Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Die Heimat des Jean Paul

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 8): Kuhschnappel und Flachsenfingen, von Holger Becker

Postkarte zum Jean Paul-Jubiläum

„Du kommst wohl aus Kleinkleckersdorf?“ Oder: „Geh doch zurück nach Hintertupfingen!“ Wer den anderen als Provinzling abmeiern will, braucht nicht im Ortslexikon zu blättern. Es gibt dafür feste Begriffe, allerdings unterschieden nach Norden und Süden. Der Fischkopp kommt aus Kleinkleckersdorf, der Schluchtenjodler aus Hintertupfingen.

Das war nicht immer so. Im 18. Jahrhundert und 19. Jahrhundert scheinen es Kuhschnappel und Flachsenfingen gewesen zu sein, die den Duft der kleinen, engen Welt verströmten, die ja damals eine der deutschtypischen Duodezfürstentümer war. Kuhschnappel brauchte nicht erfunden zu werden, den Ort gibt es wirklich, das heißt auch bei Google Maps. Er liegt ganz dicht an der Sachsenautobahn A4 zwischen Hohenstein-Ernstthal und Glauchau. Während Flachsenfingen offenbar ein reines Phantasieprodukt darstellt. Als Heimstatt des deutschen Philisters kommt es bei Georg Weerth und Heinrich Heine, aber auch bei weniger bedeutenden Autoren vor. „Das Vogelschießen zu Flachsenfingen“ hieß ein Lustspiel , das der Trivial- und Vielschreiber Heinrich Clauren 1819 in der damaligen mecklenburgischen Hauptstadt Ludwigslust veröffentlichen und am nahen Schweriner Theater aufführen ließ. Und seine Abrechnung mit dem kläglichen Ausgang der Revolution von 1848/49 stellte der Tübinger Hegel-Verehrer, Strafrechtler und Lyriker Christian Reinhold Köstlin unter den Titel „Denkwürdigkeiten eines deutschen Hausknechts, wie er solche im Jahr des Heils 1848 selbst zu Flachsenfingen niederschrieb“.

Dichterbier und Dichterbrot
Kuhschnappel und Flachsenfingen im Doppelpack hat – nach vorläufiger Übersicht – aber nur einer zu bieten: der Schriftsteller Johann Paul Friedrich Richter, der sich für den Künstlernamen Jean Paul entschied und unter diesem Pseudonym so reich und berühmt wurde, daß er zeitweise darin wohl Goethe übertraf. Am schon verstrichenen 21. März vor 250 Jahren wurde der Mann in Wunsiedel geboren, von dem Abiturienten im Literaturunterricht nur in seltenen Fällen etwas hören.

Aber auch in seiner fränkischen Heimat scheint es mit der Kenntnis über ihn bis vor kurzem nicht weit her gewesen zu sein. Bei einer Geburtstagsfeier für den Dichter vor wenigen Wochen in der Berliner Vertretung des Freistaates Bayern meinte eine nicht mehr ganz junge Dame, sie habe bisher „Jean Paul“ nur als Modelabel gekannt bzw. als Vornamen eines Mannes namens Belmondo. Und der den Abend moderierende CSU-Politiker Hartmut Koschyk gab zu, in seiner bayrischen Heimat sei, wenn schon, vom „Jeans-paul“ die Rede.

