Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Bei Schmidt an der Chaussee

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 9): Werneuchen

Schlecht zu entziffern: Grabkreuz für Schmidt von Werneuchen
Werneuchens Stadtpfarrkirche St. Michael: Pastor Schmidt war lange tot, als der neugotische Bau 1873/74 errichtet wurde. Der Chor allerdings stammt aus dem 13. Jahrhundert.

„Pffff, pffff, pff, pffff, kn, knnnn, knnnn – Sch..., Sch..., Schmidt von Werneuchen, krrrrr, krrr, krkkk, Schmi..., Schmi..., Schmidt von Werneuchen, pffff, pf, pfff, Schmidt von Werneuchen, hä, hä, hä....“Das Prusten der zwei Schwestern steigerte sich zum Lachkrampf unter Tränen. Sie hatten „Stadt, Name, Land“ gespielt, und zwar in einer Variante, bei der zu jedem aufgerufenen Buchstaben eine bekannte Person auf den Zettel soll. „Schmidt von Werneuchen“, wen hatte er da, der Dritte am Spieltisch, mal wieder erfunden? Ihm war alles zuzutrauen, wenn es um die Punkte beim Spiel ging und das Feld auf seinem Blatt nicht leer bleiben sollte. Wortreich und treuherzigen Blickes dozierte er über Personen, die es angeblich gegeben habe, nannte Jahreszahlen, Werke, Zitate. „Schmidt von Werneuchen, na toll“. Aber jetzt stand er mit einem Lexikon und einem Band Fontane im Türbogen: „Da.“

Ja, ja, Schmidt von Werneuchen. Es ist eine Art Künstlername, der besseren Unterscheidbarkeit wegen.  Eigentlich hieß der Mann nur Schmidt und freute sich seines Daseins als Landpastor im Orte Werneuchen gut östlich 30 Kilometer vor den heutigen Toren Berlins. Doch da er auch dichtete, hängte er dem „Schmidt“ den Namen des Heimatortes an.

 

Goethes Spott, Goethes Lob

Berühmt wurde Friedrich Wilhelm August Schmidt (1764 bis 1838), weil sich Zeitgenossen über seine nicht selten unfreiwillig komischen Verse öffentlich beömmelten. Vor allem auf seine Genügsamkeit, die Beschränkung seines Dichtens auf die ihn umgebende kleine Welt des ländlichen Lebens zielte der Spott. Besonders tat sich der Romantiker August Wilhelm Schlegel hervor. Aber auch Johann Wolfgang Goethe machte mit, als er 1796 in Friedrich Schillers „Musenalma-nach“ das Gedicht „Musen und Grazien der Mark“ drucken ließ. Es enthält die Zeilen: O wie freut es mich, mein Liebchen / Daß du so natürlich bist;/ Unsre Mädchen, unsre Bübchen / Spielen künftig auf dem Mist!/ Und auf unsern Promenaden / Zeigt sich erst die Neigung stark, / Liebes Mädchen, laß uns waten / Waten noch durch diesen Quark.“

Goethes Schmidt-Bashing war nicht durchweg gerecht. Das sah der Olympier später ein, als er notierte: „Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der Natürlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht, und das mit Recht; und doch hätte man sich über ihn nicht lustig machen können, wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hätte, das wir an ihm zu ehren haben.“ Dem Gedanken folgte schließlich Theodor Fontane und setzte dem Landpastor in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein Denkmal, indem er ihn auf mehreren Buchseiten porträtierte und Goethes Lob als „wahrer Charakter der Natürlichkeit“ konkretisierte. Oft sei Schmidt ein „feinfühliger Künstler“ gewesen, „der sich auf die leisesten landschaftlichen Stimmungen, auf den Ton und alle seine Nuancen verstand“. Als Beweis dafür reichten schon diese Zeilen: „Es sauste der Herbstwind durch Felder und Busch,/ Der Regen die Blätter vom Schlehdorn wusch,/ Es flohen die Schwalben von dannen,/ Es zogen die Störche weit über das Meer,/ Da ward es im Lande öd und leer,/ Und die traurigen Tage begannen“.

