme der Differenz von arm und reich. Warum sozial schwächeren Bürgern nicht auch eine Existenzverbesserung in einem Kleingarten anbieten?

Die Planungs- und Investitionssicherheit für Kleingärtner muß erhöht werden. Mit Bebauungsplan gesicherte Dauerkleingärten erhöhen die Attraktivität von Kleingärten, nicht gesicherte Kleingärten verringern sie. Auch der Kauf des Kleingartens oder der Abschluß von Erbbaupachtverträgen sind eine Möglichkeit zur Erhöhung von Planungs- und Investitionssicherheit für Kleingärten. In diesem Fall sind es keine Kleingärten nach dem Bundeskleingartengesetz, aber eben doch Kleingärten. Die Restriktionen des Bundeskleingartengesetzes sind ebenfalls eine Ursache für Leerstände. Dieses Gesetz muß reformiert oder novelliert werden, aber bitte, bevor wir kleingartenfreie Landschaften haben.

Ein ähnlicher Leerstand bei der Nutzung von Freizeit- und Erholungsgärten (Datschen) ist nach Befragungsergebnissen des VDGN bisher nicht zu verzeichnen. Deshalb ist die planmäßige Umwandlung von Kleingärten in Datschen ohne kleingärtnerische Restriktionen eine Lösung zur Nutzung freiwerdender Kleingartenflächen.

Das Vorwort zur Studie schließt mit den Worten, daß die zukünftige Entwicklung des Kleingartenwesens fest im Blick des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bleibt. Zu hoffen ist nur, daß sich der Blickwinkel des Ministeriums mit der Zeit etwas erweitert.

 

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