Mindestens bis Silvester 2013 wird das anders sein. Denn Tourismuswerber wie auch Kleingewerbler aus den Landkreisen Bayreuth und Hof haben Jean Paul, oder besser dessen Jubiläumsjahr für sich entdeckt. Die wichtigsten Orte im Leben des Autors, der allerdings mehrere Jahre auch in Berlin wohnte, liegen in jener Gegend: Joditz – wo der Sohn eines evangelischen Pastors ein recht glückliches Kind gewesen ist und sich zum Bücherfresser ausbildete, Hof – wo er nach Hungerjahren als Student in Leipzig auch nur kärglichstes Brot als Hauslehrer fand, dann aber seinen Roman „Hesperus oder 45 Hundsposttage“ schrieb, mit dem er sich auf den   Parnaß katapultierte,  Bayreuth – wo der Poet seine Blütezeit durchlief und schließlich am 14. November 1825 das Zeitliche segnete. Dort nun wird im Jahr 2013 ein Jean Paul-Bier gebraut, das auf den passenden Jean Paul-Bierdeckel gestellt werden kann. Es gibt einen Jean Paul-Wanderweg, der insbesondere Wunsiedel, Joditz, Hof und Bayreuth miteinander verbindet. Der Verein Jean Paul 2013 e.V. vertreibt Jean Paul-Postkarten, Jean Paul-Flyer und ein Jean Paul-Veranstaltungsprogramm, das 208 Seiten dick ist. Wir erfahren, Jean Paul sei ein großer Genießer gewesen, weshalb eine Bäckerei jetzt Jean Paul-Brot anbietet, außerdem ein „Liebling der Frauen“, der Erfinder des Nordic Walking und der Bezeichnung „Gänsefüßchen“ für das Anführungszeichen – sowie ein „oberfränkischer Autor von Weltniveau“.

Stern eigener Ordnung
Aber eine Figur aus Jean Pauls Texten läuft uns nicht über den Weg – bis auf das unvermeidliche Schulmeisterlein Maria Wutz, dessen Leben in der dörflichen Abgeschiedenheit vorindustrieller Zeit der Autor selbst als „Eine Art Idylle“ bezeichnete. Wutz, der zwar keine Bücher besitzt, aber alle, von deren Titel er Kenntnis erhält, selbst noch einmal schreibt, ist in der Tat eine liebenswerte Figur und diese stimmungssatte Erzählung der beste Einstieg in die Jean Paul-Lektüre. Dennoch wollen wir ein bißchen mehr darüber wissen, was dieser Dichter denn wollte, der sich als Stern eigener Ordnung an den Literaturhimmel heftete, unabhängig von den zeitgleichen Schulen der Weimarer Klassik und der Romantik. Vielleicht Veränderungen in Flachsenfingen und Kuhschnappel? Denn das soll´s ja geben, daß Schriftsteller für Veränderungen sind.

In dieser Frage lieferten uns selbst die deutschen „Qualitätstageszeitungen“ in ihren Jean Paul-Jubiläumsartikeln keine bessere Beratung als die oberfränkischen „Touristiker“. Wohin man auch las in den deutschen Feuilletons, es ging im allerbesten Fall um die Form bei Jean Paul. Über die ja auch zu reden ist, über den unübersichtlichen Aufbau seiner Texte mit ihren Einschüben, Anmerkungen und Abschweifungen, die manchmal partout nicht zur Haupthandlung zurückkehren wollen, über das Wuchern der Metaphern, über den enormen Bildungshintergrund des Dichters, den der dem Leser nicht verschweigen kann und will. Richtig, es ist nicht immer möglich, Jean Paul zu lesen. Nötig sind Ruhe und Ausgeruhtheit, die passende Stimmung des Lesers und bewußte Konzentration bis zu dem Punkt, wo der Text genügend Saugkraft entwickelt hat.

Neue Klänge aus Paris
Doch bitte: Was ist mit dem Inhalt? Hatte Jean Paul auch ein Thema? Ein Tip für Leser, die sich die Jean Paul-Welt um Kuhschnappel und Flachsenfingen tiefer erschließen wollen: Man ziehe Wolfgang Harich (1923 bis 1995)  zu Rate, der 1974 gleichzeitig im Berliner Akademie-Verlag (DDR) und im Reinbeker Rowohlt-Verlag (BRD) sein Buch „Jean Pauls Revolutionsdichtung“ veröffentlichte. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler, dessen Vater Walther Harich eine Jean Paul-Biographie geschrieben hatte, beschäftige sich in den 1960er Jahren in seiner Bautzener Gefängniszelle mit dem großen Humoristen aus Oberfranken, nachdem ihn 1957 das Oberste Gericht der DDR wegen „Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt hatte. Jean Paul stellt er uns als einen Mann vor, der die große Revolution der Franzosen von 1789 freudig begrüßte, von dieser Haltung im Unterschied etwa zu Friedrich Schiller auch nicht während der jakobinischen Schreckensherrschaft abrückte und vor allem wollte, daß die französische Melodie auch in Deutschland erklinge. Seinen Künstlernamen hatte der Schriftsteller zu Ehren von Jean Jaques Rosseau gewählt.