 

Grab des Kleinmeisters

Das Grab des märkischen Kleinmeisters kann besichtigt werden. Es liegt in Werneuchen, wo er auch starb, direkt neben der Kirche. Und Schmidt ist bis heute der einzige Bürger der Stadt geblieben, dem längerwährender Ruhm nachweht. Alle anderen einigermaßen wichtigen Werneuchener, soweit sie jedenfalls das Internetlexikon Wikipedia kennt, gehören zur Beute von Eingemeindungen der jüngeren Zeit:

• der Sozialdemokrat Adolf Reichwein  (1898 bis 1944), der im„Kreisauer Kreis“ wirkte und als Widerständler gegen Hitler nach dem 20. Juli 1944 am Galgen starb. Er arbeitete als Lehrer in Dorf Tiefensee, das 2003 Werneuchen angegliedert wurde.

• Der Kaufmann Eduard Arnold (1849 bis 1925), der als Beherrscher des Handels mit schlesischer Steinkohle märchenhaften Reichtum erlangte und den Kaiser Wilhelm II. 1913 als einzigen Juden in das preußische Herrenhaus berief. Der Kunstmäzen und Freund von Malern wie Max Liebermann und Adolph Menzel stiftete dem preußischen Staat als Kulturinstitut die Villa Massimo in Rom. Er kaufte sich ein Gut in Hirschfelde, das ebenfalls seit 2003 zu Werneuchens Ortsteilen gehört.

• die Schauspielerin Brigitte Helm (1906 oder 1908 bis 1996), die in Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ die weibliche Hauptrolle spielte. Sie, die eigentlich Schittenhelm hieß, ging zur Schule im „Johannaheim“, das Eduard Arnold gestiftet hatte und in der kleinen Siedlung Werftpfuhl liegt, die mit Hirschfelde zu Werneuchen kam.

Es ist schon so: Sein Dichter Schmidt paßt zu Werneuchen. Schon Fontane sprach mit Bedacht von einem „Städtchen“. Seine Begründung: „Ich sage Städtchen, um dem Lokalpatriotismus einzelner seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten, die das Beiwort ´Stadt´ für ironische Übertreibung und die Bezeichnung ´Flecken´ als Mangel an Respekt ansehen möchten.“ Das ist noch immer so richtig wie der Satz Alfred Döblins: „In Werneuchen ist auch nichts los.“ Wenn man ihn um einen Halbsatz ergänzt: außer auf der B 158.

 

Transit zum Tankparadies

Denn auf dieser Straße wälzen sich Tag für Tag Tausende Autos aus Berlin hin zu den polnischen Tankparadiesen – und wieder zurück. Hier liegt auch das Geheimnis der Existenz Werneuchens. Es ist eine Straße mit Ort und genau das schon immer gewesen. Werneuchen liegt nämlich an einem alten Handelsweg, der aus westlichen Gefilden über Berlin nach Pommern und Ostpreußen führte. Das war mühsam, weil fester Untergrund fehlte, Wälder und Sümpfe das Vorankommen erschwerten.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollte das anders werden. Nachdem 1793 die erste künstliche Chaussee Preußens von Potsdam nach Berlin fertiggestellt war, entstand bald herrschaftlicher Bedarf nach Reisekomfort für die Strecke von Berlin nach  Freienwalde. Denn dort wohnte ab 1798 Königin Friederike Luise im Sommer, also quasi auf ihrer Datsche, nachdem ihr Gatte Friedrich Wilhelm II., genannt auch Der dicke Lüderjahn, 1797 das Zeitliche gesegnet hatte. Königinwitwe Friederike war es dann auch, die den Chausseebau bei ihrem Sohn, dem neuen König Friedrich Wilhelm III., beantragte und dafür gleich Pläne vorlegte. 1806 war das Teilstück von Berlin bis Werneuchen fertig. Doch das erlebte die königliche Petentin nicht mehr. Sie war schon 1805 im Berliner Schloß Monbijou gestorben.

