Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Maßstab ist der Mensch

Für Vernunft statt ideologischer Verbohrtheit in der Berliner Verkehrspolitik, von Peter Ohm

Täglicher Stau in der Straße an der Wuhlheide

„Ick wunder mir über gar nischt mehr“, sang Otto Reutter in den 1920er Jahren im Berliner „Wintergarten“. Sein berühmtes Lied wurde zeitweise zu einer Hymne der Hauptstadt. Es handelte von Verrücktheiten der damaligen Zeit. Und eigentlich meinte er damit, daß er sich über vieles durchaus wunderte, und das nicht mal zu knapp.

Auch heute könnte Reutter für sein Lied ständig mühelos neue Strophen dichten. Denn fortlaufend haben es die Berlinerinnen und Berliner mit neuen Vorschlägen aus Politik und Verwaltung zu tun, bei denen sich vor Erstaunen Pupillen und Nasenlöcher weiten. So kamen Schlaumeier aus der Senatsverwaltung für Stadtverwaltung auf den Gedanken, das Adlergestell zwischen Dörpfeldstraße und Glienicker Weg  von sechs auf vier Fahrspuren zurückzubauen. Ausgerechnet das Adlergestell, das für die Bewohner des Ostteils Berlins eine der wichtigsten Ausfallstraßen in Richtung Südosten ist. Für diesen Unfug sollten 2,8 Millionen Euro ausgegeben werden.

Das Projekt wurde nach Protesten vorerst gestoppt, aber nicht aus den Schubladen der Senatsverwaltung entfernt. Aber allein, daß es erwogen worden ist, zeugt von einem Denken, dem die Interessen und Bedürfnisse der Menschen im Osten Berlins ziemlich gleichgültig sind. Denn die angestammten Ostler, so haben es die politischen Verhältnisse der Vergangenheit nunmal ergeben, sind mit dem Umland stärker verbunden als die einstigen Westberliner oder die Zugezogenen der letzten 20 Jahre. Um zu den Arbeitsstellen, den Ausflugszielen, den Datschen, den Verwandten in Brandenburg zu kommen, brauchen sie meistens das Auto – schon weil nicht wenige regionale Bahnstrecken stillgelegt worden sind. Fahrradfahren ist gut, gesund und umweltschonend, aber in diesen Fällen keine Alternative.

„Ick wunder mir über gar nischt mehr“ könnte man mit Otto Reutter ebenso sagen, wenn man an die Planungen für ein Tempo 30 auf den Hauptstraßen denkt. Oder auch die Halsstarrigkeit bestimmter Leute in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, wenn es darum geht, die Tangentiale Verbindung Ost (TVO) um das immer noch fehlende Teilstück zwischen Märkischer Allee und Straße an der Wuhlheide zu vollenden. Obwohl es vernünftige Alternativen gibt, versuchen sie die TVO auf eine Trasse festzulegen, die Probleme wie den Abriß einiger Häuser mit sich bringt. Man könnte denken, das Projekt soll so verhindert statt realisiert werden. Letzteres ist aber bitter nötig, um die Siedlungsgebiete im Südosten von der jetzigen Verkehrsbelastung zu befreien.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der Berliner Stadt- und Verkehrsplanung oft eine Verbohrtheit durchschlägt, die auf Kriegsfuß mit den Realitäten in der Stadt steht. Zum Beispiel ist nicht bei jeder Maßnahme, die als besonders umweltfreundlich angepriesen wird, das drin, was draufsteht. Stau oder Stop-and-Go-Verkehr, wie er aus Straßenverengungen oder Tempo 30-Limits oft resultiert, führen zu einem höheren Ausstoß von schädlichen Abgasen statt zu dessen Verringerung. Der VDGN setzt sich für Vernunft in der Berliner Verkehrsplanung, was ein gutes und auch für den einzelnen bezahlbares System des Nahverkehrs sowie ein komfortables Netz von Radwegen ein-schließt. Wir alle fahren besser damit, wenn die Bedürfnisse der Menschen in dieser Stadt der Maßstab sind statt ideologisch basierter Wolkenkuckucksheime. Ideologie, das weiß man doch, ist falsches Bewußtsein.

zurück