Schon Ludwig Börne hatte den Oberfranken, der seine literarische Karriere als Satiriker, also mit dem Genre der Unversöhnlichen begann, als „Dichter der Niedergeborenen“ und „Sänger der Armen“ gewürdigt. Und bei Johann Paul Friedrich Richter lagen durchaus biographische Gründe vor für seine Weltsicht, die er zwar vielleicht auch bei anderem sozialen Herkommen entwickelt, aber wohl nicht in so „lebenswahre Poesie“ (Harich) hätte umsetzen können, wie er es tat. Als Hauslehrer auf einem Gut im fränkischen Töpen hatte er kennengelernt, was Gutsherrschaft und Großgrundbesitz bedeuteten: Menschenschinderei, Elend und Rechtlosigkeit der Fronbauern, die der Gerichtsbarkeit ihres Gutsherrn unterworfen waren.

Als „Revolutionsdichtung“, die einen Weg zum Umschwung der Verhältnisse im zersplitterten Deutschland sucht, sieht Harich drei der Jean Paulschen Romane: die unvollendet gebliebene „Unsichtbare Loge“, das Erfolgswerk „Hesperus“ und den „Titan“. In ihnen zeige er eine „revolutionäre Perspektive“. Dem ist widersprochen worden mit dem Argument, auch bei Jean Pauls Protagonisten, die alles zum Guten drehen sollen, gehe es letztlich um das Ideal des aufgeklärten Fürsten. „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein wandte ein, es könne nicht weit her sein mit dem Revolutionären in einem Buch wie dem „Hesperus“, wenn das zur Lieblingslektüre der Preußenkönigin Luise avanciere.

Harichs Hommage
Augstein immerhin widmete dem Buch Harichs, der Jean Paul darin auch zu einer Art Vorkämpfer der Einigung Deutschlands erklärte, 1974 eine lange Rezension in seinem Magazin. Das dürfte nicht nur persönliche Gründe gehabt haben. Augstein und Harich kannten sich lange. Kurz vor seiner Verhaftung in der DDR-Hauptstadt 1956 hatte Harich den „Spiegel“-Herausgeber in Hamburg besucht. Der war nun sichtlich beeindruckt von der Opulenz der auf mehr als 600 Buchseiten in feinem Stil niedergelegten Harichschen Kenntnisse. Er nannte es, etwas neckisch, ein Buch für Bildungsbürger.

Die DDR, in der er Jean Paul mit seiner Hommage eine Heimat zu geben suchte, wollte auch danach vom Selbstdenker Harich nichts wissen, der Westen ebensowenig. Gut, daß in nächster Zeit eine Reihe wichtiger Schriften dieses Mannes, der zu den wichtigsten deutschen Intellektuellen in der Zeit des Kalten Krieges gehörte, in mehreren Bänden auf den Buchmarkt kommen soll. Gut auch, daß der 250. Geburtstag Jean Pauls nicht ohne Tamtam vorübergeht. Unseretwegen auch mit Jean Paul-Brot und -Bier. Vielleicht zieht´s ein bißchen Aufmerksamkeit ab vom Rummel um Richard Wagner, der ausgerechnet in Bayreuth sein Zentrum hat. Woody Allen sagte über dessen Musik, wenn er die höre, bekomme er immer Lust, Polen zu überfallen. Was bei Jean Paul garantiert nicht passieren kann. 

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