 

Jedes zweite Haus eine Kneipe

Den Werneuchnern brachte die halbseitig gepflasterte Straße – die andere Hälfte war der „Sommerweg“ –, einen mächtigen Aufschwung. Vor allem, nachdem die Fuhrwerke auf der (bitte nicht Ramsauer sagen!) mautpflichtigen Chaussee bis nach Freienwalde rollen konnten, blühte in Werneuchen die Schankwirtschaft. Hatte es vorher drei Gasthöfe, darunter den noch heute wirtschaftenden „Schwarzen Adler“, gegeben, ergab die Zählung im Jahr 1848 stolze 14 Etablissements. Damit kam auf 60 Einwohner eine Gastwirtschaft. „In der Ackerbürgerstadt Werneuchen war die Bestellung der Felder fast zur Nebensache geworden und sprichwörtlich ´jedes zweite Haus eine Kneipe´“, schreibt der Werneuchen-Chronist Martin Kuban.

Das Aufkommen des neuen Verkehrsmittels Eisenbahn nährte in Werneuchen Ängste, es könnte zuende sein mit den Herrlichkeiten „jener kurzen Epoche, die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte“, wie Fontane das nannte. Werneuchen lag damals noch weitab vom Schienennetz. Doch der Dichter gab Entwarnung. Die Fruchtbarkeit der Äcker und der Fleiß der Bewohner, so meinte er, deckten das Defizit, so denn überhaupt eines entstanden sei. Und am 1. Mai 1898, im Sterbejahr Fontanes, konnte die Strecke Berlin-Lichtenberg – Werneuchen eröffnet werden. Noch im selben Jahr – welch Tempo für Verkehrsprojekte in Brandenburg – rollten die Züge weiter bis Wriezen.

Mit dem Wort vom „Chaussee-Interregnum“ allerdings hat Fontane sich geirrt. Wie sollte er auch wissen, daß es in naher Zukunft Automobile und in fernerer Hartmut Mehdorn geben würde. Unter letzterem gab die Deutsche Bahn die „Wriezener Bahn“ an die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft (ODEG) ab. Die Züge fahren nun nur noch bis Werneuchen und sind morgens und abends gut gefüllt. Auf der weiteren Strecke durch die sensationelle Landschaft bei Werftpfuhl, Tiefensee und Harnekopp herrscht Ruhe, bis auf eine Draisinenbahn als Attraktion für Ausflügler aus Berlin. Das Fachwort, das hier zum Zuge kommt, heißt „Streckenstillegung“. Die „Wriezener Bahn“ hat das in anderer Form schon mal erlebt. Mit einem „Schienenwolf“ führte die deutsche Wehrmacht im April 1945 Hitlers „Nero-Befehl“ aus und zerstörte das Gleis von Wriezen bis Werneuchen.

 

Panzer auf dem Königsweg

Man kann sich des Beifalls nicht enthalten, daß sowjetische Panzer die Nazi-Fanatiker auf der von Königin Friederike beantragten Chaussee quasi überholten. Am 20. April 1945, am Geburtstag jenes „Führers“, der sein Volk so verachtete, daß er es mit sich in den Tod nehmen wollte, erreichte der erste Vortrupp der Roten Armee auf der damaligen Reichsstraße 158 den östlichen Berliner Autobahnring. Werneuchen kam bei diesem Vormarsch im Vergleich zu anderen Städten glimpflich davon.

Für Werneuchen ist die Straße die Lebensader im wahrsten Sinne geblieben. Was früher die Kneipen, sind heute jene Verkaufsstellen mit hohem Parkplatzbedarf, die der eine Kaufhalle und die andere Supermarkt nennt. Direkt an der B 158 entstehen gerade wieder zwei neue, die zwei schon vorhandenen ganz in der Nähe an dieser Straße sind auch noch nicht alt. Für sich selbst würden die Werneuchner diese Fülle an Verkaufsfläche nicht brauchen. Aber es gibt eben die Transitreisenden nach Polen und die vielen Berliner mit ihren Gärten im Umkreis des Städtchens.

Jawoll, Neues soll sein: Auch ein Schild an der B 158, das auf das Grab des Schmidt von Werneuchen verführend verweist, wäre ganz nett.

Holger Becker

 

 

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